Karlsruhe: GMD Brown gibt letztes Konzert

Von Thomas Weiss

Karlsruhe (red) – Der Engländer Justin Brown verabschiedet sich am Samstag, 27. Juni, als Generalmusikdirektor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe mit einem Kammerkonzert am Klavier. Die Corona-Krise beeinflusst auch die Zukunftspläne Browns, seine geplanten Engagements seien alle verschoben, sagt er im BT-Interview.

Karlsruhe: GMD Brown gibt letztes Konzert

Justin Brown tritt am Samstagabend zum Abschied als Pianist mit kleiner Orchesterbesetzung im Staatstheater auf. Foto: Felix Grünschloß/Badisches Staatstheater

So lange stand, zumindest seit die Badische Staatskapelle ihre Heimstadt im 1975 neu eröffneten Karlsruher Staatstheater am Ettlinger Tor hat, noch kein Chefdirigent an der Spitze des Orchesters: Zwölf Jahre leitete Justin Brown die Geschicke der Staatskapelle, wobei nach zehn Jahren eigentlich das Ende seines Engagements in der Fächerstadt gekommen war. Die Suche des Badischen Staatstheater nach einem Nachfolger für den englischen Generalmusikdirektor führte indes dazu, dass Brown seinen auslaufenden Vertrag um zwei Jahre verlängerte, um ein Vakuum auf dieser bedeutenden Position zu verhindern. Ab Herbst folgt ihm nun der sächsische Dirigent Georg Fritzsch.Dass Brown ein geplanter Abschied mit entsprechenden Ehren verwehrt bleibt, liegt indes an den Corona-Zeitläufen: Weder die für März angekündigte Premiere von Bergs „Wozzeck“ – sie soll kommende Spielzeit nachgeholt werden – konnte der Dirigent wie geplant leiten noch das abschließende, sehr staatstragend-feierliche Sinfoniekonzert mit Beethovens neunter Sinfonie und dessen „Chorfantasie“, bei der Brown wie häufig zugleich als Klavier-Solist und musikalischer Leiter agieren sollte. Die „Chorfantasie“ soll es noch virtuell geben, ab dem 11. Juli mit Brown vom Flügel aus Solisten, Chor und Staatskapelle leitend. Und am kommenden Samstag gibt es einen „kleinen“ Abschied mit Brown am Flügel und Musikern seiner Staatskapelle mit einem Kammermusikprogramm.„Wir lernen, in den Abgrund zu schauen“

Die Corona-Krise beeinflusst auch die Zukunftspläne Browns, der ein Art gemäßigtes Sabbatical nach dem Ende seiner Leitungsposition in Karlsruhe angestrebt hatte, wie er im BT-Gespräch erläutert: „Wie so viele meiner freiberuflichen Freunde und Kollege sind alle meine Engagements für die nächsten zwei Jahre entweder verschwunden oder wurden verschoben.“ Wobei der Dirigent nicht nur für sich etwas pessimistisch in die Zukunft schaut: „ In unserem Beruf haben wir immer gewusst, dass wir in der Nähe des Randes leben. Jetzt lernen wir, direkt in den Abgrund zu schauen.“In den zwölf Jahren von Brown in der Fächerstadt bestimmten zwei Pole das Wirken des Dirigenten: Einerseits setzte er sich sehr produktiv mit der großen Wagner- und Strauss-Tradition des Badischen Staatstheaters auseinander, anderseits hielt er nicht nur in der Oper, sondern vor allem in seinen Konzertspielplänen oftmals überzeugende Plädoyers für die (gemäßigte) Musik der Gegenwart.Auf einer beachtenswerten Einspielung ist beispielsweise Mahlers Neunte dokumentiert. Brown brachte die monumentalen „Gurre-Lieder“ von Schönberg ebenso zur Aufführung wie einen amerikanischen Klassiker der Moderne, „Amériques“ von Varèse. Wobei Brown, der sowohl das Kulturleben in den USA als auch in seiner Heimat Großbritannien gut kennt, den größten Unterschied zu Deutschland einerseits in der Finanzierung der Kultur, aber auch dem Publikumsinteresse sieht: „In Deutschland gibt es meiner Meinung nach mehr als in jedem anderen Land der Welt ein umfassendes Verständnis der Bevölkerung für das tiefe Bedürfnis nach Kunst, Musik und Theater in der Gesellschaft“, betont Brown.Mit der Badischen Staatskapelle, die sich in der Amtszeit Brown auf entscheidenden Positionen verjüngt hat, hatte er einen reaktionsfreudigen Klangkörper zu Verfügung, die die von Brown oft angestrebte Mischung aus rhythmischer Spannkraft, struktureller Durchleuchtung und, wenn nötig geballter Klangwucht auf hohem Niveau umzusetzen bereit war. „Dass in diesem großen Klangkörper ein Gefühl für Individualität herrscht, ein Gefühl, dass die Spieler aufeinander hören, dass der individuelle Ausdruck nicht ausgeschlossen ist“, sieht er als kennzeichnend an. „Die Massivität des deutschen Klangs ist natürlich immer noch da, aber zugleich bedeutet die Haltung der Musiker mehr Transparenz für den Hörer.“ Brown hat sich auch für Musik seiner Heimat von Elgar und Britten dezidiert eingesetzt. Wichtig sei für ihn immer die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Luciano Berio, George Crumb, Leonard Bernstein, hier in Karlsruhe natürlich Wolfgang Rihm, sowie mehreren jüngeren, zuletzt der sehr talentierten Kathrin Denner gewesen.„,Wahnfried‘ war mir eine Freude“

