Gaggenau: Dieter Spannagel geht in Ruhestand

Gaggenau (hu) – Geliebt – gehasst – geachtet: Als Standesbeamter, Ordnungsamtsleiter und „Mr. Corona“ trifft das alles auf Dieter Spannagel zu. Jetzt geht er nach mehr als 40 Jahrenin den Ruhestand.

Nur auf dem Papier: Dieter Spannagel mit dem bislang nicht genutzten Plan zur Einrichtung einer Impfstätte für Massenimpfungen in der Jahnhalle. Foto: Swantje Huse

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Nur auf dem Papier: Dieter Spannagel mit dem bislang nicht genutzten Plan zur Einrichtung einer Impfstätte für Massenimpfungen in der Jahnhalle. Foto: Swantje Huse

„Die besten Katastropheneinsatzpläne sind die, die man nicht braucht.“ Dieter Spannagel lacht. Doch auch wenn der Leiter des Amts für Bürgerservice und Ordnung den Ordner mit der Aufschrift „Alarmplan – Durchführung von Massenimpfungen“ mit Plänen von der zur „Impfstätte“ umfunktionierten Jahnhalle nicht aus dem Schrank holen musste: Die pandemische Lage, die dort zur theoretischen Grundlage erhoben wird, hat ihn dann doch eingeholt. In den vergangenen zwei Jahren ist Spannagel zu einer Art „Mr. Corona“ von Gaggenau geworden. Zum 1. März tritt er in den Ruhestand.

Beinahe 45 Jahre stand der großgewachsene Mann dann im Dienst der Stadt. Gestartet war er als Beamter im mittleren Dienst – und landete in der Kämmerei. Bei allem Respekt, den er für die dortige Arbeit habe: „Hätte ich dort bleiben müssen, hätte ich mir einen anderen Job gesucht.“ Es folgte ein Studium an der Verwaltungshochschule in Kehl, die ihm eine Karriere im gehobenen Dienst ermöglichte. Dann eine kurze Zeit im Hauptamt, bevor er ins Standesamt wechselte, dessen Leitung er von 1990 bis 2001 innehatte.

Fast scheint es, als sei die weitere Laufbahn zum Ordnungsamtsleiter vorherbestimmt gewesen. Wenn Spannagel aus seinem Bürofenster im Haus Elisabeth schaut, blickt er auf eine Grünfläche vor der Hauptstraße. „Da war mein Kindergarten. Mit katholischen Ordensschwestern. Das war noch anders als heute.“ Als er 2001 zum Leiter des Amts für Bürgerservice und Ordnung wird, geht für ihn ein Traum in Erfüllung. „Man ist vielleicht nicht immer beliebt, aber man hat unheimlich viele Bürgerkontakte.“ Für ihn ein „Riesenreiz, all diese Facetten der Menschen kennenzulernen“.

Krisenmodus und schöne Tage

Dazu gehören allerdings auch die weniger schönen Seiten: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 muss sich auch Spannagels Amt mit der Angst vor Bio-Terroranschlägen mit Milzbrand oder Pocken auseinandersetzen. Der Amoklauf von Winnenden 2009 bringt Änderungen im Waffengesetz mit sich, die nicht überall auf Gegenliebe stoßen, und schließlich radelt Spannagel 2017, zwei Tage nach Aschermittwoch, ins Amt und erfährt auf dem Weg, dass eine Bombendrohung im Rathaus eingegangen ist – vermutlich als Reaktion auf die Absage einer Veranstaltung, bei der der türkische Außenminister in Bad Rotenfels hätte sprechen sollen. „Dafür haben wir sehr viel lobende Worte bekommen“, erinnert sich Spannagel. Aber auch andere Reaktionen.

Als erfahrener Feuerwehrmann und Stadtbrandmeister seit 1997 ist Spannagel krisenerprobt. „Man muss einfach funktionieren. Das hat geholfen.“ Dennoch: „Angst war auch da.“ Glücklicherweise passiert nichts: Spürhunde finden nichts. Der Alarm entpuppt sich als leere Drohung.

Schlaflose Nächte hat Spannagel seine Arbeit vorher nur ein Mal bereitet: Bei den Wahlen 2004. Weil sich kurz vor der Wahl Fehler auf Stimmzetteln eingeschlichen hatten, konnten der Ortschaftsrat von Freiolsheim und der Gemeinderat nicht gewählt werden. „Das war das erste Mal, dass ich bei der Regierungspräsidentin im Zimmer saß. Da hätten wir alle drauf verzichten können.“ Doch auch hier schaltet er in den Krisenmodus. Gedanken um berufliche Folgen macht er sich keine. „Ich habe nur noch darüber nachgedacht, wie wir das wieder hinkriegen.“

Seine Zeit bei der Stadt wird dem 63-Jährigen auch wegen anderer Episoden in schöner Erinnerung bleiben. So zelebrierte er als Standesbeamter die Silberhochzeit eines Paars, das Gaggenau vor seiner Hochzeit nicht einmal kannte. „Die haben auf der Suche nach dem richtigen Ort für ihre Hochzeit eine Karte aufgeklappt und blind mit dem Finger draufgezeigt.“ Der landete auf Gaggenau. Also wurde im Murgtal gefeiert. Und 25 Jahre später an den schönen Tag erinnert.

Sicher werde er das ein oder andere vermissen. Doch nicht alles. „Ich sage immer, die letzten zwei Jahre haben doppelt gezählt.“ Spannagel grinst. Viele der Corona-Verordnungen sind erst am Wochenende gekommen, galten aber ab Montag. Nach Feierabend das Diensthandy auszuschalten war lange keine Option. „Ich freue mich, jetzt auch mal ein ganzes Wochenende für mich zu haben.“ Pläne für Ausflüge und Reisen mit seiner Frau gebe es genug. Und dafür werde er sicher auch noch mal einen Blick auf die aktuellen Corona-Verordnungen und Zahlen werfen.

Sein Amt wird künftig zweigeteilt

Organisatorisch wird Spannagels umfangreicher Aufgabenbereich künftig zweigeteilt:

Amt für Recht und Ordnung (Saskia Kindermann-Röhm) mit Justitiariat (neu), Ordnungswesen, Ausländer- und Sozialwesen. Dazu eine neue Abteilung Brand- und Zivilschutz mit hauptamtlichem Feuerwehrkommandanten.

Amt für Bürgerservice mit Tanja Riedinger(Bürgerbüro mit Stadtinfo sowie Standesamt mit Friedhofswesen und Nachlass-Erhebung). (tom)

Ära endet auch bei der Feuerwehr

Dieter Spannagel ist nicht nur Leiter des Amtes für Bürgerservice und Ordnung, sondern auch Stadtbrandmeister und Feuerwehrkommandant. Diese Position übernahm er 1997 von seinem Vater – und wird sie ebenfalls noch in diesem Jahr aufgeben.

Anders als bisher wird es keine Personalunion mehr von Ordnungsamtsleitung und Kommandantenstelle geben. Die Bewerbungsfrist für einen hauptamtlichen Kommandanten oder eine hauptamtliche Kommandantin endete kürzlich.

Wann genau die Stelle besetzt wird, ist noch offen. Spannagel selbst würde gerne noch die Jubiläumsfeier mit der französischen Partnerstadt Annemasse als Kommandant begleiten. „Und bei der Gelegenheit meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin vorstellen“.

Artikel über die künftige Organisationsstruktur im Gaggenauer Rathaus.

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Swantje Huse

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Erstellt:
26. Februar 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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