Für das Rastatter Tierheim wird die Luft immer dünner

Von BT-Redakteur Egbert Mauderer

Rastatt (ema) – Die finanzielle Situation im Rastatter Tierheim wird prekärer. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds findet nun deutliche Worte.

Für das Rastatter Tierheim wird die Luft immer dünner

Überraschungsgäste: Sibylle Fritz und Thomas Schröder herzen drei Golden Retriever, die illegal aus Bulgarien eingeführt wurden. Foto: Egbert Mauderer

Überraschungen sind Sibylle Fritz und ihr Team um Tierheimleiterin Silke Vierboom gewohnt – mehr als ihnen lieb ist. Selbst wenn ihnen so vermeintlich süße Eier ins Nest gelegt werden wie vor wenigen Tagen. „Der Storch flog über Nacht übers Tierheim“, sagt die Vorsitzende des Rastatter Tierschutzvereins mit einem lachenden und weinenden Auge. Acht Golden-Retriever-Welpen auf einen Schlag – der Kummer im Tierheim steigt.

Die aktuelle Statistik zeigt: Die Einrichtung am Rastatter Ortsrand bleibt am Anschlag. Allein 35 Hunde sind derzeit untergebracht. „16 sind nur erlaubt“, sagt Sibylle Fritz. „Wir verstoßen gegen die Auflagen. Aber das Veterinäramt duldet das.“ Hinzu kommen 30 Katzen und 44 Kleintiere, vor allem Meerschweinchen.

Tierheim lebt vom Erbe

Das Vertrauen der Behörde ins Haus beim Klärwerk könnten die acht fest angestellten Mitarbeiterinnen als Kompliment auffassen. Wenn der Alltag sie nicht so sehr unter Druck setzen würde.

Die Vereinsvorsitzende hat mittlerweile eine lange Liste an belastenden Faktoren: „Immer wieder müssen wir erleben, dass Tiere bei uns untergebracht werden müssen, weil ihre Besitzer sich plötzlich nicht mehr um sie kümmern können. Wir versorgen sie, aber es scheint weder einen soliden rechtlichen Rahmen dafür zu geben, noch ist die Bezahlung unserer Leistung in diesen Fällen sichergestellt.“ Unterm Strich sah das im vergangenen Jahr in der Kasse so aus, dass die Ausgaben von 217.000 Euro um 27.000 Euro höher waren als die Einnahmen. Würde der Verein nicht von Erbschaften profitieren, wäre das Defizit noch größer. Für Fritz war es vor sechs Jahren ein Glücksfall, dass der Verein ein Wohnhaus geerbt habe: „Davon leben wir jetzt.“

Das könne aber nicht die Lösung sein, meint Thomas Schröder. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds ist an diesem Tag auf Stippvisite in Rastatt und findet lobende Worte – allerdings nur für seine Mitstreiterinnen vor Ort: „Tolles Team, tolles Engagement. Bei dem baulichen Zustand machen sie das Beste draus.“

Seine weiteren Urteile im Beisein der Stadträte Heiko Ullrich, Joachim Fischer und Roland Walter fallen weniger schmeichelhaft aus. Schröder spricht von einer „deutlichen Unterfinanzierung“ des Tierheims – obwohl die Stadt Rastatt im vergangenen Jahr ihren Jahreszuschuss um 20.000 auf 45.000 Euro angehoben hat.

Neue Hundehalle ist nicht zu stemmen

Die Verantwortlichen müssen sich dennoch noch mehr an die Decke strecken. Die Erhöhung des Mindestlohns werde „spürbare Löcher“ reißen, fürchtet die Vereinsvorsitzende. Die Kostenexplosion bei der Energie „wird uns hart treffen“. Die seit Jahren als dringlich eingestuften Baumaßnahmen – Hundehalle und Tollwutquarantänestation – liegen auf Eis. Finanziell nicht zu stemmen.

Was die Tierheim-Aktiven zermürbt, formuliert der Präsident des Bundesverbands so: „Wir Tierschützer sind in so etwas wie einer emotionalen Erpressungssituation.“ Nehmen sie sich der Tiere nicht an, werden sie womöglich einfach ausgesetzt. Sibylle Fritz ärgert sich vor allem über die Umlandgemeinden, die nicht wie Rastatt eine Pro-Einwohner-Pauschale zahlen, sondern für jedes Fundtier auf ihrer Gemarkung – aber nur maximal 28 Tage zu einem „massiv ermäßigten Satz“. Thomas Schröder bezeichnet das als „billiges Rauskaufen aus einer Pflichtaufgabe“ und „Missbrauch des Ehrenamts“. Entsprechend lautet seine Forderung: kostendeckende Erstattung der Ausgaben im Tierheim angesichts der Pflichtaufgaben, die eigentlich die Gemeinden zu erfüllen hätten.

Außerdem plädiert Schröder für eine kommunale Katzenschutzverordnung mit Gebot der Kastrierung bei Freigängern sowie eine Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht. Dadurch könnte das Tierheim bei der Katzenbetreuung entlastet und die Rückführung entlaufener Tiere verbessert werden.

Den Tierschützern geht es darum, dass Gemeinden und Behörden Farbe bekennen. Erst kürzlich, berichtet Sibylle Fritz, habe man zwei Katzen aufgenommen, deren Besitzer gestorben war. Tagelang seien sie unversorgt in der Wohnung gewesen, eine mögliche Erbin lehnte die Kostenübernahme ab. Und selbst Stadt und Veterinäramt erklärten sich für nicht zuständig, sodass der Verein sich sogar ans Nachlassgericht wenden musste.

Da hatte der oberste deutsche Tierschützer bei seinem Besuch wenigstens ein kleines Trostpflaster im Gepäck. Thomas Schröder sagte 5.000 Euro vom Bundes- und Landesverband für das Rastatter Tierheim zu.

Und sendete gleichzeitig ein Signal ans Rastatter Rathaus. Noch mal 2.500 Euro kommen oben drauf, wenn die Stadt Rastatt ebenfalls einen Sonderzuschuss von 2.500 Euro gewährt.