Friede und Überlebenskampf

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um den Vertrag, der menschliches Zusammenleben ermöglicht.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Warum? Alle Menschen möchten Frieden, warum gibt es dann keinen Weltfrieden? Warum gibt es Kriege, Diebstahl, alle Arten von Verbrechen? Niemand möchte bestohlen, verletzt oder getötet werden und dennoch passiert dies jeden Tag. Warum?

Thomas Hobbes (1588-1679), Philosoph und Staatstheoretiker, sieht den Menschen in seinem Buch „Leviathan“ als einen, der Leidenschaft und Vernunft in sich vereinigt. Die ursächlichen Kräfte nutze der Menschen, um am Leben zu bleiben. Dem Menschen gehe es im Allgemeinen um Macht. Die Qualität der Dinge werde am Maßstab ihres Nutzens für die Machtperspektive gemessen. Daraus leitet er ab, dass jeder dem anderen ein Feind sei, weil jeder diesen Anspruch stelle und damit bei anderen gleichzeitig gefährden kann.

Konflikte entstehen, weil alle Ressourcen endlich sind. Der Egoismus des Einzelnen ist auch der Egoismus des Anderen. Wenn Egoisten aufeinandertreffen, gibt es einen Kampf jeder gegen jeden, der für alle zur Bedrohung wird. Die daraus sich ergebende Furcht um das eigene Leben lässt die Vernunft zu dem Schluss kommen, dass um des Überlebens willen Regeln notwendig sind. Gegen die ungehemmte Entfaltung des Egoismus bedarf es des Staates als Regulativ.

Hobbes geht davon aus, dass der Krieg jeder gegen jeden aufgehoben werden kann unter der Prämisse, dass der Staat für Regeln und Gesetze sorgt. Er solle das menschliche Zusammenleben garantieren. Regeln und Gesetze werden durch Verträge erreicht. Im grundlegenden Vertrag, der den Naturzustand des „Jeder gegen Jeden“ beendet, werden die individuellen Rechte auf eine souveräne Gewalt übertragen.

Naturzustand des Egoismus führt zu Krieg

Im Naturzustand, der aus Egoismus und blinder Leidenschaft besteht, kommt es zwangsläufig zu Krieg, weil alle Menschen gleich sind, gleiche Ansprüche stellen und niemand zurücktreten möchte. Jeder tut das, was er für richtig hält. Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht sind die Antriebe und der latente Kriegszustand die Folge. Spannenderweise kollidiert die Pflicht auf Selbsterhaltung mit dem Recht auf Selbsterhaltung. Der wechselseitige Verzicht auf die eigenen Leidenschaften bildet nun die Basis des Wunsches nach Frieden. Nach Hobbes müssen alle diesen Vertrag eingehen, um den Naturzustand des Kampfs zu überwinden. Ein solcher Vertrag kann gebrochen werden, das hat aber die Konsequenz, dass der, der den Vertrag verletzt, zur Rechenschaft gezogen wird.

Das Spannende dabei ist, dass ein solcher Vertrag auf stillschweigenden Übereinkünften beruht, die jederzeit unterlaufen werden können. Recht ist zwar eindeutig, aber auch dehnbar und jeder könne das ausnutzen. Beispielsweise kann ich einen gefundenen Geldbeutel im Fundbüro abgeben oder ihn behalten. Wenn letzteres geschieht, verstoße ich gegen unausgesprochene Regeln, die zwar eingeklagt werden könnten, aber nur dann, wenn man mir dies nachweist.

Warum gibt es keinen Frieden? Weil sich nicht jeder an die geschriebenen und ungeschriebenen Verträge der Unversehrtheit hält; weil stillschweigende Übereinkünfte unterwandert und Grauzonen genutzt und instrumentalisiert werden, für den Egoismus des Einzelnen auf Kosten des Wohles aller. Ein Gesellschaftsvertrag, der Frieden garantiert, ist utopisch, doch es handelt sich um eine Utopie, die uns alle am Leben erhalten könnte. Die Frage nach dem Warum ist der Stein des Anstoßes, der uns für Utopien, Visionen und Ideale öffnet. Eine lohnenswerte, zumindest nachdenkenswerte Öffnung.

Literaturempfehlung: Thomas Hobbes: Leviathan. Stuttgart 1986.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über den sich stetig erweiternden Erkenntnisprozess.

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Erstellt:
16. August 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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