„Für mich das schönste Hobby der Welt“

Gernsbach (stj) – Wolfgang Baecker aus Hilpertsau hat im Ruhestand eine neue Leidenschaft entdeckt: Die Komparserie.

Wolfgang Baecker als Leiche auf dem Tisch der Tatort-Pathologie in Baden-Baden. Foto: Sammlung Baecker

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Wolfgang Baecker als Leiche auf dem Tisch der Tatort-Pathologie in Baden-Baden. Foto: Sammlung Baecker

Viereinhalb Stunden lag Wolfgang Baecker auf einer Blechwanne in der Pathologie in Baden-Baden. Er war bei bester Gesundheit, während er sich allmählich in einen Toten verwandelte. Als die Maskenbildnerin fertig war, schob man den Hilpertsauer ins Leichenfach. Als Attraktion wurde er anlässlich des 30-jährigen Dienstjubiläums von Tatort-Kommissarin Lena Odenthal wieder hervorgeholt. „Das war schon heftig“, erinnert sich Baecker, der bei dieser SWR-Aktion ausnahmsweise mal eine Hauptrolle spielte. „Das war ein echtes Highlight“, sagt er im BT-Gespräch. Davon gebe es mittlerweile viele, seit er im Ruhestand seine neue Leidenschaft entdeckt und sich einen Kindheitstraum erfüllt hat – vor der Kamera zu stehen.

Es fing damit an, dass er im Jahr 2015 auf einen Casting-Aufruf für die SWR-Sendung „Sag die Wahrheit“ antwortete. Wenige Tage später fand er sich als vermeintlicher Zeugwart der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Baden-Badener Fernsehstudio wieder. Von da an hatte er Blut geleckt. Er meldete sich bei einer Agentur als Komparse an.

Mit durchschlagendem Erfolg: Seither wirkte der frühere Controller bei Smurfit Kappa in Werbeclips, Dokumentationen, Reality-Formaten, Fotoshootings, Spielfilmen, Serien und Kino-Produktionen mit. „Es ist total interessant, spannend, man trifft viele Leute und es macht einen Heidenspaß“, freut sich der Murgtäler: „Für mich das schönste Hobby der Welt.“

Der Ritterschlag: Platz am Stammtisch der Fallers

Am Anfang habe Baecker „genommen, was kam“, inzwischen könne er „selektieren, was ich machen will“. Er sei zwar mittlerweile bei mehr als 15 Agenturen in ganz Deutschland gelistet, möchte aber hauptsächlich im Südwesten arbeiten. Baeckers Schwerpunkte sind die SWR-Produktionen vom Tatort und „Die Fallers“.

Letztere bezeichnet er als eine große Familie, von der er selbst ein Teil geworden sei. Die Dreharbeiten der Serie, die zu 80 Prozent in Baden-Baden stattfinden, machen ihm einen Riesenspaß. Der Ritterschlag, den Komparsen bei den Fallers erhalten, sei ein Sitzplatz am Stammtisch des „Löwen“, wo Baecker schon dreimal Platz genommen habe.

Stammgast ist der dreifache Familienvater aus Hilpertsau auch beim Tatort. Seit 2018 gab es keine vom SWR produzierte Folge, in der er als Komparse gefehlt hat. Mit Richy Müller alias Kriminalhauptkommissar Thorsten Lannert ist Baecker inzwischen befreundet. Den Schauspieler habe er schon 1979 verehrt, als er mit der Familie den WDR-Fernsehdreiteiler „Die große Flatter“ geschaut habe. „Und 40 Jahre später stehe ich mit ihm zusammen vor der Kamera“, lächelt der Murgtäler. Ein Faible hat er auch für Ulrike Folkerts, „eine fantastische Frau“.

2018 und 2019 habe Baecker „richtig fette Jahre“ gehabt, sei als Komparse quasi ständig unterwegs gewesen – und dann kam Corona. Die Pandemie stellt auch die Film- und Fernsehbranche vor große Herausforderungen. Aus Sicherheitsgründen drehen die Fallers zum Beispiel derzeit ohne Komparsen. Das fehlt dem Ruheständler sehr, der nach 45 Jahren im Berufsleben in der Komparserie ein ausfüllendes, äußerst abwechslungsreiches Hobby gefunden hat. Sein Job ist es, Hintergrundkulissen darzustellen und Szenen zu beleben – sei es bei der Spurensicherung, als Feuerwehrmann, Polizist, Barkeeper, Veranstaltungsgast, Briefträger, Tourist oder Spaziergänger.

Chaotischer Dreh in alter Holtzmann-Halle

„Hinter fast jedem Dreh steht eine Geschichte.“ So erinnert sich Baecker gerne an die Tatort-Folge „Hüter der Schwelle“, wofür er und 15 weitere Komparsen in Mannheim bei der Agentur Sensation Booking einen Tanz einstudierten, den sie schließlich in einer alten Fabrikhalle in der Schlechtau in Weisenbach aufführen sollten. „Doch der Regisseur hat dann alles umgeschmissen“, erzählt der Komparse, der mit seinen Kollegen schließlich statt der einstudierten Schrittfolgen stundenlang wild zu Techno-Musik tanzen musste.

Geschichten wie diese lassen den Hilpertsauer schmunzeln. Er werde in seinem Freundes- und Bekanntenkreis oft auf seine Tätigkeit als Komparse angesprochen – auch weil viele Menschen mit dem Übergang vom aktiven Berufsleben in den Ruhestand größte Probleme haben.

Mit Corona sei das sicherlich noch verstärkt worden. Wenn die Pandemie im Griff ist, will Baecker wieder voll ins Geschäft einsteigen und legt das auch anderen Interessierten ans Herz: „Jede Agentur ist froh, wenn frische Leute kommen.“

„Chaotischer Tatort-Dreh“: Für die Folge „Hüter der Schwelle“ mit den Stuttgarter Kommissaren Lannert und Bootz müssen die Komparsen in einer alten Fabrikhalle in der Weisenbacher Schlechtau stundenlang zu Techno-Musik tanzen. Foto: Sammlung Baecker

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„Chaotischer Tatort-Dreh“: Für die Folge „Hüter der Schwelle“ mit den Stuttgarter Kommissaren Lannert und Bootz müssen die Komparsen in einer alten Fabrikhalle in der Weisenbacher Schlechtau stundenlang zu Techno-Musik tanzen. Foto: Sammlung Baecker

„Eine fantastische Frau“: Wolfgang Baecker über Ulrike Folkerts. Foto: Sammlung Baecker

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„Eine fantastische Frau“: Wolfgang Baecker über Ulrike Folkerts. Foto: Sammlung Baecker

Befreundet: Wolfgang Baecker und Schauspieler Richy Müller. Foto: Sammlung Baecker

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Befreundet: Wolfgang Baecker und Schauspieler Richy Müller. Foto: Sammlung Baecker


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