Fußball: SVB-Trainer Hurle im BT-Interview

Bühlertal (rap) – Johannes Hurle rockte mit dem SV Bühlertal die Verbandsliga – bis die nächste Corona-Unterbrechung kam. Im Interview spricht der 30-Jährige über das Jahr 2020 und sein Team.

„In erster Linie fehlt die Kameradschaft“: SVB-Trainer Johannes Hurle vermisst die gemeinsame Zeit mit seinen Spielern. Foto: Frank Seiter

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„In erster Linie fehlt die Kameradschaft“: SVB-Trainer Johannes Hurle vermisst die gemeinsame Zeit mit seinen Spielern. Foto: Frank Seiter

Wenn Johannes Hurle derzeit mit seiner Mannschaft in Kontakt treten möchte, bleibt dem Trainer des Fußball-Verbandsligisten SV Bühlertal nur eins: Laptop aufklappen für ein Online-Training. Die Corona-Pandemie hat seit Ende Oktober wieder einmal den regionalen Fußball ausgebremst. Für den SV Bühlertal kam die Unterbrechung zur Unzeit, nahm die Mittelberg-Meute und ihr 30-jähriger Coach doch gerade Sturm auf die (ganz) vorderen Plätze in der Tabelle. Im Gespräch mit BT-Redakteur Christian Rapp blickt der Realschullehrer auf das Corona-Jahr 2020 sowie die Entwicklung seines Teams zurück und verrät, was in dieser Runde für den SVB noch möglich ist.

BT: Herr Hurle, Ende Oktober, als der Spielbetrieb coronabedingt erneut unterbrochen wurde, hat der SV Bühlertal humorvoll reagiert – und zwar mit dem Instagram-Post „Quotient-Herbstmeister 2020/21“ unter ein altes Meisterschaftsfoto. Gibt’s das gute Stück eigentlich als T-Shirt im SVB-Fanshop zu erwerben?

Johannes Hurle: Das war ein Gag der Mannschaft. Da hatte ich oder die Vereinsverantwortlichen nichts mit zu tun. Das war eine Sache der Jungs. Die steht ihnen jedoch völlig zu, sie haben sich das auch verdient. Das war einfach als kleiner Scherz, als ein kleines Schmankerl gedacht.

BT: Die Corona-Pandemie hat den regionalen Fußball im vergangenen Jahr über weite Strecken zum Erliegen gebracht. Mittlerweile ruht seit Ende Oktober wieder der Ball. Wie sehr vermissen Sie den Mittelberg – die Trainingseinheiten, die Spiele, den Austausch mit Spielern und Fans?

Hurle: Vermissen ist relativ, weil der Fußball momentan durch die anderen Lebensbereiche, die von größerer Bedeutung sind und zum Teil schwerwiegendere Einschränkungen erfahren müssen, sehr weit entfernt ist. An erster Stelle steht die Gesundheit. Dann kommen das Berufsleben und die wenigen, erlaubten Treffen mit Familie und Freunden, bevor man wirklich wieder ans Training auf dem Platz denkt. Aber es ist schon so, dass mir nicht nur das Sporttreiben fehlt, sondern vor allem das Zusammensein mit den Jungs – der Austausch vor und nach dem Training. In erster Linie fehlt die Kameradschaft, der sportliche Anreiz kommt von allein, wenn man dann wieder auf dem Platz steht.

BT: Wie sieht derzeit der Kontakt mit dem Team aus?

Hurle: Wir machen ein bis zwei Trainingseinheiten pro Woche per Zoom-Meeting, geplant von unserem Spieler Philip Keller, der sich sehr viel Mühe gibt und ein tolles, abwechslungsreiches Programm auf die Beine stellt. Außerdem haben wir per Zoom-Konferenz noch zwei, drei Mannschaftssitzungen und eine kleine, digitale Weihnachtsfeier organisiert. Die Lockdown-Zeit habe ich zudem genutzt, um mit den Spielern einen intensiven Austausch via Facetime zu arrangieren, wo wir die Zusammenarbeit dieser Saison bzw. der letzten drei Jahre reflektiert haben. Da habe ich für mich viele Erkenntnisse und neue Anreize für die zukünftige Trainingsarbeit gewonnen.

