„Für viele Kinder ist Familie kein sicherer Ort“

Rastatt (as) – Die Selbsthilfeaktivistin Maria-Andrea Winter vom Rastatter Verein Feuervogel hat sich an einer bundesweiten Studie zu sexualisierter Gewalt an Kindern in der Familie beteiligt.

Stopp: Besseren Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Familien fordern Betroffene. Foto: Christophe Gateau/dpa

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Stopp: Besseren Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Familien fordern Betroffene. Foto: Christophe Gateau/dpa

Rastatt – Sexueller Kindesmissbrauch passiert in allen Bereichen, in denen sich Kinder aufhalten – überwiegend allerdings in der Familie. Das ist das Ergebnis verschiedener Studien und Forschungsarbeiten der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die die Bundesregierung 2016 eingesetzt hat. Geschichten von Betroffenen bilden die Grundlage der Arbeit. Weil sie es gut und wichtig findet, dass auf deren Expertise endlich gehört wird, hat sich die Selbsthilfeaktivistin Maria-Andrea Winter vom Rastatter Verein Feuervogel an der jüngst von der Kommission veröffentlichten Studie zu sexualisierter Gewalt an Kindern in der Familie beteiligt. Nachdem man nun viel darüber wisse, wie die Täter vorgehen, müsse die Politik ins Handeln kommen, fordert sie im Gespräch mit BT-Redakteurin Anja Groß.


BT: Frau Winter, wie kam es zu Ihrer Mitwirkung an der fünfjährigen Studie der Aufarbeitungskommission zu sexualisierter Gewalt an Kindern in der Familie?
Maria-Andrea Winter: Ich habe 2017 im Radio von einem offenen Hearing der Kommission in Berlin erfahren, mich gemeldet und wurde tatsächlich nach Berlin eingeladen, um vor 250 Gästen in der Berliner Akademie der Künste zu sprechen. Seitdem wirke ich in verschiedenen Bereichen an der Arbeit der Aufklärungskommission mit. Mit dem Betroffenenrat der Kommission wird beispielsweise diskutiert, wie man Schutzkonzepte für Kinder installieren kann. Das ist mir ein besonderes Anliegen, denn meine Geschichte wollte damals niemand hören. Wir müssen verstehen, welche Mechanismen ablaufen und wo Hilfe ansetzen kann. Wobei Familie nicht unter Generalverdacht gestellt werden darf.

BT: Eine gängige Erwartungshaltung ist, die Opfer könnten ja etwas sagen.
Winter: Wir dürfen die Aufgabe, dass Kinder sich öffnen, nicht den Kindern überlassen. Denn Kinder sind gerade in Familien sehr abhängig und dem Druck ausgesetzt zu schweigen. Zudem haben besonders kleine Kinder oft gar keine Worte für das, was ihnen widerfahren ist. In der Studie kommt auch zum Ausdruck, wie wichtig es ist, in der Präventionsarbeit darüber zu sprechen, dass Kinder einen sicheren Ort brauchen – aber der muss nicht immer zwangsläufig bei der eigenen Familie sein. Und es ist wichtig, Kindern zu vermitteln, dass es Hilfe gibt und wohin sie sich wenden können. Zudem braucht die Gesellschaft wache, aufgeklärte Erwachsene.

BT: Aber was können die tun, wenn sie einen Verdacht haben?
Winter: Bei Verdacht ist es wichtig, umsichtig zu handeln und zu wissen, wohin man sich wenden kann. Wir haben heute bessere Möglichkeiten, sich spezialisiert, anonymisiert und niedrigschwellig beraten zu lassen. Zum Beispiel bei der freien spezialisierten Fachstelle Feuervogel e.V. in Rastatt.

BT: Aber viele scheuen sich, wollen sich nicht einmischen ...
Winter: Das muss sich ändern. Wir brauchen Bildungs- Leitlinien, die national verankert werden. Damit Kinderrechte und Kinderschutz sich als Wissenskultur weit in der Bevölkerung verbreiten und eine Kultur des sich Einmischens entsteht. Ich erzähle mal ein ganz krasses Beispiel ein: In einem Dorf wussten alle Bescheid, was in einem Haus passiert. Der ganze Ort hat sich darüber ausgelassen, aber dem betroffenen Mädchen wurde nicht geholfen.

BT: Wie schrecklich.
Winter: Ja, dieses Mädchen musste ins Erwachsendasein gehen in dem Wissen, dass viele über den Missbrauch Bescheid gewusst haben und niemand geholfen hat. Deshalb finde ich, auch Familien-Umfelder müssen sensibilisiert sein. Denn es ist erwiesen, dass jeder irgendeinen Betroffenen und irgendeinen Täter kennt. Aus der Selbsthilfearbeit weiß ich, dass das Umfeld oft schon etwas mitbekommt – aber leider viel zu oft wegschaut. Hier ist viel mehr Zivilcourage erforderlich.

