Froschkonzerte in Notbesetzung

Offenburg (vn) – Amphibienschützer warnen vor dramatischen Verlusten bei Molchen, Kröten und Fröschen. Sie fordern, die Landschaft wieder feuchter werden zu lassen und Biotope besser zu vernetzen.

Bedingt paarungsbereit: Der Bestand an Grasfröschen ist in 50 Jahren um 90 Prozent gesunken. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archiv

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Bedingt paarungsbereit: Der Bestand an Grasfröschen ist in 50 Jahren um 90 Prozent gesunken. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archiv

„Stark negativer Trend“, „deutlicher Rückgang im hohen zweistelligen Prozentbereich“, „besorgniserregende Entwicklung“ – der Verein Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg (ABS) mit Sitz in Offenburg wählt Krisenvokabeln, um auf den dramatischen Schwund der meisten Amphibienbestände aufmerksam zu machen. Anders gesagt: An den Tümpeln wird es still. Froschkonzerte finden nur noch in Notbesetzung statt, weil die Solisten mit beängstigender Geschwindigkeit aussterben. Eine seit Jahrmillionen anhaltende Konzertreihe steht vor dem Aus.
Wie kommen die Tierschützer zu ihrer Einschätzung? „In Baden-Württemberg gibt es etwa 900 Amphibienwanderstellen“, erläutert Hubert Laufer vom ABS. Oft schon seit 30 Jahren werden an diesen Stellen jeden Frühling Amphibien über die Straße getragen und gezählt. „In diesem Jahr ging der Bestand an Molchen, Kröten und Fröschen landesweit um mehr als 50 Prozent zurück, an einigen Wanderstellen sogar um mehr als 90 Prozent.“

Erste Berichte aus den verschiedenen Landesteilen hätten schnell klar gemacht, dass sich die bereits in den Vorjahren negative Entwicklung fortsetzt und die Daten für dieses Jahr verheerend ausfallen. „Der Rückgang vieler Bestände hat sich nochmals beschleunigt“, so Laufer, „ganze Populationen könnten verschwinden“.

Sehr stark betroffen sind Moorfrosch, Gelbbauchunke und Grasfrosch. Auch Wechselkröte und Kreuzkröte verzeichneten erhebliche Rückgänge, während sich Arten wie Teichfrosch und Bergmolch offenbar stabiler entwickelten.

Der Schwund hat viele Ursachen: zerstörte Lebensräume, Tod durch Überfahren, unüberwindbare Barrieren wie Kanäle oder riesige Ackerflächen, fehlende Nahrung zum Beispiel durch Insektensterben, Krankheiten und Parasiten, Verdrängung durch gebietsfremde Arten, Pestizideinsatz in der Landwirtschaft sowie Gefahren durch Fressfeinde wie Waschbären. „Zu all diesen Gefährdungsursachen kommt jetzt der Klimawandel on top hinzu“, so Laufer, „er wirkt direkt und/oder verstärkt die oben genannten Faktoren“.

Der Biber als Lehrmeister

In einer Videokonferenz haben dieser Tage mehr als 250 Experten Daten gesammelt und Forderungen formuliert. Eine der wichtigsten Neuigkeiten: Erstmals kann ab kommender Saison ein einheitliches Programm zur überregionalen Datenerfassung eingesetzt werden, das von einem IT-Fachmann und dessen Tochter entwickelt wurde. Es soll anwenderfreundlich sein und unter Einbindung des Kartenprogramms Open-Street-Map eine „genaue Verortung bis auf den einzelnen Sammeleimer“ ermöglichen. Vor allem stehen auf dieser Grundlage künftig viel mehr vergleichbare Zahlen zur Verfügung.

Als Konsequenz aus den zu trockenen Jahren seit 2018 fordert Laufer im Gespräch mit dem BT ganz konkret Maßnahmen, um die Landschaft wieder feuchter werden zu lassen. „Das können große Überschwemmungsgebiete sein, aber auch Auen an kleinen Flüssen.“ Neue Gewässer müssen angelegt und die Biotope vernetzt werden, um Amphibien ideale Lebensbedingungen zu bieten. „Alle zehn Kilometer ein Biotop hilft nichts. Das Netz muss dichter werden.“

Die Natur zeigt, wie so etwas aussehen kann. Im Kreis Ravensburg gibt es nach Angaben von Bertrand Schmidt vom dortigen Landratsamt mittlerweile mehr als 280 Biberreviere, beispielsweise im Altdorfer Wald. Die Tiere sorgen durch ihre Bautätigkeit für neue Gewässerlandschaften und eine neue Dynamik zwischen Wald und Offenland. Temporäre und dauerhafte Sümpfe sind entstanden, die Artenvielfalt wächst. Davon profitieren insbesondere Gras- und Laubfrosch. Während Amphibien in den Fangeimern „häufig abgemagert“ erscheinen, seien die Amphibien in den Biberrevieren „bestens genährt“.

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
19. Mai 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 34sec

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