Gaggenau: Aus Langeweile wird Gewalt

Gaggenau (tom) – Die in jüngster Zeit aufgetretenen Probleme mit Kindern und Jugendlichen in der Innenstadt habe man weitestgehend Griff. Dies bilanziert Oberbürgermeister Christof Florus.

Eine Gruppe aus fünf bis sechs unbekannten Jugendlichen hat Ende März mehrere Scheiben des leerstehenden Parkhotels eingeschlagen. Es entstand Sachschaden von rund 500 Euro. Foto: Ulrich Jahn

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Eine Gruppe aus fünf bis sechs unbekannten Jugendlichen hat Ende März mehrere Scheiben des leerstehenden Parkhotels eingeschlagen. Es entstand Sachschaden von rund 500 Euro. Foto: Ulrich Jahn

Auch er selbst sei im Frühjahr einmal eingeschritten, als Bürger belästigt wurden. „Erschreckend, was da an Kriminalität zutage getreten ist“, berichtete er gestern von Körperverletzungen, Bedrohungen mit dem Messer, Sachbeschädigungen und Beleidigungen.

Georg Bierbaums, Jugendkoordinator des Polizeireviers, bestätigte, dass es seit Ende März eine Häufung von Kindern und Jugendlichen im Bereich Murgtal-Center, Sparkasse mit Parkhaus, Bahnhof, Parkhaus Hildastraße und Murgpark gegeben habe: „Zunächst nur Ordnungsstörungen, sehr schnell auch Straftaten.“ Bis Ende April habe man 22 Anzeigen entgegengenommen. „Immer die gleichen Namen“ seien es gewesen, Zwölf- bis 14-Jährige, teils polizeibekannt, auch aus dem oberen Murgtal und aus Kuppenheim. Obwohl die Polizei „personell ganz schlecht aufgestellt“ sei, so Bierbaums, habe man alle Verfahren zur Staatsanwaltschaft gebracht. Diese allerdings musste die Verfahren in den allermeisten Fällen einstellen – weil die Täter noch nicht strafmündig waren.

Präventionsverein in Aktion

Zivile und uniformierte Streifen – drei Mal war die Bereitschaftspolizei da; aber als „Ordnungsmacht“ habe man keine Chance gehabt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Erst die „aufsuchende Jugendarbeit“ sei erfolgreich gewesen.

Genau dieses Konzept, so Florus, habe er zunächst mit Kindgenau umsetzen wollen. Doch wegen Personalmangels habe der Verein, der unter anderem das Jugend- und Familienzentrum betreibt, dies im Frühjahr nicht übernehmen können. Deshalb sei man dem Verein Lebenswertes Murgtal für seinen Einsatz dankbar. Der Verein wurde 2002 auf Initiative des Polizeireviers gegründet und ist seit wenigen Wochen als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt.

„Ohne euch“, sagte Florus an Geschäftsführer Andreas Seitz gewandt, „wäre das nicht machbar gewesen.“ Am 3. Mai sei er mit Sabine Geiges zum ersten Mal in der Stadt unterwegs gewesen, berichtete Seitz. „Unzählige Jugendliche“ habe man gesehen, auch die Tatverdächtigen.

Zweieinhalb Wochen lang habe man Kontakt zu ihnen gesucht: „Sie waren froh und erleichtert, dass sich jemand um sie kümmert.“ Coronabedingte Langeweile, keine Tagesstruktur: Nun seien die jungen Leute dankbar, dass die Schule wieder losgehe.

Dies bestätigt Bierbaums: „Andere Kommunen haben diese Probleme auch.“ Aber in Gaggenau habe man das in einem Netzwerk lösen können. Insgesamt 50 Leute waren im Einsatz, davon 31 vom Präventionsverein, dazu acht von der Fachstelle Sucht sowie Mitglieder der Halt-Gruppen und Schulsozialarbeiter.

Sabine Geiges vom Verein Lebenswertes Murgtal: Manchmal habe man das Gefühl gehabt, „dass die Kinder und Jugendlichen schon auf uns gewartet haben. Die meisten sind echt anständige Kids.“ Teilweise waren sie in Sportvereinen, aber das fand nicht mehr statt.

Renate Fütterer (Jugendamt des Landkreises) berichtete, dass nicht bei allen betroffenen Eltern Problembewusstsein vorhanden sei, doch die meisten Gespräche seien positiv verlaufen. Gleichwohl wolle man sprachliche Barrieren abbauen, die insbesondere bei den Müttern vorhanden sind.

Florus kündigte an, dass der neue Leiter des Jufaz, Volker Symannek, ein Konzept zur aufsuchenden Jugendarbeit erarbeiten werde. Michael Pfeiffer bilanzierte als Vorstandsmitglied des Präventionsvereins: Man könne Jugendprobleme nicht völlig aus der Welt schaffen. So habe es am Freitag erneut Vandalismus im Murgpark gegeben.

Ihr Autor

BT-Redakteur Thomas Senger

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Erstellt:
12. Juni 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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