Für den letzten Traum nochmals alles geben

Baden-Baden (BNN) – Im Theater in Baden-Baden erinnert Tony Marshall mit seinen Söhnen Pascal und Marc an eine einzigartige Karriere.

Sänger aus Leidenschaft: Tony Marshall wird beim Konzert im Theater Baden-Baden von seinen Söhnen Marc (rechts) und Pascal eingerahmt. Foto: Steven Haberland

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Sänger aus Leidenschaft: Tony Marshall wird beim Konzert im Theater Baden-Baden von seinen Söhnen Marc (rechts) und Pascal eingerahmt. Foto: Steven Haberland

Es ist einer der bewegendsten Momente des Abends. Als letzte Zugabe stimmt Tony Marshall die von seinem Sohn Marc getextete deutsche Version der Hippie-Hymne „Father and Son“ von Cat Stevens an. „Keiner ahnt, wie’s mir geht, denk ich an morgen, weiß ich, dass ich vielleicht nicht mehr lang mit euch lachen kann“, singt der 84-Jährige. Das geht richtig unter die Haut – und lässt auch den Unterhaltungsprofi auf der Bühne nicht kalt. „Ich hab‘ sie, die Gänsehaut“, gesteht der Sänger nach rund 120 Konzertminuten.

Zu seinen Glanzzeiten hatte er in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von fast 100 Prozent und Hits am laufenden Band. Das zweistündige Programm im prunkvollen Theater seiner Heimatstadt Baden-Baden hat den Künstler, der einst Festzelte mit Stimmungshits regelrecht zum Beben brachte, enorm Kraft gekostet. Es scheint, als habe der Auftritt den Ehrenbürger der Bäderstadt an seine altersbedingten und gesundheitlichen Grenzen gebracht. Doch für seinen letzten Traum gibt Tony Marshall noch einmal alles. „Der letzte Traum“, Titelsong der aktuellen CD, heißt auch das Programm. Das Trio lässt damit ein außergewöhnliches Sängerleben eindrucksvoll Revue passieren.

Kaum technischer Firlefanz

„Ich bin ruhiger geworden“, sagt Tony Marshall mit einem Augenzwinkern. Eingerahmt von seinen Söhnen Pascal und Marc sitzt der mit Stimmungshits bekannt gewordene Sänger beim musikalischen Streifzug durch sein Leben an einem runden Tisch auf der Bühne. Die Marshalls haben sich ein ambitioniertes Programm vorgenommen – ohne technischen Firlefanz. Die drei Stimmen werden nur von René Krömer am Steinway-Flügel begleitet. Ambitioniert auch deshalb, weil der Vater geschwächt ist. Nach einem Schlaganfall im Jahr 2019 muss er mehrmals die Woche zur Dialyse. Seit zehn Jahren leidet er zudem an einer Nervenkrankheit, die zu Lähmungen in den Beinen führt.

Seine Leidenschaft, das Singen, ist ungebrochen. Dennoch: Bis auf den Plätzen auf dem Balkon und in den Logen ist spürbar, dass es ihm nicht mehr leicht fällt. Das Publikum zollt aber Respekt dafür, dass er sich einer solchen Herausforderung stellt. Den Humor hat der Tony nicht verloren. „Rotwein ist für alte Knaben eine der besten Gaben“, scherzt er, als Sohn Marc ein Gläschen einschenkt.

Lieder aus sechs Jahrzehnten Karriere

Der Abend wird auch zur Hommage an große Vorbilder von Tony Marshall. Er hatte nach einer klassischen Gesangsausbildung von einer Karriere als Opernsänger geträumt und auch als Chansonnier wenig Erfolg. Lieder von Maria Lanza und Rudolf Schock sowie die deutsche Version des französischen Klassikers „Aline“ erinnern an diese Zeit. Was ihm vor über 50 Jahren zum Durchbruch verhalf, ist hinlänglich bekannt: Mit Mit-Sing-Liedern wurde der Tony zum „Fröhlichmacher der Nation“. Die „Schöne Maid“, sein größter Hit aus dem Jahr 1971, ist ein Evergreen und als vorletzte Zugabe gesetzt. Zuvor gibt es ein Medley aus Hits wie „Bora Bora“, „Junge, die Welt ist schön“ und „Heute hau’n wir auf die Pauke“ – jeder im Publikum verbindet mit diesen Liedern Erinnerungen.

Doch die Akzente des Abends setzen die Marshalls mit fein arrangierten Cover-Versionen von Welt-Stars wie Elvis Presley, Frank Sinatra, Tom Jones, Percey Sledge und Harry Belafonte. Bei „Wenn ich einmal reich wäre“ aus dem Musical „Anatevka“ blüht Tony Marshall noch einmal regelrecht auf. Die Rolle des Milchmannes Tevje war seine Parade-Rolle. Wohl dosiert hat das Trio zudem Lieder aus sechs Jahrzehnten der Karriere von Tony Marshall auf die Setliste gesetzt. Der Abend dokumentiert die Vielseitigkeit des Künstlers, der von vielen „nur“ als Schlagersänger wahrgenommen wurde und noch wird. Daran hatte auch der Künstler viele Jahre zu knabbern. „Der letzte Traum“ war nicht wirklich der letzte: Am 21. Mai gibt es eine Zugabe im Theater Baden-Baden.


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