Für 2,10 Mark im Steinbruch geschuftet

Von Dagmar Uebel

Gernsbach (ueb) – Donato Pollice kam vor 60 Jahren als Gastarbeiter aus Italien ins Murgtal – am Samstag feiert er seinen 100. Geburtstag und blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Für 2,10 Mark im Steinbruch geschuftet

Blickt zu seinem 100. Geburtstag auf ein bewegtes Leben zurück: Donato Pollice. Foto: Dagmar Uebel

„Va bene allora?“, fragt Donato Pollice und streicht sich prüfend durchs frisch frisierte Haar. „Alles gut so“, bestätigt sein Sohn Giovanni. Und ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legend: „Nun kann dein 100. Geburtstag kommen.“ Am 3. Oktober wird sich Donato mit Freunden und Verwandten zusammenfinden, um seinen Hundertsten zu feiern. Dabei wird es sich kaum umgehen lassen, dass der Jubilar erzählen muss, wie aus einem italienischen Jungen, der schon als Sechsjähriger die Dorfziegen hütete, der begeisterte Murgtäler wurde. Und auch seine Kinder, Sohn Giovanni und Tochter Anna, werden übersetzen und manche Details erklären können.

Erstaunlich lebhaft berichtet Donato, dass er als junger Mann in Libyen kriegsverpflichtet war. Seinen Ausweis über die mehr als drei Jahre in englischer Gefangenschaft entdeckte Giovanni erst kürzlich in einer Ausweismappe zwischen Personalausweis und Versicherungskarte. Nach Kriegsende war Donato als Ungelernter (damals nicht ungewöhnlich) im Straßenbau tätig. Sein Entschluss, 1960 als 40-Jähriger den Weg nach Deutschland zu wagen, wird ihm ganz sicher nicht leicht gefallen sein. Immerhin blieben seine Frau Pasqualina und die drei- und sechsjährigen Kinder zurück im mittelitalienischen Bergdorf Capracotta.

Die Gründe dafür liegen inzwischen 65 Jahre zurück. Ende 1955 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit Italien das erste Abkommen zur Anwerbung ausländischer Arbeiter. Auf der einen Seite waren es fehlende Arbeitskräfte, auf der anderen Italiener, die zwar arbeiten wollten, aber deren Verdienste kaum ausreichten, um ihre Familien zu ernähren. Auch Donato, der fünf Jahre danach seinen Koffer packte, war einer von ihnen. Zusammen mit vier Gleichgesinnten – allesamt Familienväter wie er – verließ er auf der Suche nach einer besser bezahlten Arbeit sein Heimatland.

Zunächst führte Pollices Weg nach Verona. Dort mussten sich die Fünf erst einmal einer strengen medizinischen Untersuchung stellen, bevor sie weiterreisen durften. „Das Gute war, dass die Anwerbekommission die Arbeitssuchenden gezielt auf Arbeitsstellen vermittelte“, blickt Giovanni zurück. Donato fand Arbeit im Steinbruch in Raumünzach. „Das Leben dort war hart und wenig komfortabel. Mit sechs Kollegen musste er sich eine Baracke ohne sanitäre Einrichtungen teilen“, übersetzt Giovanni. Auch für sein Essen musste er selbst sorgen. „Aber die Bezahlung für täglich zwölf Stunden Steinbrucharbeit war gut: 2,10 Mark erhielt er damals in der Stunde.“ Doch Donato wollte sich entwickeln. 1961 folgte eine Anstellung in der „Badischen“ Karton- und Pappenfabrik (heute Baden Board) in Obertsrot: zunächst in vier Schichten als Hilfsarbeiter, später als Kranführer und bis zum Renteneintritt schließlich im Einschichtrhythmus in der Palettenmacherei.

Kanzlerin Merkel bedankt sich für Lebensleistung des Italieners

Fünf bis sechs Jahre wollte Donato Pollice ursprünglich in Deutschland bleiben. Doch 1966 entschied er sich anders, holte seine Familie nach. Sie legten alle Ersparnisse zusammen, kauften sich ein Haus in Hilpertsau, wurden heimisch. „Unsere Familie wurde damals nicht mit offenen Armen empfangen, aber heute sind wir akzeptiert und integriert“, fügt sein Sohn an. Für ihn als damals Zwölfjährigen war wegen mangelnder deutscher Sprachkenntnisse der Neubeginn schwerer als für seine jüngere Schwester. „Während in Italien das richtige Leben erst abends auf der Plaza beginnt, rufen in kleinen Ortschaften viele Eltern ihre Kinder um 18 Uhr nach Hause.“

Nachdem Donatos und Pasqualinas Kinder in Deutschland gut Fuß gefasst hatten, verwarfen sie jeglichen Gedanken an eine Rückkehr in die Heimat. Tochter Anna lernte Bankkauffrau, ist heute im Reisebüro unverzichtbar. Der gelernte Betriebsschlosser Giovanni lebt jetzt in Hannover. Er war lange Jahre Abteilungsleiter Migration bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und ist nach wie vor als Vorsitzender des gewerkschaftlichen Antirassismus-Vereins „Mach meinen Kumpel nicht an!“ tätig.

Besonders stolz ist die Familie auf Annas Kinder, Donatos und Pasqualinas Enkelsöhne Marco und Luca. Marco Jelic ist Dozent am Institut für Politische Wissenschaft der Uni Bonn und schreibt an seiner Doktorarbeit. Luca ist in Sachen „Human Resources“ weltweit für eine Fluggesellschaft unterwegs.

Fotos, die vor fünf Jahren bei einer Veranstaltung „60 Jahre Gastarbeiter in Deutschland“ entstanden, gehören zu seinen besonderen Schätzen. Damals bedankte sich auch Angela Merkel für die Lebensleistung der Gastarbeiter, die für Deutschland eine große Bedeutung haben. Neben Donato Pollice waren auch Sohn Giovanni und beide Enkel ins Kanzleramt eingeladen – also erste, zweite und dritte Generation. Die Bilder nehmen einen ganz besonderen Platz in Pollices Haus ein, genauso wie die Ehrenmitgliedsurkunde des Hilpertsauer Musikvereins und die Urkunde der IG BCE für langjährige Mitgliedschaft. Und nicht zu vergessen die von Ministerpräsident Kretschmann unterschriebene Urkunde anlässlich der Eisernen Hochzeit von Pasqualina (im vergangenen Jahr verstorben) und Donato Pollice vor zwei Jahren.