Führung durch jüdischen Teil des Bühler Stadtmuseums

Bühl (wl) – In Trippelschritten ging es zur Gleichstellung: Eine Führung durch das Stadtmuseum gewährt einen Einblick in jüdische Feste und Stationen der Gemeindegeschichte.

Aus der Synagogengeschichte: An einem aufklappbaren Modell erklärt Ina Stirm Details des 1823 erbauten Gotteshauses am Johannesplatz. Foto: Wilfried Lienhard

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Aus der Synagogengeschichte: An einem aufklappbaren Modell erklärt Ina Stirm Details des 1823 erbauten Gotteshauses am Johannesplatz. Foto: Wilfried Lienhard

„Das“ Judentum gibt es nicht. Zu viele Strömungen existieren, zu viele Meinungen, als dass eine pauschalisierende Wertung zulässig wäre. Das machte Ina Stirm vom Bühler Stadtgeschichtlichen Institut im Stadtmuseum bei einer Führung durch den jüdischen Teil der Ausstellung zur Religionsgeschichte deutlich.

Das massive Gebirge der Shoah, das die Sicht auf viele Facetten des jüdischen Lebens versperrt, wusste die Historikerin, die in Oldenburg auch Jüdische Studien belegt hatte und im Jüdisches Kulturmuseum in Augsburg arbeitete, zu umgehen und so den Blick auf weniger Bekanntes zu lenken. Schon die Frage: „Wer ist überhaupt Jude?“ sei spannend. Nach der orthodoxen Überlieferung ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat, weder Ein- noch Austritt seien möglich; die liberalen Strömungen sähen das anders, so Stirm.

Unterschiede gebe es auch der Ausgestaltung von Feiertagen wie der Bar Mizwa. Das höchste Fest sei indes der Sabbat: „Er ist so wichtig, dass er jede Woche einmal gefeiert wird.“ Damit verbunden seien eine Vielzahl von Geboten und Vorgaben, an die sich die einen mehr und die anderen weniger hielten. Wer sie befolgte, entwickelte aber auch Erfindungsreichtum. Weil es beispielsweise nicht erlaubt war, sich mehr als eine bestimmte Anzahl von Schritten von seinem Haus zu entfernen, wurden Steine mitgenommen und nach der gewissen Schrittzahl ein Stein auf den Boden gelegt und zum neuen Wohnhaus erklärt – es konnte wieder bei Null begonnen werden. Bei strenger Auslegung dürften manche Dinge nicht angefasst werden, etwa der Herd. Die Lösung: Der „Goi“, der christliche Nachbar, kam ins Haus und machte den Herd an.

„Das war eine massive Erleichterung“

Im zweiten Teil der Führung skizzierte Stirm die wesentlichen Meilensteine der jüdischen Bühler Gemeinde, deren Existenz für 1582 erstmals belegt ist. Eine wesentliche Station war neben der Synagoge von 1823 der zehn Jahre später eröffnete jüdische Friedhof auf der Honau: „Das war eine massive Erleichterung“, sagte Stirm. Bis dahin hatten die Mitglieder der Gemeinde ihre Toten auf einem drei- bis vierstündigen Fußmarsch zum Verbandsfriedhof in Kuppenheim bringen müssen.

Zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Einwohner ging es in Trippelschritten. Das „Judenedikt“ von 1809 zeigte schon in diese Richtung, schloss die Juden aber noch vom Bürgernutzen oder der Allmende aus. Die völlige Gleichstellung, die in Baden 1862 erreicht war, markiert paradoxerweise auch den Beginn des Abstiegs der Gemeinde. 1864 lag ihr Anteil an der Bühler Bevölkerung bei rund zehn Prozent.

Die Gleichstellung beinhaltete auch die Freizügigkeit bei der Wahl des Wohnorts: Die Juden konnten sich fortan niederlassen, wo sie wollten. Die Folge war eine Landflucht, viele Juden zog es in die Metropolen, dorthin, wo ein gutes wirtschaftliches Auskommen lockte.

1933 lebten noch 72 Juden in Bühl, im Oktober 1940 wurden die letzten 26 nach Gurs deportiert – es war das Ende der Bühler jüdischen Gemeinde.

Und so musste bei der Führung im Stadtmuseum doch noch in das Gebirge eingestiegen werden – am Abend des 10. November konnte es gar nicht anders sein. An diesem Tag vor 83 Jahren brannte morgens die Synagoge am Johannesplatz ab, der wenige Jahre zuvor noch den Namen Synagogenplatz getragen hatte.

Stirm erinnerte an Familienschicksale jener Zeit, an die Lions und Odenheimers, die Roos‘ und Weils. Der Film vom Bühler Synagogenbrand, ein nahezu einmaliges Dokument, stand am Ende für die reiche Geschichte, das riesige wirtschaftliche und kulturelle Potenzial, das die Flammen symbolisch verschlangen.

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Ihr Autor

ABB-Redakteur Wilfried Lienhard

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Erstellt:
12. November 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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