Für Rastatts Bühnenkünstler bleibt es schwierig

Rastatt (schx) – Amateur-Theaterschaffende der Barockstadt kämpfen mit Kreativität gegen den Corona-Frust an, stoßen aber auf Grenzen.

Die Theatergruppe „Esprit“ im April 2019 bei der Premiere von „Central Park West“. Beate Riedinger (rechts in ihrer Rolle als Phyllis) hofft auf mehr Anerkennung der Kulturschaffenden durch die Politik. Foto: Xenia Schlögl

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Die Theatergruppe „Esprit“ im April 2019 bei der Premiere von „Central Park West“. Beate Riedinger (rechts in ihrer Rolle als Phyllis) hofft auf mehr Anerkennung der Kulturschaffenden durch die Politik. Foto: Xenia Schlögl

Sein letzter Auftritt im Kellertheater war am 4. Oktober 2019. Der Schauspieler Klaus Winterhoff präsentierte mit seiner markanten sonoren Stimme eine szenisch-literarische Lesung mit Balladen zur Feier des 200. Geburtstags von Theodor Fontane. Der bekannte Rastatter Künstler unterhält sein treues Publikum mit ausgesuchten Perlen der Literatur in Kooperation mit der Stadtbibliothek. Seine 25. Premiere sollte Ende März 2020 wieder auf der Bühne im Gewölbekeller stattfinden, doch der erste Lockdown der Corona-Pandemie vereitelte das Jubiläum.
Mit seinen 83 Jahren gehört Winterhoff zur Risikogruppe, aber er versucht, in der räumlichen Isolation seiner Wohnung weiterhin künstlerisch aktiv zu sein: „Ich halte mich geistig fit, indem ich meinen Part für das neue Theaterstück ,Lenz’ des Ensembles 99 immer wieder repetiere und Texte für meine Arbeit als Solist zusammenstelle.“ Den digitalen Medien nicht abgeneigt, probierte Winterhoff „Home-Acting“ aus, fand es aber nicht zufriedenstellend: „Theater bedarf der Reaktion, der Interaktion und des Feedbacks eines anwesenden Publikums“.

Wiedereröffnung des Kellertheaters in weiter Ferne

Das aktuelle Virusgeschehen lasse keine konkreten Planungen für eine Wiedereröffnung des Kellertheaters zu, wie Heike Dießelberg von der städtischen Pressestelle auf BT-Anfrage mitteilte. Zwar gebe es eine Lüftungsanlage im Kellertheater, aber der Zugang, die engen Raumverhältnisse und die fehlenden Fenster erschweren die Einhaltung der geltenden Abstands-, Hygiene- und Lüftungsregeln.

Theaterpädagogin Jacqueline Frittel geht mit der Seniorentheatergruppe „Bühnenreif“ und mit der Kindertheatergruppe „Kellerasseln“ neue Wege und plant, die zwei kommenden Theaterprojekte „Zeig mir dein Gesicht“ und „Ronja Räubertochter“ als Theater-Filme zu realisieren, um diese in einer Open-Air-Veranstaltung im Kulturforum zeigen zu können.

Der Kundenbereichsleiter Alexander Kiefer, zuständig für Kultur- und Sportförderung, hält eine Nutzung des Kulturforums in den Sommermonaten für denkbar, wenn die Infektionszahlen zurückgehen sollten. Man zeige sich gesprächsbereit, halte aber zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Konzeptionen für verfrüht.

Proben in den digitalen Raum verlegt

Mit der Schließung des Kellertheaters fehlt nicht nur die Bühne für die Aufführungen, die verschiedenen Theatergruppen und Solisten haben auch ihren Proberaum verloren. Als Ausweg konnten Jacqueline Frittel und die Akteure von „Bühnenreif“ in den vergangenen Sommermonaten in die Natur ausweichen. Jetzt wurde das Einstudieren des Theaterstücks in den digitalen Raum verlegt. „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg“, bewertet die Theaterpädagogin die ungewöhnlichen Probeerfahrungen positiv, „gemeinsam haben wir sehr viel gelernt und Neues entdeckt“. Bald beginnen sie mit den Filmaufnahmen, gemäß den Corona-Regeln nur zu zweit, mit viel Abstand und wieder in der Natur. Optimistisch plant Jacqueline Frittel die Filmaufführungen für den 17. und 18. Mai.

Das Esprit-Theater wurde vom ersten Lockdown kalt erwischt. Seine Komödie „Funny Money“ von Ray Cooney war bereits komplett durchinszeniert und wartete nur darauf, dem Premierenpublikum präsentiert zu werden. Nun ist sie verschoben auf das Frühjahr 2022. Schauspielerin und Vorstandsmitglied Beate Riedinger erzählt im Rückblick, dass das Theaterjahr 2020 vielversprechend für das Ensemble angefangen habe. Mit zwei erfolgreichen Gastspielen von „Männerträume in Orange“, das mit dem Landesamateurtheaterpreis in der Kategorie Puppen- und Figurentheater ausgezeichnet wurde, und dem Wiener Kabarettprogramm „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ mit Gabi Jecho und Corinna Schneider.

Hoffen auf Freiluftzinszenierung

Die Zeit seit dem vergangenen März bezeichnet sie als „katastrophal für die Kulturschaffenden und das Publikum“. Es treffe die Branche, nicht als systemrelevant betrachtet zu werden, obwohl Kultur in jeglicher Form relevant für die Gesellschaft sei. Inzwischen laufen die Vorbereitungen für das neue Bühnenstück „Weiche Schnauzen“, die auf einem Inklusionsbauernhof in Achern stattfinden. „Wir wünschen uns eine Freiluftinszenierung im Sommer“, sagt Riedinger und betont, dass trotz aller kreativen Konzepte hinter jedem Aufführungstermin ein großes Fragezeichen stehe.

In der Reithalle konnten während der Corona-Lockerungen im Frühjahr und Sommer erfolgreich einige Veranstaltungen stattfinden. Riedinger bejaht die Frage, ob ein Wechsel des Veranstaltungsorts vom Kellertheater zur Reithalle eine Übergangslösung sein könnte. Allerdings sei es aufgrund der steigenden Nachfrage noch schwieriger geworden, dort freie Termine zu erhalten. Dringender ist für das Esprit-Ensemble vielmehr die Suche nach einem eigenen und günstigen Proberaum.

Es bleibt schwierig für die Theaterschaffenden in Rastatt. Ideen und Spielfreude haben sich die befragten Schauspieler bisher nicht nehmen lassen, stoßen aber trotz ihres Organisationstalents an Grenzen. Was die Künstler brauchen, sei mehr Unterstützung, um Theaterarbeit unter widrigen Umständen weiter leisten zu können. Beate Riedinger vertraut darauf, dass die Politik die Relevanz der Kulturschaffenden anerkenne, damit die Vielfalt an Theatern nach Corona erhalten bleibe.

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Erstellt:
3. Februar 2021, 12:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 16sec

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