Frieder Kräuter legt Fäden aus den Händen

Gernsbach (ham) – Doppelter Abschied: Nach der Puppentheaterwoche kündigt Frieder Kräuter auch das Ende seines Gugelhupf-Theaters an. Im Herbst will der 69-Jährige die Fäden aus den Händen legen.

Frieder Kräuter spielt am liebsten mit Kasper und Gretel. Beide Puppen wandern wohl demnächst ins Museum. Foto: Hartmut Metz

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Frieder Kräuter spielt am liebsten mit Kasper und Gretel. Beide Puppen wandern wohl demnächst ins Museum. Foto: Hartmut Metz

Den Blues bekommt Frieder Kräuter sicher nicht, wenn „Die Berliner Stadtmusikanten“ bei der 33. Puppentheaterwoche in Gernsbach zum letzten Mal in seiner Ära über die Bühne tanzen. Vielleicht kommen der Rentner-Blues und etwas Wehmut bei dem 69-Jährigen erst auf, wenn seine Lieblingsfigur, der Kasper, im Herbst endgültig im Koffer verschwindet, weil er nach 41 Jahren auch das Ende für sein Puppentheater Gugelhupf plant.
Ob Kräuter dann zum Abschied sein aktuelles Stück „Kasperblues – Liebe, Schnaps&Rebellion“ mit seiner Lieblingsfigur oder „Frankenstein“ als sein Lieblingswerk aufführt, ist noch offen – sicher dürfte dagegen sein, dass ihn die Fans mit stehenden Ovationen verabschieden werden, denn schließlich hat Kräuter die Marionetten ins Murgtal gebracht. Der Gernsbacher rief 1989 die Puppentheaterwoche ins Leben, die seitdem rund 65.000 Besucher in ihren Bann zog.

Selbst entbrannte Kräuters Liebe zu diesem Metier erst spät. „Ich probierte viele Sachen aus“, erzählt er von seinem beruflichen Werdegang, der als Konditor begann. Hernach sattelte er auf „Freizeitpädagogik“ um, verspürte aber rasch „wenig Lust, Hotelgästen Federball beizubringen“. So wurde er Erzieher. Im Mühlburger Bahnhof wurden die Kinder auch mit Puppentheater bespaßt. Als ihn sein Chef zu einem Fortbildungskurs „Puppenbauen und -spielen“ entsandte, fing der Murgtäler Feuer: „Ich spielte damals Theater und stellte fest: Da kann man ja alleine Theater spielen!“

Daheim schrieb der Selfmade-Puppenspieler das Stück „Drei Geschichten mit Musik“ und bot seine Künste mehreren Kindergärten an. „In Baiersbronn wurde ich gleich zweimal engagiert“, berichtet Kräuter von seinen Anfängen 1981. „Nach der Vorstellung fuhr ich nach Hause zu meiner Frau Annette und sagte: ,Es klappt, ich kündige!’“ Die heutigen Studenten in der Abteilung Puppentheater der Berliner Ernst-Busch-Hochschule würden ob dieser „risikoreichen“ Blauäugigkeit nur „ungläubig den Kopf schütteln“, ist sich der Altmeister aus Gernsbach sicher. „Doch ich hatte eine Frau, die es mitträgt“, betont Kräuter mit Blick auf seine Annette, die den Figuren bis zu ihrem Tod vor drei Jahren passende Kleider nähte. Diese Zäsur führte wohl auch zum Entschluss, ohne ihre Unterstützung nach dem Corona-Neustart mit der 33. Puppentheaterwoche das Zepter tatsächlich aus den Händen zu legen.

Gründer lässt sich nicht zum Kasper machen

Nur einmal stand die Liebes-Liaison zwischen der Puppentheaterwoche und ihrem Schöpfer vor der Scheidung. Es muss laut Kräuter so in der Mitte der 33 Auflagen gewesen sein. Mitorganisatoren kamen auf die Idee, Bandenwerbung an die Bühne zu stellen. „Etwa ,Die drei Schweinchen und der Wolf’ wird Ihnen präsentiert von der Metzgerei X“, scherzt der 69-Jährige im Rückblick und machte den Mitstreitern klar, dass er sich nicht zum Kasper machen lasse, sprich: „Ich schäme mich nicht hier in Gernsbach vor dem ganzen Verband!“ Der Vater des Festivals drohte „aufzuhören, wenn die Werbung weiter als bis zur Kasse kommt. Das Thema erledigte sich dann schnell“, schmunzelt das Urgestein.

