Fußball-Trio bringt neuartiges E-Book heraus

Baden-Baden (rap) – Dietmar Blicker, Michael Bischof und Lukas Kwasniok haben mit „Offensive – Mit dem Ball in der Endzone“ ein E-Book veröffentlicht – inspiriert von den amerikanischen Sportarten.

Erfolgreich in der „Red Zone“: Saarbrückens Tobias Jänicke (blaues Trikot) trifft im Pokal gegen Düsseldorf. Foto: Thomas Frey/dpa

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Erfolgreich in der „Red Zone“: Saarbrückens Tobias Jänicke (blaues Trikot) trifft im Pokal gegen Düsseldorf. Foto: Thomas Frey/dpa

Man nehme einen Hochschulsportleiter mit Philosophie-Doktortitel, einen Fußballtrainer, der mit dem Aufsteiger 1. FC Saarbrücken gerade die dritte Liga rockt, sowie einen sportlichen Leiter eines Nachwuchsleistungszentrums mit dem Auge für Talente, lasse sie mehrere Wochen, Monate und Jahre an Spielzügen, -systemen sowie Laufwegen tüfteln – und heraus kommt: ein völlig neuartiges Fußballlehrbuch für Trainer. Dietmar Blicker, Lukas Kwasniok und Michael Bischof haben gerade das E-Book „Offensive – Mit dem Ball in der Endzone“ veröffentlicht – und gehen mit ihrem fachliterarischen Erstlingswerk fußballerisch bislang ungewohnte Wege.

Cover des E-Books. Foto: Privat

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Cover des E-Books. Foto: Privat

Denn Lehrbücher mit hunderten von Pass- und Spielübungen gibt es bereits wie Sand am Meer. So ein weiteres Standardwerk war das Letzte, was das Trio wollte. „Daher haben wir uns für eine neue Herangehensweise zur Vermittlung von Laufwegen und taktischen Spielprinzipien entschlossen“, erklärt Blicker, Hochschulsportleiter am Karlsruher Institut für Technologie und Qualitätsbeauftragter und Trainerausbilder im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des Zweitligisten Karlsruher SC: „Das Problem ist ja, dass du im letzten Drittel keine Zeit hast, und dass ein Haufen Gegner da sind. Über genau diese Thematik gibt es bislang kaum Bücher. Daher wollen wir mit den von uns entwickelten Handlungsmöglichkeiten die Spieler sensibilisieren, was in einem bestimmten Angriffsbereich oder einer bestimmten Position vor dem Tor möglich ist.“

Erste Ideen vor drei Jahren

Dabei hat sich das Trio – insbesondere Lukas Kwasniok, seit Anfang des Jahres beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken als Trainer tätig – von den amerikanischen Sportarten inspirieren und deren Vorgehensweise, etwa Spielzüge und Laufwege, ins E-Book einfließen lassen. Zuvorderst von der NFL, der nordamerikanischen Footballliga, und deren Playbooks, also die Taktik-Bibel der Klubs, in der hunderte Spielzüge und Systeme aufgelistet sind. So entstand das quasi erste Fußball-Playbook der Welt. „Im Endeffekt ist es so, dass die amerikanischen Sportarten dem Fußball eins voraus haben: Zu akzeptieren, dass auch das Spiel mit dem Ball in der Offensive planbar ist. Im Fußball an sich heißt es immer, dass im letzten Drittel Kreativität gefragt ist. Das ist richtig. Trotzdem gibt es Handlungsmuster, die sich immer wiederholen“, sagt der 39-jährige Kwasniok, der in Muggensturm wohnt. „Daher war unser Kerngedanke, gewisse Handlungsmuster – etwa Laufwege und taktische Spielprinzipien – auf Papier zu bringen, und zwar in kreativen Übungs- und Spielformen“, führt der Fußballlehrer aus. „Die schleifen sich dann immer mehr im Training ein“, ergänzt Blicker.

Daher unterteilte das Trio das Spielfeld in bestimmte Bereiche, der „Build-Play-Area“ (Spielaufbau) und „Key-Play-Area“, wo das Spiel in der Endzone stattfindet. Diesen Bereich gliedern die Fußball-Fachmänner wiederum in neue Zonen ein – unter anderem der „Red Zone“, dem Bereich direkt vor dem gegnerischen Tor – und entwickelten zu der jeweiligen Zone praktische Übungs- und Spielformen (siehe „Zum Thema“).

