GDL-Streik trifft Mittelbaden

Baden-Baden (fk/naf/kli) – Der Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer hat auch den Südwesten stark getroffen. Zahlreiche Züge fallen aus, unter anderem auf der mittelbadischen Rheinachse.

Vom Streik getroffen: Wer reisen will oder muss, muss sich – wie hier in Baden-Baden – oft in einen der wenigen, mitunter überfüllten Züge zwängen. Foto: Florian Krekel/BT

© fk

Vom Streik getroffen: Wer reisen will oder muss, muss sich – wie hier in Baden-Baden – oft in einen der wenigen, mitunter überfüllten Züge zwängen. Foto: Florian Krekel/BT

Der Schaffner joggt fast, legt zumindest einen strammen Walking-Schritt an den Tag, als er am Baden-Badener Bahnhof am Mittwochmorgen den ICE Nummer 76 nach Hamburg-Altona entlangläuft. Am vierten Wagen stehen noch immer Fahrgäste vor der Tür, kommen nicht mehr in den Zug. Der Schaffner hilft nach, dirigiert, platziert. Es wird eng. „Und das wird noch enger, wenn der Zug erst mal in Karlsruhe ist“, sagt ein Mitarbeiter der DB-Sicherheit, der auf dem Bahnsteig das Treiben überwacht und den streikgeplagten Passagieren weiterhelfen soll.
Auf den übrigen Bahnsteigen herrscht währenddessen gähnende Leere – künden doch die Laufbanner auf den dunkelblauen DB-Anzeigen davon, dass allein zwischen 10.30 Uhr und 11.30 Uhr von drei Regionalzügen der DB drei ausfallen. Immerhin: Alle zwei Stunden soll ein Fernzug fahren. Der dann mitunter entsprechend voll ist, wie auch Mitarbeiter der Bahn bestätigen.

Bahn: Nicht reisen, wenn nicht unbedingt nötig

Offiziell heißt es aus der Pressestelle des Konzerns auf BT-Anfrage: „Die Züge im Fern- und Nahverkehr verkehren nach einem Ersatzfahrplan. Im Fernverkehr ist das bundesweite Angebot auf rund ein Viertel reduziert. Im Regionalverkehr schwankt die Anzahl der angebotenen Züge stark. Das Angebot ist deutlich reduziert.“ Man könne, so die Bahn weiter, nicht garantieren, dass alle Reisenden an ihr Ziel kommen, wer nicht unbedingt reisen müsse, solle bis Freitag lieber darauf verzichten.

AVG kaum betroffen

Auf die Fahrt zum Arbeitsplatz, der viele Arbeitnehmer täglich in die Stadtbahnen der Region führt, können eben diese jedoch kaum verzichten. Auch die für die S-Bahnen zuständige Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) ist von den Auswirkungen des Streiks betroffen. Zwar wird die AVG nicht selbst bestreikt, beschäftigt in ihrem Netz jedoch einzelne Lokomotivführer der DB Regio, die durch die Arbeitskampfmaßnahmen nun ebenfalls ausfallen. Bereits am Dienstag hatte die AVG darum vor den gestrigen Verspätungen und Fahrtausfällen gewarnt. „Der Vormittag lief wie angekündigt“, berichtet AVG-Pressesprecher Michael Krauth am gestrigen Mittag. „Auf vielen Linien kam es nur zu vereinzelten Fahrtausfällen“, so auch bei der S7, S71, S8 und S81, die Bühl, Baden-Baden, Rastatt sowie das Murgtal mit Karlsruhe verbinden. Überraschende Ausfälle habe es keine gegeben. Und so bestätigt Krauth, was er am Tag zuvor angenommen hatte: In Mittelbaden und Karlsruhe „haben wir keine größeren Auswirkungen zu verzeichnen.“

„Situation am Donnerstag ähnlich wie am Mittwoch“

Im Heilbronner Raum sieht das allerdings anders aus. „Wie prognostiziert“ ist der Verkehr der beiden Linien S41 und S42 stark von den Streiks betroffen – „die kompletten Verbindungen entfallen“, sagt Krauth. Die AVG konnte jedoch kurzfristig einen Busnotverkehr organisieren, der die Fahrten zumindest teilweise abdeckt. Die Situation am Donnerstag „wird sich nicht groß unterscheiden“, kündigt Krauth an. Somit werden die fahrenden S-Bahnen wohl auch am Donnerstag vielen Bahnfahrern wieder als Ersatz dienen.

