Für optimale Kita-Qualität fehlen Fachkräfte

Stuttgart (bjhw) – Das „Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule“ der Bertelsmann-Stiftung belegt immensen Bedarf an qualifiziertem Personal.

Fast 44 Prozent der Eltern suchen einen Kitaplatz für ihren Sprössling. Foto: Christian Charisius/dpa

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Fast 44 Prozent der Eltern suchen einen Kitaplatz für ihren Sprössling. Foto: Christian Charisius/dpa

In Baden-Württemberg besucht gegenwärtig etwa jedes dritte Kind unter drei Jahren eine Kita oder Tageseltern. Das sind immerhin drei Mal so viele wie 2007. Dennoch bekommt das Land einmal mehr und zu Recht ein schlechtes Zeugnis bei der frühkindlichen Bildung: Der neue „Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule“ der Bertelsmann-Stiftung belegt einen immensen Bedarf an qualifiziertem Personal.

Dabei liegen einschlägige Prognosen seit Mitte der 90er Jahre vor – aber alle Landesregierungen, ob von der CDU oder den Grünen geführt, scheuten die Kosten.

Die guten Nachrichten zuerst: Der reiche Südwesten leistet sich in den vorhandenen Krippen- und Kitagruppen einen Betreuungschlüssel, der über dem Durchschnitt der alten Länder liegt. So kümmert sich eine Erzieherin in Gruppen mit Unter-Vierjährigen um rein rechnerisch 3,3 Kinder. In Kitas liegt der Wert von eins zu 6,7 sogar über der wissenschaftlichen Empfehlung von Bildungsexperten. Dass trotzdem keiner der so begehrten Spitzenplätze im Länderranking erreicht wird, hat viele lang zurückliegende Gründe und liegt vor allem am nicht ausreichenden Angebot.

Mit einem Betreuungsschlüssel in Kitas von eins zu 6,7 liegt Baden-Württemberg sogar vorn, erreicht aber trotzdem keinen Spitzenplatz im Länderranking. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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Mit einem Betreuungsschlüssel in Kitas von eins zu 6,7 liegt Baden-Württemberg sogar vorn, erreicht aber trotzdem keinen Spitzenplatz im Länderranking. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Fast 44 Prozent aller Eltern, Tendenz steigend, sucht nach einem Krippen- oder Kitaplatz für den eigenen Sprössling schon in den ersten Lebensjahren. In Städten wie Freiburg oder Heidelberg sind es sogar mehr als die Hälfte. Die Quote hinkt der Nachfrage deutlich hinterher, wie die Daten aus dem Statistischen Landesamt (Stala) ebenfalls zeigen, das regelmäßig Zahlen für Dreijährige präsentiert. Baden-Baden liegt mit 34,3 Prozent über dem Durchschnitt im Regierungsbezirk Karlsruhe von 32,4, Rastatt mit 31,1 darunter. In einer Analyse beschreibt das Stala auch die Betreuungslücke sowie „die voraussichtlich wachsende Anzahl an Dreijährigen, die darauf hinwiesen, dass weiterhin von einem hohen Ausbaubedarf der Betreuungsangebote für Kleinkinder auszugehen ist“.

So weit war Baden-Württemberg schon vor fast drei Jahrzehnten, als die Enquêtekommission des Landtags zur frühkindlichen Bildung nach 25 Sitzungen und der Anhörung von gut Hundert Fachleuten ihren Abschlussbericht präsentierte. Eine der vielen Erkenntnisse, aus denen nach den Worten des Vorsitzenden und späteren Kultusministers Helmut Rau schon in der noch bis 1996 laufenden Legislaturperiode und vor allem in den nächsten vier Jahren Konsequenzen gezogen werden sollten: Es braucht mehr Krippen- und Kitaplätze und mehr Fachkräfte. „Die Lebenssituation der Kinder von heute ist mit unseren eigenen Erinnerungen nicht mehr identisch“, bekannte der CDU-Politiker. Das Land stehe vor großen Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung und werde diesen auch gerecht werden. Für die oppositionellen Grünen verlangt die damalige Fraktionsvorsitzende Biggi Bender „mehr Ehrlichkeit in der Finanzierung“ und pro Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag – in Mark – , „um der steigenden Nachfrage zumindest nahe zu kommen“.