BT: Welche Momente sind Ihnen in diesem speziellen Corona-Jahr 2020 besonders in Erinnerung geblieben?

Hurle: 2020 ist mir in Erinnerung geblieben, dass wir eine tolle Wintervorbereitung gehabt haben. Da hatte ich mit der Mannschaft das Gefühl, auf den Punkt da zu sein. Mit dem 3:0-Heimsieg gegen Weil konnten wir das noch bestätigen, bevor der Lockdown im März kam – und mit ihm die Zeit der Ungewissheit. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch keiner ahnen können, wie es weitergeht oder was mit dem Fußball im Jahr 2020 passiert. Die Zeit, als coronakonforme Trainingseinheiten wieder erlaubt waren, haben wir dann sehr effektiv genutzt, um die Jungs wieder in eine gute körperliche Verfassung zu bringen. Mit dem Startschuss, als wir wieder ohne Einschränkungen trainieren durften, konnten wir uns umso mehr auf unser Fußballspiel konzentrieren. Das hat uns gerade in der aktuellen Saison extrem vorangebracht.

„Jungs zeigen tolle Einstellung“

BT: Was waren bzw. sind gerade die größten Herausforderungen für Sie als Trainer?

Hurle: Die größte Herausforderung war und ist für mich, die Jungs in den Phasen, wo sich der Amateurfußball in der Zwangspause befindet, bei Laune zu halten, weil du immer im Hinterkopf haben musst, dass es irgendwann wieder weitergehen kann. In einer Zeit der Ungewissheit, trotzdem eine sportliche Perspektive mitzugeben. Die Jungs zeigen aber eine tolle Einstellung, halten sich fit und bleiben zuversichtlich.

BT: Wie hat Sie das Virus in Ihrer Tätigkeit beeinflusst?

Hurle: Für mich war das auch als Lehrer etwas ganz Neues, wo ich auch versucht habe, Parallelen zum Fußball zu ziehen: Was verändert sich gerade? Welche Aufgabenfelder muss man überdenken oder neu annehmen? Und wie kann man diesen gerecht werden? Ich beschreibe mich als eher den Typ Menschen, der sein Gegenüber lieber Face-to-Face vor sich stehen hat, weil mir es wichtig ist, eine gewisse Empathiefähigkeit auszustrahlen. Das ist durch Corona schwerer geworden. Dies habe ich in der Schule, aber auch in den Aufgabenfeldern als Trainer gemerkt. Hier war es für mich wichtig, trotzdem eine gewisse und vertrauensvolle Präsenz aufrecht zu erhalten. Deshalb war die Vorfreude, wenn man sich dann doch unter Berücksichtigung der Maßnahmen sehen konnte, immer extrem groß. Aus dieser ungewöhnlichen Zeit hat die Gesellschaft aber auch Erkenntnisse gewonnen – für alle Lebensbereiche, die Sportwelt eingeschlossen. Keiner hätte vor Corona daran gedacht, sich für gemeinsames Sporttreiben über das Internet zu verabreden.

BT: Wann glauben Sie, wird ein Trainings- und Spielbetrieb wieder möglich sein?

Hurle: Was ich glaube, spielt eigentlich keine wichtige Rolle (lacht). Wichtig ist, was entschieden wird. Wenn man das ganze Geschehen aber mitverfolgt, gerade jetzt unter der Berücksichtigung der aktuellen Maßnahmen, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir vor März – auch unter der Berücksichtigung von Corona-Verhaltensregeln – in der Öffentlichkeit Sport treiben dürfen.

„Die Chancenverwertung muss besser werden“

BT: Wie geht es dann mit der Saison weiter?