Ansonsten zeigt sich der Murgtäler zufrieden mit seiner Entscheidung vor 41 Jahren, den Puppen sein Leben zu widmen: „Ich bin glücklich, ich konnte damit meine Familie ernähren!“ Zu Beginn reichten dafür die Auftritte in Kindergärten. Dass er davon gewiss „gut leben kann“, prophezeite ihm ein älterer Kollege und schob nach, „aber zu Festivals kommst du nicht.“ Damit weckte er den Ehrgeiz des Autodidakten, der nach zehn Jahren den Kollegen widerlegte. Aufwind kam durch eine späte Einsicht: „Ich habe lange nicht begriffen, dass ich mit einem Regisseur arbeiten muss. Einer muss vor der Bühne stehen und seine guten Ideen und Erfahrungen einbringen.“ Dank der Zusammenarbeit mit Friederike Krahl wurde „Die Bettleroper“ zum Erfolg und führte zur Einladung ins schweizerische Ascona. „Darauf bin ich stolz. Das spricht für meine Arbeit“, sagt die Murgtal-Legende und war fortan auch wegen der Puppentheaterwoche in der Szene fest vernetzt.

An die 40 Stücke entwickelte er über die Jahrzehnte. Und zudem wollte er sein eigenes Baby in Gernsbach immer voranbringen. Auch das gelang. Bei seinem Abschied Anfang April freut er sich, dass die Firma „Hell begeistert“ für „guten Ton und Licht sorgt, um nun auch größere Inszenierungen wie die des Theaters Magdeburg nach Gernsbach holen zu können“.

So spielt am 3. April bei „Das blaue Licht“ wenigstens Sohnemann Florian Kräuter bei der Puppentheaterwoche mit – Frieder verkniff sich dies all die 33 Jahre: „Es gibt so viele gute Kollegen, da muss ich mich nicht einmischen. Ich will ja zeigen, was es alles in dem Bereich gibt“, verzichtet der Gernsbacher Impresario anders als manch anderer auf die Nabelschau beim eigenen Festival – obwohl „Kasperblues“ durchaus geeignet wäre.

Als ehemaliges Band-Mitglied bringt der 69-Jährige seine alten Lieben, den Blues und den Kasper, zusammen. Dabei entwickelte Sohn Florian das Stück erstmals als Regisseur mit. Als natürlichen Nachfolger bei der Puppentheaterwoche und bei Gugelhupf sieht Kräuter den Junior indes nicht: Zum einen sei er als Festangestellter beim renommierten Puppentheater Magdeburg räumlich „zu weit weg“, zum anderen „arbeitet er dort anders. Meine Stücke sind außerdem abgespielt“, zeigt Frieder Kräuter Verständnis, dass Florian nicht in seine Fußstapfen beim Familienunternehmen Gugelhupf tritt.

Was passiert dann mit den 100 bis 150 Protagonisten, die Kräuter mit seiner Frau Annette in mühevoller Kleinarbeit – „vom ersten Zeichnen über Sägen und Schnitzen des Holzes bis zum Bekleiden gehen etliche Stunden drauf“– erschuf? Die Handpuppen, die auf dem freien Markt einen Verkaufspreis von 300 bis 500 Euro erzielen, sollen „nicht bei mir unten im Keller in Koffern liegen, bis sie irgendwann die Motten kriegen“, betont der Künstler.

Über 100 Puppenwandern ins Museum

Daher hat er sich erste Gedanken darüber gemacht: „Vielleicht gebe ich sie alle ins Museum in Lübeck oder Bad Kreuznach, wo schon einige Figuren von mir ausgestellt sind.“ Erst einmal wartet Frieder Kräuter jedoch seine Abschiedsvorstellung im November ab, wenn er die Fäden endgültig auch bei seinem Puppentheater Gugelhupf aus den Händen legt.


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