Fußballer und der Gin des Lebens

Baden-Baden (moe) – Marko Arnautovic hat seinen eigenen Gin auf den Markt gebracht. Der Österreicher ist nicht der einzige Fußballer, dessen zweites Standbein auf Alkohol fußt.

„Ich bin nicht der Typ, der viel Alkohol trinkt“ – ihn aber zumindest verkauft: Ex-Werder-Profi und neuerdings Gin-Produzent Marko Arnautovic. Foto: Jaeger/APA/dpa

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„Ich bin nicht der Typ, der viel Alkohol trinkt“ – ihn aber zumindest verkauft: Ex-Werder-Profi und neuerdings Gin-Produzent Marko Arnautovic. Foto: Jaeger/APA/dpa

Als Markenbotschafter taugt Marko Arnautovic nur bedingt. Zumindest in diesem speziellen Fall. „Ich bin nicht der Typ, der viel Alkohol trinkt“, hat der österreichische Nationalspieler kundgetan. Als Profifußballer, selbst wenn man wie der 31-Jährige aktuell nur noch in China seine Karriere nach Hause schaukelt, ist das ein durchaus löbliches Geständnis. Aus marketingtechnischen Gründen ist es allerdings eher kontraproduktiv, schließlich ist der ehemalige Werder-Stürmer gerade dabei, sich ein zweites Standbein aufzubauen: als Spirituosenproduzent. Vor rund drei Wochen hat der Kicker seinen „Arnautovic Gin“ auf den Markt gebracht. 35 Euro kostet das Destillat, das nach österreichischen Aprikosen und serbischen Pflaumen schmecken soll. Und Arnautovic versichert: „Er brennt nicht“.

Alkohol-Abusus hat in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder hoffnungsvollen Fußballern die Karriere kaputtgegrätscht oder zumindest für zeitweise wackelige Beine gesorgt. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Nachspielzeit auf Hochprozentigem fußt, Arnautovic ist diesbezüglich nur das jüngste Beispiel. Ein weiteres ist Aron Gunnarsson. Der isländische Fußballstar hat mit einem ungewöhnlichen Investment finanziell vorgesorgt. Laut der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ hat 31-Jährige sein Geld in Gerstensaft investiert, genauer in ein Bier-Spa.

Auf dem Rasen gilt Gunnarsson – vielleicht aufgrund seiner Vergangenheit als hoffnungsvolles Handballtalent – als Einwurfspezialist, auch in diesem Fall hat er offenbar den großen Wurf im Blick: Sanitas per Humulus (lateinisch für Hopfen) war im vulkanischen Inselstaat bisher eine echte Marktlücke, kein Wunder, dass sich der Fußballer zehn Prozent der Anteile gesichert hat. Auf dem Therapieplan im Brau-Wellnesstempel steht unter anderem – wie kann es anders sein – ein 25-minütiges Bad in Bier. Wenig überraschend wird obendrein Bier zum Trinken serviert. Und darauf „Prost“ – oder besser „Huh!“

Im Wein liegt Pirlos Wahrheit

Um einige Kategorien feingeistiger ging Andrea Pirlo auf dem Rasen zu Werke, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass der italienische Ballstreichler mit Fuß und Auge für den Abwehrreihen sezierenden Pass mit Bier relativ wenig am Hut hat: zu tumb, zu proletarisch, schlicht nicht edel genug. „In vino veritas“ hat sich der Weltmeister von 2006 gedacht und seine lebenslange Leidenschaft für fermentierten Traubensaft – offenbar will Piccolo-Andrea schon als Siebenjähriger gewusst haben, dass er später einmal Winzer werden würde – zur Grundlage seines Schaffens abseits des Platzes gemacht. In seinem Heimatort Coler bei Brescia betreibt der Italiener ein acht Hektar großes Weingut, in dem jährlich etwa 20 000 Flaschen produziert werden – ab und an wird auch im Hause Pirlo eine davon dekantiert: „Als Profi konnte ich vielleicht höchstens mal ein Glas nach einem Sieg trinken“, hat der Edeltechniker auf einer Promo-Tour, die ihn einst sogar nach Baden-Baden geführt hat, einmal erzählt: „Heute habe ich das große Glück, auch mal zwei trinken zu dürfen. Oder auch mehr.“