In Karlsruhe hat sich der Dirigent sehr intensiv mit der Musik Richard Wagners befasst, sei es bei der von vier unterschiedlichen Regiehandschriften getragenen, eher disparaten jüngsten Produktion des „Ring des Nibelungen“, dessen verbindendes Element die ebenso packende wie klangliche Details differenziert ausleuchtende Handschrift des Dirigenten blieb. Aber auch „Tristan und Isolde“ und das Spätwerk „Parsifal“ profitierten von der im Laufe der Jahre gesteigerten klanglichen Geschmeidigkeit, zu der Brown die Staatskapelle anhielt. Zwar sieht Brown die Schriften des Wagners kritisch, die rassistische und antisemitische Tendenzen enthalten, trennt sie aber vom kompositorischen Werk: „Die Opern selbst sind erfüllt von größtmöglichem Verständnis und Mitgefühl für menschliche Bestrebungen und Schwächen“, erklärt er.Auch die seit 111 Jahren nicht mehr in Karlsruhe aufgeführten „Trojaner“ von Berlioz erfuhren unter Brown eine überzeugende Wiederbegegnung. „Ich habe Berlioz‘ Meisterwerk schon 1990 an der Schottischen Opera kennengelernt“, sagt Brown, „die Aufführung ist ein gewaltiges Unterfangen, aber auf alle Fälle die immense Mühe wert. Und es hat eine schöne Beziehung zu Karlsruhe, denn die Uraufführung fand hier 1890 unter Felix Mottl statt“.

Verdi tritt hinter dem deutschen Fach etwas zurück

Packende Dramatik prägte oft seine Strauss-Sicht wie nicht nur bei „Elektra“, aber auch die doppelbödige Walzerseligkeit des „Rosenkavalier“ war bei Brown in guten Händen. Bei dieser Konzentration auf das deutsche Fach tritt sein Engagement für Verdi fast etwas in den Hintergrund, was der GMD im Rückblick bedauert, obwohl er sich auch zentralen Opern wie „Otello“ und „Falstaff“ eindrucksvoll widmete. Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Leos Janaceks „Katja Kabanowa“ oder sein „Schlaues Füchslein“ erlebten erlebten ebenso eindrucksvolle Aufführungen.Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit gehörte sicher die Uraufführung der Oper „Wahnfried“ des von Brown sehr geschätzten Komponisten Avner Dorfman, die 2017 überregional positiv rezensiert wurde. „Dorfmans ,Wahnfried‘, eine Oper über die Entstehung des Wagner-Mythos zwischen seinem Tod und Hitlers Ankunft in Bayreuth in den 1920er Jahren, ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk, und es war eine große Freude, Teil seiner Entstehung gewesen zu sein“.