Friseure in Bühl bangen um ihre Existenzen

Bühl (sga) – Seit dem 16. Dezember müssen Friseursalons erneut geschlossen bleiben. Das führt bei den Inhabern zu sorgenvollen Mienen und finanziellen Problemen.

Darf seit Wochen keine Kunden mehr bedienen: Uwe Gressinger ärgert sich über die aktuelle Situation. Foto: Bernhard Margull

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Darf seit Wochen keine Kunden mehr bedienen: Uwe Gressinger ärgert sich über die aktuelle Situation. Foto: Bernhard Margull

Ob Spitzen schneiden, Föhnfrisur oder Ansatz färben: Momentan ist nicht viel drin, was die Haare betrifft. Seit dem 16. Dezember bleiben die Salons coronabedingt geschlossen, Scheren liegen unbenutzt in den Schränken. „Es reicht jetzt, wir haben kurz vor Zwölf“, ärgert sich Uwe Gressinger. Der Inhaber des Friseursalons Haarscharf in Bühl hofft auf die baldige Öffnung seines Ladens – und damit ist er nicht allein.

Es sind große finanzielle Probleme, vor denen die Saloninhaber schon seit Monaten stehen. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass unter anderem Friseure ihrer Arbeit nicht nachgehen können. Bereits im Frühjahr vergangenen Jahres sieht sich die Regierung aufgrund der stark zunehmenden Infektionszahlen dazu gezwungen, mit einem ersten Lockdown auch die Friseursalons zu schließen – ein Schock für alle Selbstständigen.

Weniger Arbeit, weniger Umsatz

Und der Schock vertieft sich, als am 16. Dezember zum zweiten Mal die Türen geschlossen werden müssen. „Vielen meiner Friseurkollegen, die bisher nur wenig oder gar keine Rücklagen bilden konnten, steht die finanzielle Lage bis zum Hals“, weiß Gressinger. „Im Internet werden immer mehr Salons und Saloneinrichtungen zum Verkauf angeboten.“ Doch der Inhaber von Haarscharf ist nicht nur um die Existenzen besorgt, sondern auch mit den Entscheidungen der Regierung unzufrieden. Immerhin wurde in sicherheitsbewussten Salons bereits nach dem ersten Lockdown mit genügend Abstand gearbeitet – meist nur an jedem zweiten Platz. Dazu komme auch, dass in seinem Salon ab Mai ein Schichtwechsel stattfand, wodurch sich die Öffnungszeiten verlängert haben. „Durch diese Maßnahmen steht jedoch weniger Arbeitszeit zur Verfügung.“ Die Folge: Weniger Umsatz. Außerdem werde der Gewinn sämtlicher Betriebe durch die steigenden Ausgaben bei beispielsweise den Zulieferfirmen, der Krankenkasse oder den Gas- und Wassergebühren mehrmals geschmälert.

Nicht nur Gressinger spricht von den Vorsichtsmaßnahmen, die eine Infektion innerhalb des Salons fast unmöglich erscheinen lassen. Als Obermeisterin der Friseurinnung weiß Petra Albrecht: „Damit wir trotz Corona weiterarbeiten können, haben wir sehr viel Geld und Zeit investiert.“

Hilfe vom Staat lässt auf sich warten

Termine wurden telefonisch vereinbart und vor Ort alles nach Gebrauch desinfiziert, Infektionsverfolgungslisten lagen aus und Umsatzeinbußen wurden in Kauf genommen. „Das hat gut funktioniert“, so Albrecht, die Inhaberin eines Salons in der Bühler Johannes-Passage ist. Mit dem ständigen Warten auf Besserung wird ihr Unmut immer größer.

Auch, weil die versprochene finanzielle Hilfe vom Staat immer noch auf sich warten lässt: „Ich bin wütend darüber, dass ich mich solidarisch zeigen muss, aber auf der anderen Seite seit dem 16. Dezember ohne Unterstützung alles weiterlaufen muss“, sagt Albrecht. Miete, Löhne und Gehälter müssen schließlich bezahlt werden. Und: „Mitarbeitern in Vollzeit reicht das Kurzarbeitergeld bei Weitem nicht aus, um ihre laufenden Kosten zu bezahlen“, ergänzt Gressinger. Ganz zu schweigen von Teilzeitkräften, die gar keine finanzielle Unterstützung erhalten.

„Es ist allerhöchste Zeit“

Der Friseur kann nicht verstehen, weshalb Salons in der Schweiz und auch Luxemburg öffnen können und unter den bestehenden Corona-Regeln ihre Kundschaft bedienen dürfen: „Deshalb ist es allerhöchste Zeit, dass auch in Deutschland die Friseure wieder öffnen.“ Auch, weil sein Job sonst bald nicht mehr so verbreitet sein könnte: „Viele Mitarbeiter kündigen aus Angst vor einer finanziellen Notlage ihren Arbeitsvertrag“. Dabei hätten sie ihren Beruf mit Herzblut ausgeübt.

Kommentar

Entscheidung wird fällig
Von Sarah Gallenberger

Die Pandemie sorgt nicht nur im, sondern auch auf dem Kopf für Chaos. Immerhin müssen Friseursalons seit Mitte Dezember erneut ihre Türen geschlossen halten. Doch das größte Leid trägt nicht der Mensch, der sehnlichst auf einen neuen Haarschnitt wartet. Es sind die Friseure, unter ihnen vor allem die Selbstständigen, die vor einem mächtigen Problem stehen. Von was sollen Angestellte bezahlt werden? Von was die Miete? Und vor allem: Wie soll man seine Existenz sichern, wenn die Grundlage dafür gar nicht stattfinden darf? Natürlich fordern die Infektionszahlen hartes Durchgreifen seitens der Regierung. Doch wie weit kann dem gesellschaftlichen Leben der Riegel vorgeschoben werden, ohne einzelnen Menschen die Lebensgrundlage zu nehmen? In Zeiten von Corona scheint es, als ob selbst die Politik keine Antworten auf diese Fragen hat. Einerseits verständlich, immerhin befinden wir uns gerade in einer Situation, die es in dieser Konstellation zuvor noch nicht gegeben hat. Andererseits lässt eben dieses Verständnis mit der Zeit auch nach, denn die Pandemie hat nicht gestern begonnen. Dass Saloninhaber mittlerweile sauer sind, hat nichts damit zutun, dass sie die Maßnahmen nicht einhalten wollen. Sondern damit, dass seit Wochen auf eine Entscheidung gewartet wird, die mittlerweile mehr als fällig ist.

Wie soll sich ein Mensch auf eine Situation einstellen, wenn die Spielregeln immer wieder geändert werden? Erst bleibt alles offen, dann gibt es den Lockdown – um ihn schließlich zu beenden und dann wieder einzuführen. Als Trost verspricht die Regierung staatliche Hilfen, die bis heute auf sich warten lassen. Dabei hat ein Selbstständiger, der sich Tag für Tag den Kopf über Laden und Angestellte zerbrechen muss, keine Zeit zum Warten. Morgen will sich die Bundeskanzlerin erneut mit den Regierungschefs der Länder über wichtige Fragen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie beraten. Ob sich danach etwas an der derzeitigen Situation ändern wird, bleibt abzuwarten. In jedem Fall jedoch ist eine Entscheidung fällig. Das ist die Regierung jedem Saloninhaber schuldig.

Ihr Autor

BT-Volontärin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
8. Februar 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 43sec

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