Hurle: Als eine der wenigen Varianten, die meines Erachtens noch als realistisch umsetzbar erscheinen, bleibt eine Beendigung der Hinrunde. Dann hätte man in der Vorbereitung und im Nachgang einen kleinen Zeitpuffer, um sich richtig auf eine neue Saison vorbereiten zu können. Ich würde es mir aber für den Fußball und den Verband wünschen, dass man eine Hinrunde komplett absolvieren kann, sodass ein sportliches Urteil gewertet wird, damit die Ligen wieder halbwegs in ein numerisches Gleichgewicht kommen.

BT: Herr Hurle, der SVB hat nach einem kleinen Stotterstart bislang eine richtig starke Saison gespielt, liegt aktuell auf Rang fünf, hat noch zwei Spiele in der Hinterhand und befindet sich mittendrin in der Spitzengruppe. Überrascht?

Hurle: Von der Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben, war ich nicht unbedingt überrascht. Das haben wir schon zum Teil in den Leistungen in der Sommervorbereitung und den Pokalspielen zeigen können. Dass wir aber immer auch die nötigen Punkte eingefahren haben, bestätigt auch die tolle Arbeit der Mannschaft. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass nicht immer unbedingt die bessere Mannschaft gewinnt, sondern an manchen Tagen ein gewisses „Spielglück“ – für einen Spielverlauf und seine Resultate – entscheidend ist.

BT: In der vergangenen Saison hielt der SVB als Aufsteiger souverän die Klasse. In den bisherigen Heimspielen hatte man den Eindruck, dass die Mannschaft gereift ist, sich auch von einem Rückstand nicht aus dem Konzept bringen lässt und unbeirrt an die eigene Stärke glaubt. Hat das Team die nächste Entwicklungsstufe erreicht?

Hurle: Definitiv, das ist mir auch in dem Austausch mit den Jungs bewusst geworden, wie sie sich zum Teil selbst reflektieren. Auf und neben dem Platz wächst jeder Spieler mit seinen Aufgaben. Im Vergleich zur ersten Landesligasaison haben die Jungs eine gewisse Reife gezeigt. Das Sonderbare ist, dass wir dieses Jahr mit Gregor Dörflinger nur einen einzigen externen Neuzugang haben, ansonsten ist das die gleiche Mannschaft, mit der wir aus der Landesliga aufgestiegen sind. Natürlich liegt es uns immer, wenn wir Gegner haben, die in der Tabelle vor uns stehen, in denen wir auf dem Papier der Underdog sind – sogenannte David-Goliath-Spiele –, weil wir wissen, dass wir da über uns hinauswachsen können. In diesen Spielen sind wir meist an unsere Leistungsgrenze herangekommen. Aber was mich in diesem Fußballjahr 2020 beeindruckt hat, waren vor allem die Spiele gegen Teams, die meist denselben Anspruch wie wir hatten, so schnell wie möglich den Ligaverbleib zu sichern. Gerade in diesen Spielen sind wir gewachsen – mit klaren Vorgaben und einem kühlen Kopf haben wir uns beispielsweise von Rückständen nicht beirren lassen und sind unserer Linie treu geblieben.

BT: Womit waren Sie – abgesehen vom Reifeprozess – bislang zufrieden im Bühlertäler Spiel?

Hurle: Wir zählen zu den Teams, die die wenigsten Gegentore kassiert haben – und trotzdem spiegelt das nicht unsere Art des Fußballs wider, weil wir das Tor nicht vernagelt haben. Wir versuchen immer unseren eigenen Stempel aufzudrücken. Wir spielen uns viele Torchancen heraus, die wir jedoch leider noch zu wenig verwerten.

BT: Da herrscht also noch Steigerungspotenzial?