BT: Also was müsste sich ändern?
Winter: Alle, die erziehend arbeiten, müssten bei Auffälligkeiten das Thema sexualisierte Gewalt in der Familie mitdenken. Dysfunktionalitäten in Familien zeigen sich ja oftmals an den Kindern. Die Ausbildung in den erziehenden Berufen muss meiner Meinung nach viel stärker auf die Symptome von Traumata fokussiert werden. Denn die sind ja ganz unterschiedlich – wobei ich keinesfalls sagen will, dass immer sexualisierte Gewalt der Grund dafür sein muss. Außerdem müssen wir unser Schubladendenken ablegen, denn sexualisierte Gewalt kommt in allen Gesellschaftsschichten vor.

BT: Das verdeutlichen auch die Berichte der 870 Betroffenen aus der Studie.
Winter: : Ja, und die gehen bis 1949 zurück. Man darf aber nicht nur an den Kinderschutz denken, sondern muss auch die erwachsenen Betroffenen im Blick haben. Aufarbeitung in Familie beleuchtet ganzheitlich Zusammenhänge, die bisher immer wieder zurückgestellt wurden. So erleben Betroffene, dass sie trotz großer Stärke-Kompetenzen in manchen Teilen ihres Lebens eingeschränkt sind. Viele sprechen darüber, dass ihnen enge vertrauliche Bindungen zu anderen schwerfallen. Manche bleiben bewusst kinderlos – aus Angst, etwas weiterzugeben. Andere wiederum erleben sich in ihrer Elternschaft mitunter merkwürdig, auch dann, wenn sie ihren Kindern gute Eltern sein wollen. Oft gibt es Sorgen beim Älterwerden zu möglicher Pflegebedürftigkeit. Es wird darüber gesprochen, dass dies erneut Hilflosigkeit auslösen kann. Umso wichtiger ist es, Betroffenen aufgrund ihrer Lebensgeschichte sensible Pflege bereitzustellen, die die intime Verletzlichkeit besonders berücksichtigt. Das Thema ist sehr vielschichtig.

BT: Viele Betroffene scheuen sich, den Missbrauch publik zu machen, weil das Bild von der „heilen Familie“ immer noch unsere Gesellschaft prägt. Sie wollen die Familie nicht zerstören. Das ist doch ein Teufelskreis?
Winter: In der Tat. Viele Opfer haben auch als Erwachsene noch Schuldgefühle. Manche ziehen sich zurück, manche brechen den Kontakt zu ihrer Familie vollständig ab. Wenn die direkten Taten vorbei sind, heißt das noch lange nicht, dass es ganz vorbei ist. Die Nachwirkungen sind sehr unterschiedlich – aber ich kenne aus meiner langjährigen Erfahrung keine Betroffenen, die ganzheitlich von den Geschehnissen befreit sind. Wobei ich weiß, dass auch im Danach ein gutes Leben gelingen kann.

BT: Was wünschen Sie sich als Betroffene?
Winter: Es müssen viel mehr Gesundheitsmaßnahmen angeboten werden – für alle Altersgruppen. Denn viele fangen erst an, sich mit eigenen Missbrauchserfahrungen auseinanderzusetzen, wenn sie selber Kinder haben – weil sie merken, dass sie ihren Kindern nicht guttun. Manche haben nie gelernt, wie man in der Familie gut miteinander umgeht, andere sind überbehütend oder neigen ebenfalls zu Übergriffen – die Ausprägungen gehen in alle Richtungen. Außerdem müsste es viel mehr spezialisierte Fachberatungsstellen geben. Und die müssten finanziell auf sicheren Füßen stehen und personell gut ausgestattet sein.

BT: Kritisiert wird auch immer wieder die juristische Aufarbeitung. Aber da hat sich doch viel gewandelt?
Winter: Ja und nein, Gesetze wurden geändert, neue Straftatbestände geschaffen, das stimmt. Aber wenn man allein mal schaut, wie wenig Juristen sich auf das Thema spezialisiert haben, sagt das schon etwas aus. Ich glaube, es braucht noch sehr viel Aus- und Weiterbildung in dem Bereich, auch damit beispielsweise Verhöre optimal laufen. Und es braucht einen Schutz vor Manipulation, die von den Tatpersonen nahestehenden Menschen kommen kann, wenn Betroffene Anzeige erstatten. Ich kenne einige, die Anzeige erstattet haben, doch diese auf Druck von Angehörigen wieder zurückgenommen haben.