Für optimale Kita-Qualität fehlen Fachkräfte

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Ein Vierteljahrhundert später rechnet das Stala ganz andere Summen vor: Rund vier Milliarden – in Euro – waren 2017 für Kindergärten, Horte, Kinderkrippen, altersgemischte Einrichtungen sowie Tageseltern für Kinder ausgegeben worden. Als „entscheidenden Schub“ lobte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) damals den „Pakt für Familien“ der grün-roten Landesregierung mit den kommunalen Landesverbänden. Möglich wurde er durch zusätzliche Einnahmen dank der Erhöhung der Grunderwerbsteuer um 1,5 Prozentpunkte. 660 Millionen Euro flossen allein in den Ausbau der Kleinkindbetreuung, statt 83 Millionen Euro im letzten Jahr der CDU/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsident Stefan Mappus.

Mindestens 33.000 Fachkräfte zusätzlich

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Marion Schick (CDU), die Kurzzeitkultusministerin in dessen Kabinett, alle Programm für Krippen, Kitas, Vor- und Grundschulen neu ordnen wollte. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder wollte nach ihrem Grundsatz „Bildung braucht ein jedes kleine Menschlein“ wegkommen von der frühkindlichen Betreuung und sogar zu mehr Ganztag. Zunächst fehlte der Ministerin die Unterstützung ihrer CDU-Fraktion, dann die der Wählerschaft. Nach nur 14 Monaten und Winfried Kretschmanns ersten Wahlsieg war ihre Amtszeit 2011 vorüber, die Pläne blieben Makulatur.

Nach den jetzt von der Bertelsmann-Stiftung errechneten acht Szenarien für Baden-Württemberg sind allerdings auch die beiden folgenden Landesregierungen – zuerst Grün-Rot, dann Grün-Schwarz – nicht wirklich weiter gekommen. Bisher ist vorgesehen, dass bis 2030 rund 36.000 Fachkräfte ihre Arbeit aufnehmen. Benötigt werden aber mindestens 33.000 zusätzlich. „Diese Lücke ist bis 2030 weder durch die Aufstockung der Ausbildungskapazitäten zu schließen, noch lassen sich bis dahin genügend Quereinsteiger gewinnen und pädagogisch qualifizieren“, stellt die Stiftung fest. Dabei sind es nach dem ambitioniertesten der Szenarien, das Kitaleitungen adäquat ausstattet, sogar noch einmal achttausend mehr. Insgesamt 20.000 könnten durch gesteigerte Ausbildungskapazitäten und pädagogisch geschulte Quereinsteigerinnen besetzt werden. Um den Bedarf insgesamt zu denken, müsste das Land, ohne neue Investitionen, aus den heute guten Nachrichten schlechte machen. Denn würden mehr Kinder auf eine Erzieherin kommen, könnte die Nachfrage rasch gedeckt werden – bei sinkendem Niveau von Bildung und Betreuung.

Gewerkschaft: Erzieher klagen bereits über Überbelastung

Am Personalschlüssel wollen in seltener Einigkeit deshalb weder die GEW noch die Arbeitgeber im Land drehen. Die Gewerkschaftsvorsitzende Monika Stein erinnert daran, wie viele Erzieherinnen schon jetzt unter Überlastung klagen. Und Südwest-Metall warnte davor – wie schon vor Kurzem, als der Nachholbedarf in Sachen Ganztagsschulen mit Zahlen belegt worden war –, dass „die Unterversorgung ein Nachteil im Wettbewerb mit anderen Bundesländern um die besten Fachkräfte ist“. Das Land müsse dringend Geld in die Hand nehmen. Die sehr gute Betreuungsrelation dürfe dabei aber nicht verwässert werden.

Die höchst positiven Effekte von einem endlich entscheidenden Plus an der richtigen Stelle der Bildungsausgaben sind ohnehin belegt. Ebenfalls die Bertelsmanns-Stiftung hat errechnet, dass Deutschland bis 2090 ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von 2.800 Milliarden Euro erwirtschaften könnte, würden alle Kinder und Jugendlichen zumindest zu einem Hauptschulabschluss geführt. „Nur zum Vergleich“, heißt es in einem Fazit lakonisch, „momentan geben die Länder insgesamt etwa 69 Milliarden Euro pro Jahr für alle Kindertageseinrichtungen und allgemeinbildende Schulen in Deutschland aus.“


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