Besonders im Regionalverkehr gibt es viele Ausfälle. Die Menschen in Mittelbaden waren aber offenbar vorbereitet, die Bahnsteige sind – wie hier in Offenburg –  entsprechend weitgehend menschenleer. Foto: Tobias Symanski/BT

© tas

Besonders im Regionalverkehr gibt es viele Ausfälle. Die Menschen in Mittelbaden waren aber offenbar vorbereitet, die Bahnsteige sind – wie hier in Offenburg – entsprechend weitgehend menschenleer. Foto: Tobias Symanski/BT

Auch im Hauptbahnhof Karlsruhe fallen am Mittwoch viele Züge aus, Fern- ebenso wie Regionalzüge. Nur ganz selten verkehrt etwa die Schwarzwaldbahn nach Plan, die über Baden-Baden Richtung Konstanz fährt. Reisende nach Baden-Baden werden auf die S-Bahnen nach Rastatt verwiesen, um von dort mit der nächsten S-Bahn nach Baden-Baden weiterzukommen. Die wenigen Fernzüge, die fahren, sind proppenvoll. Alle paar Minuten schallt es am Hauptbahnhof durch die Lautsprecher: „ICE soundso fällt heute aus. Grund dafür sind Streikauswirkungen. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

Nicht alle haben Verständnis

Das haben nicht alle Reisenden. Josef Franz etwa. Der 71-jährige Karlsruher ist unterwegs nach Frankfurt. Zufällig haben er und seine Frau einen ICE ausgesucht, der auch fährt. „Glück gehabt“, freut sich Franz. Für den Zeitpunkt des Streiks hat er allerdings kein Verständnis. „Corona hat viel Leid verursacht, dann kam die Flut, das alles hat die GDL nicht berücksichtigt“, sagt er. Nun stehe die Bahn wie ein Depp da, der nichts auf die Reihe kriegt. „Das stimmt ja nicht, die Bahn wird jetzt leider wieder geschädigt. Das ist wie, wenn man auf jemanden tritt, der eh schon am Boden liegt. Aus Sicht der Gewerkschaft ist der Streik-Zeitpunkt günstig, weil er viel Aufmerksamkeit erzielt. Aber es ist ein gesellschaftlicher Rückschlag“, findet Franz.

Ein junger Reutlinger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist unterwegs in den Urlaub in die Schweiz. Er hätte um 9 Uhr in Basel sein sollen. Stattdessen wartet er um 11 Uhr noch auf dem Karlsruher Hauptbahnhof auf die nächste Verbindung nach Süden. „Ich bin froh, wenn ich dann irgendwann über die Grenze bin und mit der Deutschen Bahn nichts mehr zu tun habe. Die Schweizer sind in allem zuverlässiger“, findet er. Für den Streik hat er kein Verständnis. Die Bahnen in Deutschland seien eh unpünktlich und fielen oft aus.

Melissa und Kenny lassen sich dagegen nicht aus der Ruhe bringen. Die beiden Kalifornier sind drei Monate in Europa unterwegs, sind in Karlsruhe gestrandet, wollen weiter nach Zürich. Vom Streik haben sie zu spät erfahren, da waren die Fahrscheine schon gebucht. Sie werden mit vier Stunden Verspätung in Zürich ankommen, sind aber nicht verärgert. „So ist eben das Leben.“ Sie haben sich Snacks und Verpflegung gekauft, eigentlich für ihren Schweiz-Aufenthalt, weil dort alles so teuer ist. Nun essen die beiden die Vorräte eben schon in Karlsruhe. Warten macht hungrig. „Der Streik ist das einzige Problem, das wir hier in Deutschland erlebt haben. Wenn das alles ist, ist es doch okay“, sagen sie. Dann fährt ihr Zug endlich ein. Beim Einsteigen merken sie sofort: Die letzten Stunden in Deutschland werden eng.

Wie in Offenburg sieht es auch auf dem Karlsruher Hauptbahnhof aus. Foto: Dieter Klink/BT

© kli

Wie in Offenburg sieht es auch auf dem Karlsruher Hauptbahnhof aus. Foto: Dieter Klink/BT


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.