Für Harry Wörz ist der Fall nicht abgeschlossen

Birkenfeld (BNN) – Deutschlands berühmtestes Justizopfer hat die Unterlagen seines Falls neu sortiert. Es ist die Chronik eines Irrtums, der vor genau 25 Jahren sein Leben zerstört hat.

Harry Wörz hat die wichtigsten Unterlagen des Polizei- und Justizskandals sortiert und frisch abgeheftet. Foto: Torsten Ochs

Harry Wörz hat die wichtigsten Unterlagen des Polizei- und Justizskandals sortiert und frisch abgeheftet. Foto: Torsten Ochs

Die Akten habe er erst vor Kurzem „auf Vordermann gebracht und neu geordnet“, erzählt Wörz. Und meint: „Mir geht es eigentlich gut.“ Der 55-Jährige wirkt gelassen, souverän und zeitweise fast heiter, doch in manchen Momenten merkt man ihm an, dass es ihn aufwühlt, über seinen 25-jährigen Kampf gegen die Mühlen der Justiz zu sprechen.

Er blättert im Ordner. Hier hat er Kopien von Akten, Briefen und Zeitungsartikeln gesammelt. Sätze und Passagen, die er für entscheidend hält, sind leuchtend gelb markiert. Sein Fall gilt weiterhin als einer der ungewöhnlichsten Kriminalfälle der deutschen Rechtsgeschichte und noch immer ist er nicht aufgeklärt. Was hat sich seiner Meinung nach in der verhängnisvollen Nacht auf dem 29. April 1997 abgespielt? Wörz schüttelt den Kopf: „Das kann ich gar nicht sagen.“

Kurz vor 2.30 Uhr wird Andrea Wörz minutenlang mit einem Schal gewürgt. Im selben Zimmer schläft der zweijährige Sohn. Andreas Vater, Polizeihauptkommissar Wolfgang Z., der in dieser Nacht in der Einliegerwohnung übernachtet, hört Schleif- und Klopfgeräusche und Rufe und läuft zur Wohnung seiner Tochter – doch bekommt die Tür nicht auf. Er läuft weg und kommt nach einigen Minuten wieder zurück und stößt die Tür auf. Andrea liegt bewusstlos auf dem Boden.

Der Vater ruft die Polizei. Rettungssanitäter reanimieren die 26-Jährige. Sie überlebt, wird aber nie sagen können, was geschehen ist. Die blockierte Luftzufuhr hat Bereiche ihres Gehirns stark beschädigt. Sie ist seit dieser Nacht ein Pflegefall.

Der Verdacht fällt sofort auf Harry Wörz

Harry Wörz, der von Andrea getrennt lebt, steht sofort im Fokus der Polizei. Eine halbe Stunde nach der Tat ist sein Haus umstellt. Er beteuert seine Unschuld und wird einen Tag später verhaftet. Tatverdächtig ist auch ihr Geliebter und direkter Vorgesetzter Thomas H. Er wird von seiner Frau entlastet, die bezeugt, er sei die ganze Nacht bei ihr gewesen.

Die polizeilichen Ermittlungen sind von vielen Pannen und Fehlern begleitet. Unter anderem versäumt die Polizei es, den Tatort zu versiegeln. So haben sowohl der Vater als auch der Geliebte direkt nach der Tat und noch bevor die Spurensicherung ihre Arbeit beendet Zutritt zum Schlafzimmer. Der größte Fehler sei aber gewesen, dass nicht eine andere Dienststelle die Ermittlungen geführt habe, kritisiert Wörz. Die Pforzheimer Polizei hat das später selbst eingeräumt.

Indizienprozess vor dem Landgericht

Wörz beteuert immer wieder seine Unschuld, dennoch verurteilt ihn das Landgericht Karlsruhe in einem Indizienprozess wegen versuchten Totschlags an seiner Ehefrau zu elf Jahren Freiheitsstrafe. Das Motiv bleibt jedoch unklar. In Frage kommen Streitigkeiten um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn. Über vier Jahre sitzt der Bauzeichner im Gefängnis. Seine Versuche, eine Wiederaufnahme zu erreichen, scheitern.