BT: Wie könnte man das bewerkstelligen?
Winter: Ich glaube, es braucht mehr begleitende Angebote, wenn eine Anzeige erfolgt ist. Und es müsste eine Antwort geben auf die Frage, wie man die Opfer vor manipulativen Zugriffen durch täternahe Personen schützt. Wie man das bewerkstelligen kann, muss in Schutzkonzepten für Familien Berücksichtigung finden.

BT: Die Studie hat vieles bewusst gemacht. Was muss jetzt passieren?
Winter: Es braucht den politischen Willen, Dinge umzusetzen – wie Personal, Ausbildung, Gesetzgebung überprüfen, Teilhabe am Berufsleben und Therapien ermöglichen. Wer schwer krank ist, bekommt durchgängig sein Medikament. Betroffene bräuchten eigentlich durchgängig Therapie oder Begleitung – doch durch die Begrenzung von Psychotherapien auf eine bestimmte Stundenzahl wird ihnen das verweigert oder bestimmte Behandlungen werden abgelehnt. Doch wer betroffen ist und keine Hilfe bekommt, der kann genauso daran zugrunde gehen wie jemand, der schwer krank ist. Außerdem kann es nicht sein, dass Menschen bei den erforderlichen Anhörungen nach dem Opferentschädigungsgesetz retraumatisiert werden.

BT: Die Idealvorstellung wäre ja eigentlich, sexualisierte Gewalt in Familien passiert gar nicht mehr. Ist das utopisch?
Winter: Ja. Aber wenn wir die Utopie im Auge behalten, kein Kind darf mehr betroffen sein, und darauf hinarbeiten, dann können wir schon ganz viel erreichen. Es braucht mehr Offenheit dem Thema gegenüber. Es würde schon helfen, wenn jede Familie zum Schutz aller betroffenen Kinder mitmachen würde, Schutzkonzepte umzusetzen – auch wenn sie weiß, sie ist selbst kein Täter.

Die Studie kann nachgelesen werden unter: www.aufarbeitungskommission.de/mediathek/studie-sexuelle-gewalt-in-der-familie/

„Wer betroffen ist und keine Hilfe bekommt, der kann genauso daran zugrunde gehen wie jemand, der schwer krank ist“, sagt Maria-Andrea Winter. Foto: privat

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„Wer betroffen ist und keine Hilfe bekommt, der kann genauso daran zugrunde gehen wie jemand, der schwer krank ist“, sagt Maria-Andrea Winter. Foto: privat

Zur Person: Maria-Andrea Winter ist aufgrund eigner Betroffenheit seit 1993 ehrenamtlich aktiv für eine Kindheit/Jugend frei von sexualisierter Gewalt. Sie setzt sich als Selbsthilfeaktivistin im Für- und Miteinander mit Betroffenen, Angehörigen und Unterstützenden ein. Ihr großes Anliegen ist es, Verbesserungen im Hilfesystem zu erstreiten für Kinder und heute Erwachsene (Kinder von damals). Seit 1998 engagiert Winter sich im Selbsthilfenetzwerk Landkreis Rastatt/Stadtkreis Baden-Baden. Sie ist beratende Betroffenenbeirätin bei der Freien Fachstelle von Feuervogel e.V. Rastatt, Initiatorin und Multiplikatorin von regionaler Selbsthilfe und engagiert sich bei überregionalen Projekten und in Gremien. Weitere Info zum Verein: www.feuervogel-rastatt.de

Zum Thema

Eine Auswahl von Zitaten aus einem Briefeprojekt an die ehemalige Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann:

„Es macht mich wütend, welche Kraft ich tagtäglich brauche, um zu leben und zu heilen.“

„Ein Leben mit einer solchen Erfahrung bedeutet, jeden Tag aufs Neue mit sich selbst verhandeln, ob man dieses Leben noch will, ob man die Kraft hat, so zu tun, als sei man ein ganz normaler Mensch.“

„Die Scham und Schuld, die ich in mir trug, den Selbsthass und die Unsicherheit, konnte ich mir nicht eingestehen.“

„Es ist so schwer, wenn man versucht, ‚normal‘ zu sein und an der Gesellschaft teilzuhaben, wenn man dabei immer weit über seine eigenen Grenzen gehen.“

Weitere Informationen zum Projekt, an dem Maria-Andrea Winter ebenfalls beteiligt war: https://beauftragter-missbrauch.de/der-beauftragte/sprechen-hilft-rueckblick-auf-die-kampagne-der-ersten-ubskm-nach-10-jahren

Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
9. November 2021, 20:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 59sec

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