Fußballer Wittmann: Mit 72 Jahren noch mittendrin

Baden-Baden (rap) – Das Karriereende lässt sich Manfred Wittmann vom Coronavirus nicht diktieren. Der 72-Jährige sehnt die Zeit bereits bei, wenn er endlich wieder in das AH-Training gehen kann.

Hat mit den Alten Herren des FV Haueneberstein schon den einen oder anderen Pokal abgestaubt: Manfred Wittmann. Foto: Privat

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Hat mit den Alten Herren des FV Haueneberstein schon den einen oder anderen Pokal abgestaubt: Manfred Wittmann. Foto: Privat

So ein klein wenig vermisst Manfred Wittmann die lieb gewonnene Begrüßung, wenn der 72-Jährige jeden Montag den Fußballplatz des SC Wintersdorf betritt, in diesen außergewöhnlichen Zeiten dann doch. „Manne, bisch fit?“, lautet schließlich jene Frage seiner teils viel jüngeren Teamkollegen, bevor Wittmann seine Kickschuhe schnürt, sich die Kniebandage überstülpt und auf den Rasen trottet. Seit Ende Oktober, seit steigende Infektionszahlen ein Training wieder unmöglich gemacht haben, wartet er nun schon sehnsüchtig auf die kleinen Frotzeleien seiner Mitspieler – und dass er endlich wieder die Pille am Fuß haben kann.

Eine „wahnsinnige Entbehrung“ sei es, dass er derzeit nicht ins Alte-Herren-Training gehen könne, erklärt der rüstige Rentner. „Diese 90 Minuten zweimal in der Woche“, sagt Wittmann, „halten mich wahnsinnig fit, tun mir so gut.“ Zweimal? Ja, denn Manfred Wittmann spielt nicht nur seit rund zehn Jahren für die AH-Abteilung des SCW, sondern streift sich schon rund 15 Jahre lang das Trikot des FV Haueneberstein über. „Bis vor zwei, drei Jahren habe ich sogar noch in der zweiten Mannschaft ausgeholfen, wenn Not am Mann war“, sagt Wittmann, der mit seiner Frau in Haueneberstein lebt. „Natürlich 90 Minuten.“

Doch an Trainingseinheiten mit seinen Kumpels im Baden-Badener Ortsteil oder in Wintersdorf ist derzeit nicht zu denken, geschweige denn an AH-Turniere oder Freundschaftsspiele. Das Coronavirus ist – wieder einmal – dazwischen gegrätscht und hat den Amateurfußball zum Stillstand gezwungen. Keine abendliche Trainingskicks bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, kein Budenzauber mit anschließendem Feierabend-Bier. Manfred Wittmann vermisst das, er vermisst die Murmel am Fuß. Das hört man an seiner Stimme, wenn er über die derzeitige Zwangspause spricht.

Früher Baikalsee, heute Schwarzenbach

Daher muss sich der Rentner momentan auf anderen Wegen fit halten, für das Comeback auf dem grünen Rasen, sobald es die Pandemie-Lage in den nächsten Wochen oder Monaten irgendwann wieder zulässt. „Jetzt bin ich halt wie ein narrischer Kerl jeden Tag mit dem Rad unterwegs“, sagt der ehemalige Vertriebsleiter für Rettungsdrehleitern, der durch seinen Beruf die Schönheit von 79 Ländern erfahren durfte. So ging er am Baikalsee auf Bärenjagd, spielte im Kongo mit Kindern Fußball und beobachtete auf den Galapagosinseln die atemberaubende Natur und Tiere. Jetzt, da soziale Kontakte auf ein Minimum heruntergefahren werden müssen, radelt er eben auf die Teufelsmühle. Oder zur Schwarzenbachtalsperre. Oder auf den Kaltenbronn.

Wie schafft es ein 72-Jähriger 90 Minuten Fußball zu spielen? Gegen Gegner, die gut und gerne seine Kinder sein könnten, zu bestehen? Sein Erfolgsgeheimnis ist so banal wie genial: „Viel Bewegung – und regelmäßige Gymnastik.“ Und sich nicht nur auf eine Sportart festlegen. „Ich habe früher auch zehn Jahre Karate gemacht, Volleyball, Basketball und Tennis gespielt. Gerade das langjährige Karate war für die Vitalität und Flexibilität richtig gut“, verrät er. Schwerwiegende Verletzungen hat Wittmann bisher noch nicht gehabt. Vielleicht mal ein Zipperlein hier, ein Wehwehchen da. „Und wenn ich doch mal eine Kleinigkeit gespürt habe, bin ich halt ins Tor gestanden“, sagt Wittmann und lacht. Sowieso, gespielt werde dort, „wo mich die Mannschaft braucht und der Trainer mich aufstellt“. Egal ob Tor, Ausputzer oder Flügelflitzer auf der linken Flanke. „Naja, vorne links spiel‘ ich dann doch am liebsten.“