Hurle: Auf jeden Fall. Die Chancenverwertung muss besser werden, wenn es weitergeht (lacht). Wir haben die Ballbesitzanteile in der Art und Weise wie wir Fußball spielen wollen, wieder mehr zu uns verschoben. Wir können mittlerweile klare Phasen im Spiel unterscheiden: Entweder clever gegen den Ball auf Kontersituationen spielen oder in unserem eigenen Spiel den Ballbesitz beruhigen. Aber auch hier herrscht noch ungemein Potenzial, die Jungs und den Fußball weiterzuentwickeln.

BT: Auch anderen Vereinen ist Ihre Entwicklung nicht verborgen geblieben. Vor einem Jahr hatten Sie Angebote von anderen Verbandsligisten und einem Oberligisten. Wieso haben Sie sich letztlich doch für den SV Bühlertal entschieden?

Hurle: Sicherlich wegen einer gewissen Sicherheit, aber vor allem wegen des enormen Vertrauens und der Rückendeckung, die ich vom Verein und den Verantwortlichen gespürt habe. Ausschlaggebend war natürlich auch die sportliche Perspektive, die die Mannschaft zu bieten hatte. Auch der Amateurfußball ist mittlerweile sehr schnelllebig geworden. Mit Demut und einem Blick hinter die Kulissen, weiß ich sehr zu schätzen, was ich auf dem Mittelberg vorfinde.

Kleine Festspielwochen könnten warten

BT: Geht der Weg mit dem SVB auch in der Saison 2021/22 weiter?

Hurle: Ja, definitiv. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir die Zusammenarbeit um ein weiteres Jahr verlängern wollen. Im Einvernehmen mit unserem Sportvorstand Thorsten Werner, darf ich dies an dieser Stelle offiziell verkünden (lacht).

BT: Sie haben erwähnt, dass Sie davon ausgehen, dass maximal die Hinrunde zu Ende gespielt werden kann. Schaut man auf die restlichen acht Partien des SVB, sind fünf Gegner in der unteren Tabellenregion beheimatet. In den Topspielen gegen den Offenburger FV und SC Pfullendorf genießt man Heimrecht. Was ist für den SVB in dieser verrückten Corona-Saison noch drin?

Hurle: Da bin ich selbst gespannt, was noch drin ist. Wenn ich sehe, dass wir aktuell auf dem fünften Tabellenplatz stehen, dann ist das ein bisher herausragendes Ergebnis. Weil, davon komme ich jetzt nicht weg und da will ich auch nicht über- oder untertreiben, das vorrangige Ziel ist, so schnell wie möglich den Ligaverbleib zu sichern. Wenn wir die nötigen Punkte haben, können wir gerne nach oben schauen. Wir wollen weiterhin einen attraktiven Fußball spielen, sobald der Klassenerhalt sicher ist, dürfen die Jungs von mir aus auch von anderen Zielen träumen. Das Träumen zu verbieten, wäre schlimm, da dadurch ein gewisser Anreiz und Motivation verloren gehen können. Wenn wir am Ende tatsächlich den Tabellenplatz fünf bestätigen können, dann wäre dies ein herausragendes Ergebnis. Aber davon sind wir noch weit entfernt, weil es extrem wichtig sein wird, wie wir in die Runde starten werden: Wir beginnen mit sehr schwierigen Auswärtsspielen in Elzach-Yach und Waldkirch. Danach stehen die Aufgaben zu Hause gegen den spielstarken SV Weil und die Auswärtspartie bei der nicht zu unterschätzenden Reserve des FC Villingen an. Wenn wir die ersten Spiele erfolgreich bestreiten können, hätten wir hintenraus mit den zwei Heimspielen gegen die Topteams sowie den Derbys in Durbachtal und Kuppenheim kleine Festspielwochen. Da würden wir uns schon extrem darauf freuen. Entscheidend ist aber, wie wir in die Runde zurückfinden.

BT: Herr Hurle, entspricht der Mittelberg eigentlich Oberliga-Standards?

Hurle: Das weiß ich nicht (lacht). Aber darüber müssen wir uns auch keine Gedanken machen.

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Erstellt:
8. Januar 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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