Die Wende kommt durch ein spektakuläres Urteil: Die Zivilkammer des Landgerichts Karlsruhe weist eine Klage seines ehemaligen Schwiegervaters auf Zahlung von Schmerzensgeld ab, weil Wörz keine Schuld nachzuweisen sei. Danach verfügt das Oberlandesgericht, den Strafprozess neu aufzurollen und Wörz freizulassen. Die Ungewissheit, ob er erneut verurteilt wird, hinterlässt Spuren. Wörz leidet unter Schlafstörungen und Depressionen.

Bis zum endgültigen Freispruch vergehen fast 13 Jahre

Bis er nach dem zweiten Wiederaufnahmeverfahren zum zweiten Mal und endgültig freigesprochen wird, vergehen weitere neun Jahre. Danach sind einige Fragen offen: Wenn Wörz es nicht war, wer dann? Unterstützung findet er beim „Freundeskreis Harry Wörz“, der Petitionen auf den Weg bringt und erreichen will, dass die Strafverfolgung wieder aufgenommen wird, um den wahren Täter zu finden. Zur Seite steht dem Gräfenhausener auch sein Karlsruher Verteidiger Hubert Gorka. Er wird für seine Verdienste im Fall Wörz 2011 vom Deutschen Anwaltsverein mit dem Ehrenpreis „pro reo“ ausgezeichnet.

Offen ist lange auch, was der Bauzeichner als Entschädigung erhält – dafür, dass er jahrelang unschuldig im Gefängnis saß. Dass ihm 11.000 Euro für „freie Kost und Logis“ abgezogen werden sollten, regt den 55-Jährigen noch immer auf. „Es ist eine Frechheit. Ich glaube nicht, dass ich durch meine fehlende Konzentration je wieder arbeiten kann“, sagt er.

Von den 455.000 Euro, die er Ende 2016 schließlich akzeptiert, bleibt wenig übrig. Sie gehen für Steuern, Anwaltskosten und aufgelaufene Schulden drauf. Was immer noch ausstehe, sei die Entschuldigung der Landesregierung. Auf die besteht er: „Ich will, dass der Staat geradesteht und eine Entschuldigung von oberster Stelle.“ Auch fordert er, dass seine Rente angeglichen und seine Schulden übernommen werden. Außerdem wünsche er sich, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden, sagt er – räumt aber ein, dass das nicht wahrscheinlich sei.

In einem Fernsehfilm verkörperte Rüdiger Klink (links) Harry Wörz. Gedreht wurde im Sommer 2013 auch in Gräfenhausen. Foto: Foto: Uli Deck/dpa

In einem Fernsehfilm verkörperte Rüdiger Klink (links) Harry Wörz. Gedreht wurde im Sommer 2013 auch in Gräfenhausen. Foto: Foto: Uli Deck/dpa

Der gelernte Bauzeichner ist prominent. Er tritt in Talk-Shows auf, es gibt mehrere Dokumentationen über ihn und einen Spielfilm. Wie ist es, sein Leben im Film zu sehen? „Traurig“, sagt Wörz. „Hätte die Polizei richtig ermittelt, wäre das alles nicht geschehen.“ Heute spricht er häufig an Hochschulen vor Jura-Studenten über sich. Viele von ihnen befassen sich wissenschaftlich mit seinem Fall.

Außerdem berät er Menschen, die sich an ihn wenden, weil sie psychische Probleme haben. „Ich will etwas zurückgeben“, sagt Wörz. Warum sich viele Menschen mit dem Justizopfer identifizieren, brachte der damalige Vorsitzende Richter Wolf-Rüdiger Waetke im Zivilprozess auf den Punkt: „Was mit Wörz passiert ist, kann jedem passieren.“

„Mir geht’s doch gut“, wiederholt Wörz, der eine neue Familie gegründet hat und mit Frau und Tochter in Birkenfeld lebt. Zu seinem Sohn hat er keinen Kontakt. Er klappt seinen Ordner zu. Einen Schlussstrich unter die vergangenen 25 Jahre zu ziehen werde wohl nie ganz möglich sein. Dafür sei einfach zu viel passiert. Was hilft, sei einiges zu vergessen. Und: „Die Hoffnung, dass die Wahrheit doch noch herauskommt, stirbt zum Schluss.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Torsten Ochs

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Erstellt:
28. April 2022, 17:52 Uhr
Lesedauer:
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