Rastatter „Freiraum“ bleibt vorerst noch zu

Rastatt (as) – Die Diskotheken dürften wieder öffnen – eigentlich. Doch die Auflagen sind streng und sehr widersprüchlich, beklagt Thomas Schenkel vom „Freiraum“ in Rastatt eine Ungleichbehandlung.

Bei Thomas Schenkel laufen die Fäden zusammen: Baustelle „Freiraum“...

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Bei Thomas Schenkel laufen die Fäden zusammen: Baustelle „Freiraum“...

Mit Blick auf die aktuelle Corona-Verordnung ist Thomas Schenkel zum Jubeln und zum Heulen zugleich zumute. Zum Jubeln, weil bis zu 1.500 Personen bei Konzerten im Freien wieder erlaubt sind und er die Mallorcaparty in der Freilufthalle Bietigheim am 10./11. September planen kann. Zum Heulen als Geschäftsführer der Rastatter Diskothek „Freiraum“: Die dürfte zwar öffnen, aber nur eine Person auf zehn Quadratmeter mit den 3G (getestet, geimpft, genesen) und Maske einlassen. Da das unwirtschaftlich wäre, wird der „Freiraum“ noch geschlossen bleiben – zumal dort noch umgebaut wird.

Corona-Verordnung mit vielen Widersprüchen

Mit einer ganzen Kladde an Zetteln unterm Arm kommt Schenkel zum Gespräch – Ausdrucke der aktuellen Corona-Verordnung. Er will die Widersprüche aufzeigen können. Unumwunden gibt er zu: „Ich musste die Verordnung eingehend studieren, bis ich es verstanden habe.“ Damit ist Schenkel zurzeit wohl nicht allein. Doch das Beispiel des Geschäftsführers mehrerer Firmen der Eventbranche ist krass. Und die nicht nachvollziehbare und für ihn unbegründete Ungleichbehandlung verschiedener Bereiche ärgert ihn auch.

Beispiel „Freiraum“: Bei Inzidenzstufe 1, die im Landkreis Rastatt erreicht ist, hat eine Person pro zehn Quadratmeter Zutritt (also 80 im „Freiraum“), mit 3G, Kontaktnachverfolgung und Händedesinfektion, ab Inzidenzstufe 2 bleiben Diskotheken geschlossen. „Da ist mittlerweile sogar die Regelung für Bordelle weniger streng“, wundert sich Schenkel.

Öffnung wäre unwirtschaftlich

Wenn er den Club in der Woogseestraße für eine private Geburtstagsfeier vermieten würde, dürften allerdings mit 3G 300 Leute rein. Wenn ein Fremdveranstalter die Räume für ein Konzert mieten würde, wären in geschlossenen Räumen mit 3G 500 Personen zulässig. Eine Öffnung nur als Barbetrieb wäre sogar ohne Auflagen möglich. „Aber dann wäre Tanzen nicht erlaubt, und das ist den Leuten nicht vermittelbar“, befürchtet er.

Dabei hat Schenkel mit staatlichen Hilfsgeldern neue Lüftungsanlagen installiert, die Sanitärräume coronakonform ausgestattet und neue Spülstraßen eingebaut, um alle Hygienevorgaben erfüllen zu können. Dass es nach acht Monaten Corona-Zwangspause dennoch die hohen Auflagen gibt, die eine Öffnung für ihn unwirtschaftlich machen, kann aus seiner Sicht nur einen Grund haben: „Eine Öffnung der Diskotheken ist in Baden-Württemberg politisch nicht gewollt.“

Dass die Landesregierung in Stuttgart die Diskotheken quasi als vermeintliche Infektionstreiber abstempelt, findet Schenkel unfair: „Wir hatten keine Superspreader-Events.“ Mit Blick auf die großen Ansammlungen von Feiernden jedes Wochenende in Parks oder bei der Fußball-EM kann er das zweimal nicht nachvollziehen: „Die Clubs wären sicherer, wir haben auch Security!“ Er hat sogar ein Testzentrum in der Woogseestraße 7 eingerichtet.

Dabei will Schenkel sich nicht über mangelnde staatliche Unterstützung beklagen, im Gegenteil: „Die Hilfen waren echt gut, wenn auch mit hohem Bürokratieaufwand verbunden“, sagt er. Doch nun müsste die Politik angesichts einheitlich niedriger Inzidenz auch bundeseinheitliche Regeln schaffen, wünscht er sich Gleichbehandlung – denn sowohl im Nachbarland Frankreich als auch im benachbarten Bundesland Rheinland-Pfalz gelten viel lockerere Regeln. „Mit 50 Prozent Kapazität könnte man arbeiten“, lässt Schenkel die Entscheider wissen.

Corona-Zwangspause für Umbau genutzt


Im „Freiraum“ hat der Geschäftsführer die Zeit genutzt für einen großen Umbau, der noch nicht ganz fertig ist: Verschiedene Loungebereiche entstehen, zwei neue Themenbars, eine VIP-Lounge auf der Bühne, die Tanzfläche wird größer und die Kapazität im Außenbereich verdoppelt. Denn in einem Punkt ist Schenkel sich ganz sicher: „Corona wird bleiben und damit gewisse Abstandsregeln.“ Und wenn man mit dem veränderten Konzept nur dem Wunsch mancher Clubbesucher nach mehr Freiraum im „Freiraum“ Rechnung tragen kann, ist auch schon etwas gewonnen, findet er. Und damit nicht genug: Bis Herbst will er zudem in der ehemaligen Freibar einen zweiten Raum als Event-Location für bis zu 350 Personen schaffen.

Von 85 Minijobbern noch 50 an Bord

Vorbereitet wird eine frühestmögliche Öffnung des Clubs Mitte Juli. Bis dahin hofft der Geschäftsmann auf mehr Klarheit auch dahingehend, ob er Überbrückungsgeld oder sonstige Hilfen komplett einbüßt, wenn er mit halbem Betrieb eröffnet. Die Personalsuche läuft bereits, denn von einst 85 Minijobbern sind nur noch 50 an Bord. „Einige haben sich anderweitig nach Jobs umgeschaut“, weiß er und hat dafür auch Verständnis, „denn viele sind auf den Verdienst angewiesen.“

Froh und dankbar ist er über die Unterstützung von Clubbesuchern und Partyfans, die das Team über die sozialen Medien erreichen. Und dass für die Mallorcaparty Bietigheim, die mit dem erstmals zweitägigen Event dieses Jahr ihr Zehnjähriges feiert, in vier Tagen mehr als 1.000 Karten verkauft wurden, hat ihn überwältigt.

Sonderfonds der Bundesregierung hilft

In die verhältnismäßig kurzfristige Planung eingestiegen ist er hier auch wegen eines Sonderfonds der Bundesregierung: „Wenn wir das Event planen und dann doch absagen müssen, bekommen wir alle Kosten erstattet.“ Da es sich in Bietigheim um eine Freilufthalle handelt, ist Schenkel allerdings zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass wir im Herbst mit 60 Prozent Kapazität rechnen können, also etwa 2.500 Menschen“, sagt er und stellt anhand der Rückmeldungen fest: „Die Leute wollen feiern und die Künstler sind froh!“ Ikke Hüftgold, Lorenz Büffel, Loona, Oli P., Anna-Maria Zimmermann, Honk Tobee, die Atzen, Almklausi, Isi Glück und Killermichel sind für die beiden Partytage angekündigt.

...und Mallorcaparty Bietigheim. Fotos: Anja Groß/Thomas Schenkel

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...und Mallorcaparty Bietigheim. Fotos: Anja Groß/Thomas Schenkel


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