„Wir haben uns für eine neue Herangehensweise zur Vermittlung von Laufwegen und taktischen Spielprinzipien entschlossen“, sagt Dietmar Blicker (rechts) über das Buch. Foto: ATSV Mutschelbach

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„Wir haben uns für eine neue Herangehensweise zur Vermittlung von Laufwegen und taktischen Spielprinzipien entschlossen“, sagt Dietmar Blicker (rechts) über das Buch. Foto: ATSV Mutschelbach

Dabei war vor gut drei Jahren überhaupt nicht absehbar, dass aus all den „verrückten Ideen von Lukas und Michi“ (O-Ton Blicker) einmal ein E-Book entstehen würde. „Wir haben damals nach einem Mehrwert für die U 19 gesucht, wie wir den Jungs Elemente näher und auf einem einfacheren Weg beibringen können“, erklärt Kwasniok, der damals Chefcoach der U 19 des KSC war. Michael Bischof, seit Sommer dieses Jahres sportlicher NLZ-Leiter des Zweitligisten, war zu jener Zeit dessen Co-Trainer. „Lukas und ich haben damals unheimlich viel Fußball geschaut. Und irgendwann kam uns der Gedanke: ,Mensch, die Tore fallen immer nach einem ähnlichen Muster‘“, erinnert sich der 30-jährige Bischof an die unzähligen Fußballabende und die ersten, damals noch unbeabsichtigten Schritte hin zum E-Book. Also begann das Duo die Torabschlüsse zu kategorisieren, bestimmte Handlungsmuster herauszuarbeiten, Zonen zu bestimmen und zu benennen – und diese eben ins Training der U 19 zu integrieren. „Wir haben dann im Schaffensprozess über jedes Element immer und immer wieder gesprochen und es schließlich optimiert“, erklärt der NLZ-Leiter.

Wellness-Urlaub der anderen Art

Erst vor rund eineinhalb Jahren entstand dann aus dem eigentlich mannschaftsinternen Playbook allmählich eines für die Allgemeinheit, anwendbar sowohl für den Coach einer Kreisligamannschaft als auch für den Trainer, der mit dem Profifußball liebäugelt. „Der Didi war die absolut treibende und federführende Kraft, dass dieses Playbook nicht irgendwo in der Schublade verschwand, sondern dass diese Ideen auch der breiten Masse zur Verfügung gestellt werden können – auf eine neue, interaktive Art und Weise.“

Einen Einblick in den durchaus langwierigen Schaffensprozess der drei positiv Fußballverrückten geben jene drei Tage im Dezember 2019. Eigentlich, so gibt es Dietmar Blicker wieder, war ein Wellness-Urlaub in Titisee geplant: Relaxen, zur Ruhe kommen, den Aufguss in der Sauna genießen, so die Wunschvorstellung. Allein: Es kam anders. Vollkommen anders. „Wir sind dann von morgens bis abends nicht aus dem Zimmer rausgekommen und haben die ganze Zeit nur über Fußball geredet. Das war der Wahnsinn, wir haben dort nicht mal was gegessen, sondern uns Pizza aufs Zimmer kommen lassen“, blickt der Uni-Dozent zurück. Pizza, Bier, über Fußball philosophieren – der Traum vieler Männer.

„Irgendwann hat dann Lukas angefangen, die ganzen Taktiktafeln vollzukritzeln. Die drei Tage waren total cool und rückblickend ungemein wichtig für die Entwicklung des E-Books.“ Kwasniok pflichtet ihm bei. „Absolut. Es waren drei tolle Tage. Das Kuriose war, dass wir die aktuelle Quarantänezeit einfach vorgezogen haben. Wir haben uns freiwillig drei Tage weggeschlossen“, sagt der Saarbrücker Trainer und lacht.

„Im Endeffekt ist es so, dass die amerikanischen Sportarten dem Fußball eins voraus haben: Zu akzeptieren, dass auch das Spiel mit dem Ball in der Offensive planbar ist“, meint Saarbrückens Trainer Lukas Kwasniok. Foto: Helge Prang/GES

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„Im Endeffekt ist es so, dass die amerikanischen Sportarten dem Fußball eins voraus haben: Zu akzeptieren, dass auch das Spiel mit dem Ball in der Offensive planbar ist“, meint Saarbrückens Trainer Lukas Kwasniok. Foto: Helge Prang/GES

Dass das E-Book auch auf dem grünen Rasen den Praxistest besteht, wird beim Blick auf die von Kwasniok und Blicker trainierten Mannschaften deutlich. Kwasnioks Saarbrücker stehen in der dritten Liga derzeit an der Tabellenspitze und marschieren nach zehn Spieltagen unbeirrt Richtung deutsches Fußball-Unterhaus, Blickers ATSV Mutschelbach mischt in der Verbandsliga als Dritter mitten im Aufstiegsrennen mit. „Natürlich“, antwortet das Duo nahezu zeitgleich auf die Frage, ob das E-Book Anwendung im eigenen Training findet. „Ich würde mir wünschen, dass wir noch öfters ins letzte Drittel kommen. Dann käme das Buch noch mehr zum Tragen“, sagt Kwasniok. Auch die Coaches der KSC-Nachwuchsmannschaften greifen bereits auf das Playbook zurück, wie NLZ-Leiter Bischof erklärt: „Wir arbeiten definitiv damit, vor allem an den Tagen nach den Spielen, wo man eher in der niedrigen Intensität unterwegs ist.“

Trio plant weitere Teile

Einigkeit herrscht bei dem Trio auch vor, wer denn die verrücktesten Ideen habe. „Lukas, ganz klar“, findet Bischof, „er hat einfach die Gabe, andere Dinge, andere Sportarten anzuschauen und diese dann auf den Fußball und die eigene Mannschaft zu übertragen. Da entstehen dann so viele Folgegedanken, die immer spannend sind.“ Für Blicker ist Kwasniok „einfach der Wahnsinn. Er hat brutal kreative Ideen und den Hang dazu, verrückte Ideen auszuprobieren. Das ist ja das Wichtige“.

