Fulminanter Festival-Auftakt in Gernsbach

Gernsbach (vgk) – Zum Auftakt der 33. Puppentheaterwoche erlebten die Zuschauer am Samstag ein perfektes Zusammenspiel von Licht, Musik, Schau- und Puppenspiel in der Stadthalle.

Faszinierender Start: Puppenspielerin Antje König vom Hermannhoftheater inszeniert Goethes Faust. Foto: Veronika Gareus-Kugel

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Faszinierender Start: Puppenspielerin Antje König vom Hermannhoftheater inszeniert Goethes Faust. Foto: Veronika Gareus-Kugel

Nach zweijähriger coronabedingter Pause lässt Gernsbach seit Samstag mit Bühnen aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland wieder eine Woche lang die Puppen tanzen. Den Auftakt machte das Hermannshoftheater aus Wistedt mit „Faust“. Die Puppenbühne, zum ersten Mal in Gernsbach vertreten, schaffte es, mit einer Glanzvorstellung auf Anhieb die Herzen der Puppenspielfans zu erobern.

Von einem abwechslungsreichen Programm sprach zu Beginn der Vorstellung Bürgermeister Julian Christ. Insgesamt lädt die Stadt Gernsbach, gefördert von 18 Sponsoren, dem Landesverband Freier Theater sowie dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung Baden-Württemberg, zu 22 Vorstellungen ein. Sein besonderer Dank galt dem künstlerischen Leiter und Puppenspieler Frieder Kräuter und dessen Team, das „von Anfang an ein wichtiger Motor der Puppentheaterwoche“ war.

Interesse an Nachfolge Kräuters

Der Puppenspieler bekräftigte, dass ohne das Engagement seiner vor drei Jahren verstorbenen Frau Annette und weiteren Personen es nicht möglich gewesen wäre, über drei Jahrzehnte hinweg das Festival für alle Altersgruppen zu initiieren. Wie bereits berichtet, gibt Kräuter nach der Schlussvorstellung der 33. Gernsbacher Puppentheaterwoche die Leitung ab. Es werde aber schon Interesse an der Nachfolge bekundet, betonte Christ, bevor er die Bühne für das Puppenspiel freigab.

Zuvor lud der Leiter des Museums für „Puppentheater-Kultur“ in Bad Kreuznach, Markus Dorner, noch zu einer kleinen Sondervorstellung ein. Bereits zum zweiten Mal sind im Foyer Figuren aus der Landessammlung Rother zu sehen (Bericht auf der dritten Lokalseite im Murgtäler).

Im Anschluss daran hob sich der Vorhang für das Hermannhoftheater mit Puppenspielerin Antje König. Sie präsentierte „Faust“, frei nach Johann Wolfgang von Goethe. Regie führte Karl Huck. Die Bühnen- und Figurengestaltung übernahm Christian Werdin. Die Geschichte ist bekannt und gestaltete sich auf der Puppenbühne in Gernsbach so: Der nach Erkenntnis strebende Faust lässt sich mit dem Teufel ein, der ihm seine Jugend zurückgibt. Einmal in der Hand von Mephisto, gibt es kein Entrinnen mehr.

Rastlos hastet Faust durch die Welt, auf der Suche nach Macht, Gold, Frauen und Erkenntnis. Auch das Ende ist hinlänglich bekannt. Das von ihm geschwängerte Mädchen Gretchen landet schließlich wegen Kindsmord im Kerker. Aufgerollt wird die komplexe Dichtung, die als einer der Ersten der englische Dichter und Dramatiker Christopher Marlowe erzählt hat, von Puppenspielerin Antje König.

Ein wahrhaft schwerer Stoff, aber grandios inszeniert und genau richtig für den Auftakt, meinte eine Besucherin anerkennend. Die Szenerie ist düster. Die auf die drehbare Puppenbühne gerichteten Scheinwerfer spielen mit der Kulisse, die sich als wahres Multitalent erweist. Mit der passenden Geräuschkulisse wie Blitz und Donner wird Spannung aufgebaut. Vom Band werden Gesprächsfetzen eingespielt, gut hörbar, verzerrt oder leidenschaftlich, beunruhigend. Die Inszenierung lebt von dem nahezu perfekten Zusammenspiel von Licht, Musik, Schau- und Puppenspiel.

Feinfühlige, fast zärtliche Puppenführung

Die Spielerin glänzt nicht nur mit Rezitationskunst, sondern auch in der Rolle des Mephisto. Bemerkenswert ist die fast zärtliche feinfühlige Puppenführung. Die mittelgroßen Marionetten erwachen unter Königs präziser Führung zum Leben. Viel Aufmerksamkeit widmet die Puppenspielerin einer bildgewaltigen Darstellung unter anderem der Walpurgisnacht. Hexen auf dem Flug zum Blocksberg sind zu sehen, dazwischen ein an den Füßen gebundenes nach Aussage des Teufels nichtswürdiges Gretchen.

Die Szene wird zur Grundlage des eindrucksvollen Schlussdialogs zwischen Faust und dem im Kerker auf die Hinrichtung wartenden Gretchen. Dann erlischt das Licht. Es dauerte eine Weile nach dem Senken des imaginären Vorhangs, bis ein gewaltiger Applaus des Publikums die Spannung löste.


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