So vielfältig wie Rebsorten sind indes die unternehmerischen Betätigungsfelder ehemaliger und auch aktueller Profis. Lukas Podolski ist etwa als Döner-Laden-Besitzer, Eis-Dealer, Soccer-Center-Inhaber und als Modeschöpfer für Supermarkt-Discounter weitaus flexibler einsetzbar als bei seinem eigentlichen Fladenbroterwerb auf dem Feld. Darüber hinaus ist vom Pornodarsteller (Jonathan de Falco), Staubsaugervertreter (Thomas Brolin), Polizeikommissar (Fabian Boll), Spielekonsolen-Unternehmer (Moritz Stoppelkamp) bis zum Klopapierhersteller (Francis Lee) – noch vor der Corona-Krise – fast alles dabei, wenn es um die zweite Karriere geht.

Eine Branche hat es der Sportart aber besonders angetan: „Wer nix wird, wird Wirt“, sagt der Volksmund bekanntlich etwas despektierlich – „und wer Fußballer wird auch“, ist man angesichts der Vorliebe der Kicker für die Gastronomie geneigt zu sagen. Einer der Pub-Pioniere war zweifellos Günter Netzer. Auf dem Rasen kam er aus der Tiefe des Raumes, in der Mönchengladbacher Altstadt wandelte der „King vom Bökelberg“ mit seiner Diskothek „Lovers Lane“ auf den Spuren des legendären „Studio 54“ in New York, zumindest vermittelten Auftritte im Ferrari, Pelzmantel und ikonenhafter Föhnfrisur den Eindruck von Glitzerwelt, selbst in der niederrheinischen Provinz. Karl-Heinz Riedle, Gareth Bale, Cristiano Ronaldo, Michael Zeyer, Willi „Ente“ Lippens, Nelson Valdez, Giovane Elber, Martin Max, Kevin Großkreutz und noch etliche mehr haben alle in Hotels, Restaurants oder Kneipen investiert.

Ostrzolek und sein Saftladen

Ein Sonderling ist diesbezüglich Matthias Ostrzolek, was vielleicht auch daran liegen mag, dass er zum einen Linksfuß ist und zum anderen einst beim Hamburger SV spielen musste. Wahrscheinlich ist er dort verrückt geworden, wie sonst konnte er allen Ernstes zusammen mit Freundin Anne-Kathrin Ertl eine Saftladen-Kette eröffnen und diese – sinnigerweise – auch noch „Mad about Juice“ nennen, während all seine Kicker-Kollegen mit dem Ausschank von Alkohol auf Nummer sicher gingen? Das konnte nur bedingt gutgehen, zumindest die Dependance in Hannover musste der Linksverteidiger dichtmachen. Was für ein Saftladen...

Das soll Marko Arnautovic, Zeit seiner Karriere immer mal wieder für kleinere Eskapaden, zumindest aber für markige Sprüche bekannt, mit seinem Gin natürlich nicht passieren. Bevor der 85-fache Austria-Internationale mit seinem 40 Umdrehungen starken Wacholder-Destillat so richtig durchstarten kann, sollte er vielleicht noch schnell einen Volkshochschulkurs zum Thema verkaufsfördernde Maßnahmen belegen, sofern dem 31-Jährigen daran gelegen ist, den Abverkauf im Supermarktregal anzukurbeln. Denn mit Ratschlägen an die potenzielle Kundschaft, dass diese „nicht zehn, 15 Flaschen kaufen und sich weghauen“ solle, macht das Unternehmer-Leben nun wirklich keinen Gin.

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Erstellt:
24. Juni 2020, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 42sec

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