Wenn die Not groß ist oder mal der Muskel zwickt, macht Manfred Wittmann auch im Tor eine gute Figur. Foto: Privat

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Wenn die Not groß ist oder mal der Muskel zwickt, macht Manfred Wittmann auch im Tor eine gute Figur. Foto: Privat

Mit seiner durchaus außergewöhnlichen Senioren-Karriere möchte Wittmann ein gutes Beispiel, ein Vorbild für andere Herren in seinem Alter sein. Werbung machen, dass man auch im gesetzteren Alter noch mit Leidenschaft und Ausdauer gegen das runde Leder treten kann. Das bewundert auch Hajo Emmering, der inoffizielle Trainer der FVH-AH. „Der Manne, jeder hier nennt Manfred nur so“, sagt Emmering, „ist Kult. Er ist topfit, ein außergewöhnlich sympathischer Mensch.“ So sei „Manne“ immer der Erste in der Whatsapp-Gruppe, der für das Training zusage. „In der Regel verpasst er keine Einheit, ist immer bereit, wenn er für ein Spiel gebraucht wird.“ Vor zwei Jahren, erinnert sich Emmering, habe er noch in der zweiten Mannschaft ausgeholfen, ging mit seinen 70 Lenzen in Zweikämpfe mit 18-Jährigen. „Das ist schon verrückt“, sagt der Coach, der seit 15 Jahren gemeinsam mit Wittmann in der AH spielt, „wir sind so froh, dass Manne ein Teil unseres Teams ist. Hoffentlich noch sehr lange.“

Anekdoten hat der Hauenebersteiner, der in Ebersteinburg aufgewachsen ist und auch längere Zeit in Gernsbach gewohnt hat, natürlich reichlich zu erzählen. Etwa jene beim Gastspiel mit der zweiten Mannschaft beim TSV Loffenau. „Vor drei, vier Jahren müsste das gewesen sein. Bei der Passkontrolle ist der Schiedsrichter stutzig geworden, konnte das nicht glauben und hat den Pass einfach abfotografiert“, erinnert sich Wittmann. Oder an eine Konversation mit einem jungen Fußballer. Beim Einlaufen habe dieser ihn die ganze Zeit angestarrt. „Da hab‘ ich ihn einfach gefragt: ,Was gucksch denn so?‘. Seine Antwort war einfach nur: ,Respekt, echt Respekt‘“, gibt der Senior das kurze, aber im Gedächtnis gebliebene Gespräch wider.

Einmal sei er gar sauer gewesen, sagt er. Nicht etwa nach einem Foul eines Gegenspielers, sondern auf seinen Trainer. Der Grund: Eine Auswechslung nach 75 Minuten. Eigentlich nicht ungewöhnlich für einen damals fast 70-Jährigen. „Ich hätte 90 Minuten im Tank gehabt“, sagt Wittmann und lacht. Der Ärger aber sei schnell verflogen, spätestens bei dem Bierchen danach.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Was macht für ihn, der das Kicken auf den Straßen und den Höfen in Ebersteinburg erlernt hat, die Faszination Fußball aus? „Natürlich, dass man sich viel bewegt, aber vor allem die Kameradschaft, das Zusammensitzen und Gebabbel nach dem Training – natürlich beim gemeinsamen Bierle und den Geschichten der anderen zu lauschen oder selbst über meine Reisen in die fernen Länder zu berichten“, findet Wittmann, der früher große Sympathien für den FC Bayern hegte, nun aber aus einem bestimmten Grund dem SC Freiburg die Daumen drückt. Der Großneffe seiner Frau, Yannik Keitel, gehört zum Kader von Trainer Christian Streich und ist U-21-Nationalspieler. „Als kleiner Bub, als er so acht, neun Jahre alt war, hat er bei Familienfeiern so lange genervt, bis ich mit ihm Fußball gespielt habe“, sagt Wittmann und lacht, „beigebracht habe ich ihm aber nichts.“

Was also wünscht sich ein 72-Jähriger, der noch fit wie ein Turnschuh ist, für das kommende Jahr? „Dass die harte Zeit, die wir gerade alle durchmachen müssen, bald vorbei ist. Mein größter Wunsch ist aber, dass die Menschen das Virus ernst nehmen, sich und die Mitmenschen schützen“, erklärt der Rentner. Und persönlich, Ziele für seine bemerkenswerte AH-Karriere? „Vom Coronavirus lass‘ ich mir ein Karriereende sicherlich nicht diktieren. Ich habe mindestens noch zwei, drei gute Jahre im Tank.“

Schließlich sehnt sich Manfred Wittmann noch lange nach der einen, ganz bestimmten Frage: „Manne, bisch fit?“

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Erstellt:
24. Dezember 2020, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 30sec

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