„Fürchten, dass Kreißsaal nicht mehr geöffnet wird“

Rastatt (dm) – Bis Herbst oder gar Jahresende soll die Geburtenstation in der Rastatter Klinik geschlossen bleiben. Ein Elternverein und Vertreter aus der Politik fordern die baldige Wiedereröffnung.

Wie ist es um die Zukunft des Kreißsaals in Rastatt bestellt? Der Blick der als Wahrsagerinnen verkleideten Mother-Hood-Vertreterinnen in die Kristallkugel fällt eher düster aus. Foto: Frank Vetter

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Wie ist es um die Zukunft des Kreißsaals in Rastatt bestellt? Der Blick der als Wahrsagerinnen verkleideten Mother-Hood-Vertreterinnen in die Kristallkugel fällt eher düster aus. Foto: Frank Vetter

Ein weiterer Sommer mit geschlossener Geburtenstation in Rastatt: „Das wird eine Katastrophe“, befürchtet Anja Lehnertz vom Verein Mother Hood. Mit ihren Mitstreiterinnen Tanja Sölter und Nathalie Heinzelmann sowie den Politikern Jonas Weber (SPD) und Dieter Balle (Linke) hat sie am Mittwoch vor dem Klinikum bei einer Protest-Aktion Position bezogen. Ihre Forderungen: Schnellstmögliche Wiedereröffnung des Kreißsaals und ein Runder Tisch, an dem ein Dialog mit Vertretern des Klinikums möglich ist.

„Wir wollen konstruktive Kritik üben“, betonen die Mother-Hood-Vertreterinnen – und erreichen, dass Eltern künftig entsprechend informiert werden und auch mitreden können. Da hallt noch nach, dass eine Frau, nachdem im März 2020 der Rastatter Kreißsaal „vorübergehend“ geschlossen worden war, ihr Kind auf dem Parkplatz habe bekommen müssen. Auch in der Folgezeit, so wird beklagt, seien auf Anfragen keine Antworten eingegangen, es mangele an Transparenz.

Plätze für Intensivpatienten

Wie berichtet, hatte das Klinikum entschieden, die Geburtenstation zu schließen, um im Zuge der Pandemie Covid-19-Patienten in Baden-Baden zu konzentrieren und in diesem Zuge den Kreißsaal in Rastatt entgegen seiner eigentlichen Bestimmung zu nutzen, um dort zusätzliche Plätze für Intensivpatienten vorzuhalten. Ganz im Sinne von Vorgaben von Bund und Land, wie betont wurde. Erst jüngst wurde nun mitgeteilt, dass dies auch so bleiben soll – und zwar „bis Herbst oder gar Jahresende“.

Eine Schließung bei steigender Geburtenrate – und gerade im Sommer sei diese erfahrungsgemäß hoch – bei ohnehin überlaufenen Geburtenstationen andernorts (zudem sei das private Geburtshaus in Rastatt für die nächsten Monate bereits ausgebucht), das kann man bei Mother Hood nicht nachvollziehen. Vor Corona, im Jahr 2019, waren in Rastatt 561 Babys zur Welt gekommen.

Linke-Kreisrat Balle sieht daher die wohnortnahe Versorgung gefährdet. „Wer verantwortet das Risiko?“ Die Menschen würden zudem gerne das Krankenhaus und den Kreißsaal ihrer Wahl aussuchen, sagt Nathalie Heinzelmann; die sei ihnen nun genommen. Tanja Sölter berichtet, wie sie als Geburtsbegleiterin mit werdenden Eltern von Staufenberg nach Karlsruhe gefahren sei, weil sie im näheren Klinikum in Baden-Baden nicht hätte mitkommen dürfen.

Zu Beginn der Pandemie sei der Schritt des Klinikums ja noch nachvollziehbar gewesen, sagt SPD-Landtagsabgeordneter, Kreis- und Stadtrat Jonas Weber. Nun aber habe man angesichts der prognostizierten Inzidenzen und fortschreitenden Impfungen ganz andere Voraussetzungen. Die Informationspolitik in dieser Frage sei „sehr zaghaft“, sieht auch er bislang keinen Dialog zwischen den Beteiligten. Hinzu komme, dass der Kreistag schweren Herzens der Schließung der Geburtshilfe Bühl zugestimmt habe unter der Maßgabe, dass man sich auf starke Geburtshilfen in Rastatt und Baden-Baden konzentriere.

Wachsende Sorge vor endgültiger Schließung

Die Sorge vor einer schleichenden endgültigen Schließung wächst, zumal – wie zumindest Dieter Balle sagt – die Notwendigkeit für das Freihalten der Plätze im Zuge der Pandemie nie wirklich unter Beweis gestellt worden sei.

„Wir fürchten einfach, dass Rastatt letztlich nicht mehr geöffnet wird“, betont Tanja Sölter, die sich wie ihre zwei Vereinskolleginnen für den Protest als Wahrsagerin verkleidet hat. Eine Glaskugel und Tarotkarten liegen auf einem Tisch bereit, Räucherstäbchen glimmen. Um für das nach ihrer Ansicht derzeit eher dahinplätschernde Thema wieder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, habe man sich für etwas Provokation entschieden, erklären sie die Aufmachung. Der Blick in die Kristallkugel fällt denn auch düster aus: „Rastatt kann nicht mehr öffnen, weil sich die Frauen und das Personal inzwischen umorientiert haben“, so die Prophezeiung beziehungsweise Befürchtung. Da stimmen die sorgsam zurechtgelegten Tarotkarten hoffnungsvoller: „Wir brauchen Geduld, um einen Durchbruch zu erreichen, damit die Eltern nicht mehr nur die Außenseiter sind“, heißt es da. So könne dann doch noch ein Erfolg zustande kommen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
3. Juni 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

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