„Fühlt sich an wie nach den Sommerferien“

Baden-Baden (fvo) – Die Gymnasien in Baden-Baden nehmen in reduzierter Form wieder den Schulbetrieb auf. BT-Redakteur Franz Vollmer hat sich am Richard-Wagner-Gymnasium an Tag eins nach der Corona-Zwangspause umgesehen.

Launiges Wiedersehen – mit Abstand: Lehrkraft Raoul Pabst stimmt seine Abischützlinge schon mal auf die Deutsch-Prüfung ein. Foto: Vollmer

Launiges Wiedersehen – mit Abstand: Lehrkraft Raoul Pabst stimmt seine Abischützlinge schon mal auf die Deutsch-Prüfung ein. Foto: Vollmer

Das Ganze hat ein bisschen was von Verkehrsübungsplatz. Nach dem ersten Boxenstopp am Desinfektionspender ist an den Treppenabsätzen erstmal Einbahnstraße angesagt. Rechte Spur aufwärts, linke Spur abwärts – und die Mittelleitplanke alias Geländer nicht touchieren. Und dann gehts direkt in den „Kreisverkehr“, sprich in einen zum Waschsalon umfunktionierten Raum.
Von Schülern ist im Richard-Wagner-Gymnasium erst einmal wenig zu spüren am Tag eins nach der Corona-Zwangspause. Hier und da eine vereinzelte Seele auf der Zwischenebene wie Schülersprecherin Vanessa Zellmann, die sich gerade ganzrationalen Funktionen widmet. Ein gefülltes Klassenzimmer zu finden ist Glückssache. Und wenn, herrscht eine seltsam gedämpfte Stimmung. „Das fühlt sich an wie nach den Sommerferien“, fasst Abiturient Steven Gade die Gefühlslage zusammen. Andere wie Eliane Volkmann sprechen von einer „komischen Situation“. Auch Jule Vollmer findet es „sehr merkwürdig, ja fast schon irgendwie bedrückend“ – die Kurskollegen zur Begrüßung nicht umarmen zu können.

Gelbe Tapebänder als Markierung

Zwölf Tische sind geräumig im Raum verteilt. „Wir haben einen gewissen Bewegungsdrang einkalkuliert und sie auf zwei Meter Abstand gebracht“, erklärt Schulleiter Matthias Schmauder, zugleich geschäftsführender Schulleiter der Baden-Badener Gymnasien. Der Rest des Kurses ist im Nebenraum untergebracht, derweil Lehrer Raoul Pabst wie ein Pendelbus hin- und her-switcht, erste Instruktionen gibt und versucht, seinen Deutsch-Abikurs parallel zu bespaßen. Zwei Schüler tragen Masken, sie sind keine Pflicht, aber Option. Am Boden sorgen gelbe Tapebänder für die Tischmarkierung. Das Lehrerpult ziert eine Plexiglasscheibe.

Korrekte Fahrtrichtung bitte einhalten: RWG-Schulleiter Matthias Schmauder. Foto: Vollmer

© fvo

Korrekte Fahrtrichtung bitte einhalten: RWG-Schulleiter Matthias Schmauder. Foto: Vollmer

„Wir haben vor allem bei den Pflichtfächern die Kurse oft parallel in zwei Räume verteilen müssen“, erklärt Schmauder und vergisst nicht zu betonen, dass „die letzten beiden Wochen schon eine Herausforderung“ waren. Gerade der Stundenplan war bei 126 Schülern, die am RWG eingestiegen sind (53 in der Stufe I, 73 in der Stufe II) eine logistische Meisterleistung. Im Gegensatz zu Klasse elf, die nach regulärem Stundenplan unterrichtet wird, geht es eine Stufe höher weit unrhythmischer zu, wenn die Zusammensetzungen nach zwei Stunden wieder wechseln. „Wir haben uns bemüht, dass es wenig Leerlauf gibt“, so Schmauder.

Seifenspender im Self-made-Style

Um das Ganze im Gebäude zu entzerren, starten die Stufen zeitversetzt. Die Elftklässler um 7.45 Uhr, die Abiturienten um 8.15 Uhr. Zudem werden alle fünf Trakte des Schulgebäudes weidlich genutzt, um die Kontaktgefahr gering zu halten. Auch Improvisation ist gefragt. Der Seifenspender am Schuleingang ist Self-made-Style. „Den hat uns ein Apotheker zusammengebaut“, berichtet Schmauder in einer Mischung aus wenig Peinlichkeit und viel Stolz. Kreide als Übertragungsherd ist weniger das Problem. Die Lehrkräfte, von denen 35 vor Ort arbeiten (20 Prozent fehlen), sind alle mit Ipad ausgestattet: Text oder Material an die Leinwand gebeamt – fertig.

Hauptproblem ist indes, dass „alle zwei Tage neue Vorschriften vom Ministerium kommen“, stöhnt Schmauder. So wurde am Freitag noch entschieden, dass vorerst nur die für die schriftlichen Prüfungen relevanten Fächer unterrichtet werden, der digitale Unterricht anderer Fächer ist untersagt. Sport ist ohnehin tabu (maximal in Theorieform), bei Neigungsfächern mit wenig Teilnehmern gibt es Kooperationen mit anderen Schulen. Zwischendurch ist immer wieder „Rundlauf“ angesagt. Je zwei Klassenzimmer pro Trakt wurden zum „Handwaschsalon“ umfunktioniert, wobei die Tische, wie in einer Art Wagenburg verrammelt, den Kreisverkehr vorgeben. Türen sind allesamt geöffnet, Staus sind quasi tabu. Für die Pausen bietet sich der Oberstufenplatz oder die Mittelebene an, auf dem Pausenhof sind bunte Haltepunkte markiert, in Gelb-Blau, passend zu den Schulfarben.

Nächste Aufgabe: Ernstfall vorbereiten

Probleme mit der Disziplin gibt es kaum. „Das lief alles bis jetzt reibungslos. Man kann sich schon darauf verlassen, dass sich fast alle an die Regeln halten“, berichtet Schmauder. Nicht zuletzt auch, weil die Schüler via Elternbrief bestens im Vorfeld instruiert waren. Beim Deutschkurs selbst geht es natürlich um die fünf Abithemen, darunter Werkvergleich oder Werk im Kontext. Konkret wird eine Klausur durchgesprochen, die noch aus der Zeit vor Corona stammt. „Die Schüler sollen erstmal ankommen und sich austauschen“, betont Pabst. Individuelles Feedback, Textbesprechung und Übungen in Kleingruppen. „Da muss man sehen, wie man das mit den Personenzahlen hinbekommt“, weiß Pabst. Alles in allem ist viel Eigenständigkeit gefragt.

Nächste Herausforderung für Schmauder: Den Ernstfall vorbereiten, wenn vielleicht nach Pfingsten sukzessive die restlichen Klassen zurückkommen, eventuell im alternierenden Rhythmus. Große Frage dann: Wie kann man datenschutzrechtlich den Präsenzunterricht per Teleunterricht mit der Fraktion zuhause koppeln. Mit andern Worten: Die Aufgaben gehen nicht aus.

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Erstellt:
5. Mai 2020, 14:00 Uhr
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ca. 3min 16sec

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