Auch die KSC-Nachwuchsmannschaften wenden die Übungs- und Spielformen im Training an, wie dessen Leiter Michael Bischof erklärt. Foto: Christian Rapp

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Auch die KSC-Nachwuchsmannschaften wenden die Übungs- und Spielformen im Training an, wie dessen Leiter Michael Bischof erklärt. Foto: Christian Rapp

Bei einem Solo mit „Offensive – Mit dem Ball in der Endzone“ wird es nicht bleiben, die Fußball-Fachmänner planen eine ganze Serie mit weiteren Teilen. „Tatsächlich brauchen wir eine kurze Verschnaufpause, weil wir noch nicht im Hauptberuf als Schriftsteller unterwegs sind“, sagt Kwasniok schmunzelnd. Dass die Trainerkollegen aber noch einiges von dem Trio erwarten können, verdeutlicht Bischof: „Das, was in dem Buch drin steht, spiegelt einen Bruchteil von dem wider, was wir in den vergangenen Jahren tatsächlich an Gedanken über den Fußball gesponnen haben.“

Fortsetzung folgt, denn die Köpfe der drei Fußballverrückten sind noch voller Ideen.

Zum Thema

In der NFL, der nordamerikanischen Footballliga, gehört es schon seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil: Das Playbook, die Taktik-Bibel eines jeden Klubs, in der hunderte Spielzüge und Systeme aufgelistet sind, die bei Bedarf zur Anwendung kommen. Diesen, für den Fußball neuartigen Ansatz haben Dietmar Blicker, Michael Bischof und Lukas Kwasniok mit ihrem Anfang November erschienenen E-Book „Offensive – Mit dem Ball in der Endzone“ auf das Spiel mit dem runden Leder adaptiert. Entstanden ist ein Fußball-Lehrbuch, das Trainern im Angriffsdrittel verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufzeigt, um zum (erfolgreichen) Torabschluss zu kommen.

Dafür teilt das Trio in ihrem Buch das Spielfeld zunächst in zwei Bereiche ein, die „Build-Play-Area“, in der der Spielaufbau vonstatten geht, und die „Key-Play-Area“, das letzte Drittel also, wo das „Spiel in der Endzone“ stattfindet, wie Blicker erklärt. Dass sich die drei Fußball-Fachmänner in ihrem Erstlingswerk – weitere Teile wie Standardsituationen und Defensivverhalten sind in Planung – aber mit dem „Königsdrittel“ beschäftigen, ist kein Zufall, denn dies ist der Bereich des Spielfelds, in dem die Trainings- und Spielprinzipien aufgrund von Gegner- und Zeitdruck am schwierigsten umzusetzen sind. „Das Spiel in der Endzone ist absolut spielentscheidend, hier ereignen sich 99 Prozent aller Schlüsselaktionen im Spiel“, sagt Kwasniok, „deshalb widmen wir diesem Bereich auch das erste E-Book.“ Im weiteren Verlauf des Buchs unterteilt das Trio die „Key-Play-Area“ in weitere Zonen – und erstellt praktische Übungs- und Spielformen für die jeweiligen Zonen.

Buch richtet sich an die Trainer

Dass der Fußball längst eine eigene Religion ist, ist hinlänglich bekannt. Kein Wunder, dass auch die Autoren zehn Gebote (Verhaltensweisen) aufgestellt haben, die essenziell dafür sind, um in der Endzone erfolgreich zu sein. Diese reichen von „Du sollst nicht abschalten“ (Nach jedem Pass hat man eine Mission), über „Du sollst dich nicht zu Tode spielen“ (Nach spätestens fünf Ballaktionen kommt der Torabschluss) bis hin zu „Du sollst nicht zu spät kommen“ (Reboundverhalten der Offensivspieler).

„Das Buch richtet sich vor allem an Trainer. Das Schöne ist, dass sich die Coaches nicht an allen Elementen auf einmal orientieren sollen. Man kann sich Elemente raussuchen, die zu den eigenen Spielern und zur Qualität der jeweiligen Mannschaft passen. Daher ist es ein E-Book für das komplette Spektrum – vom Kreisklasse-Trainer bis hin zum Coach, der ganz ambitioniert Richtung Profifußball unterwegs ist“, erklärt Bischof.

Das 130 Seiten starke E-Book (19,95 Euro) läuft auch auf Tablets und Smartphones, damit die Trainer während den Übungen Zugriff darauf haben.

Weitere Informationen unter www.insidesoccercoaching.com

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Erstellt:
21. November 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 04sec

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