Gaggenau: Eltern wollen Lüftungsgeräte

Gaggenau (vgk/tom) – Realschuleltern machen sich für mobile Lüftungsgeräte stark. Gemeinderat und Stadtverwaltung seien nicht an der Gesundheit der Schul- und Kindergartenkinder interessiert.

Am Ende der öffentlichen Sitzung des Gemeinderats in der Jahnhalle machen Eltern auf sich und ihre Sorgen aufmerksam. Foto: Thomas Senger

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Am Ende der öffentlichen Sitzung des Gemeinderats in der Jahnhalle machen Eltern auf sich und ihre Sorgen aufmerksam. Foto: Thomas Senger

Eine ganze Reihe von Fragen und Bedenken trugen Realschuleltern am Ende der jüngsten Gemeinderatssitzung vor. Auslöser war die kürzliche Entscheidung des Gemeinderats, keine mobilen Luftreinigungssysteme für Klassen- und Kindergartenräume anschaffen zu wollen.

Begründet worden war dies unter anderem mit der Ineffektivität der Geräte. Eine wesentliche Rolle bei der Entscheidungsfindung spielten für die Verwaltung und den Gemeinderat zudem die Ergebnisse eines Stuttgarter Gutachters: Mobile Luftreiniger würden die Corona-Virenlast in Klassen- und Kindergartenräumen nur unzureichend reduzieren. Auch Folgekosten für das Wechseln von Filtern und deren Entsorgung wurden von der Verwaltung ins Feld geführt. Das Land stellt den Kommunen für die Anschaffung mobiler Lüftungsgeräte rund 60 Millionen Euro zur Verfügung.

Mit Nachdruck stellte hingegen Sabine Lorenz in der Bürgerfragestunde nicht nur die Unabhängigkeit des Gutachters infrage, sie verwies auch darauf, dass andere unabhängige Einrichtungen wie Fraunhofer-Institut oder Universität München das genaue Gegenteil behaupten würden: Dass leistungsstarke Luftreiniger innerhalb von 20 Minuten die Virenlast in Räumen um 99 Prozent senken könnten.

Lüften allein sei ungenügend

Das allseits propagierte Lüften von Klassenzimmern ist für die Mutter keine sinnvolle Option: Denn um eine ordentliche Durchlüftung zu erreichen, müssten Innen- und Außentemperatur um mehrere Grad voneinander abweichen. Ebenso sei es Kindergarten- und Grundschulkindern nicht zuzumuten, wegen andauernden Lüftens im Kalten zu sitzen. Schließlich sei auch dies ein gesundheitliches Risiko.

Ein Gerät, das die Vorgaben der Förderung erfülle, sei schon für rund 2.000 Euro zu haben; der Stromverbrauch sei gering. Der Geräuschpegel liege bei lediglich 52 Dezibel und nicht wie behauptet bei 58 Dezibel. Die verbrauchten Luftfilter seien zudem kein Sondermüll. Abschließend forderte Lorenz die Gemeinderäte auf, sich intensiv mit der Materie auseinanderzusetzen und Fördermittel zu beantragen, bevor diese aufgebraucht seien. Man stehe vor der vierten Corona-Welle und sehe, dass Bildung und Gesundheitsschutz in Gaggenau „mit Füßen getreten“ würden. Auch Elternbeiratsvorsitzender Kai Ditzel hält für eine Übergangszeit Raumluftfilteranlagen für sinnvoll – zumindest für Klassenräume der unter Zwölfjährigen. Weitere besorgte Eltern trugen ebenfalls ihre Sorgen vor. Hochgehaltene Schilder untermauerten den Elternprotest.

Von rund 400 Klassenräumen, die in der Gesamtstadt mit diesen mobilen Luftreinigungsgeräten ausgestattet werden müssen, sprach Oberbürgermeister Christof Florus. Dies sei von der Stadt nicht zu leisten. Zudem halte man am Lüften fest, „das ist der bessere Weg“. Darüber hinaus sei die Lautstärke der Filtergeräte (58 Dezibel) in den Klassenräumen von Lehrern als unerträglich bezeichnet worden.

Gegen „falsche Sicherheit“

Auf BT-Anfrage ging die Stadtverwaltung am Dienstag auf die Bedenken der Realschuleltern ein. Im Folgenden der Wortlaut der Antwort aus dem Rathaus:

„Die Stadt hält die Einrichtung von stationären Raumluftanlagen für die sinnvollste Lösung. Im Winter kann ein permanenter Luftaustausch ohne großen Energieverlust erfolgen und an heißen Sommertagen kann die Anlage auch zur Temperierung eingesetzt werden. Entsprechende Förderanträge wurden bereits gestellt. Das Hochbauamt erstellt mit dem Fachbüro einen zeitnahen Umsetzungsplan, sodass geplant ist, bis Ende nächsten Jahres innerhalb des Förderzeitrahmens die erforderlichen Maßnahmen sukzessive umzusetzen. Die Ausstattung der Realschule mit festen Lüftungsanlagen erfolgt im Zuge der bereits vorgesehenen Sanierung und Umbaus des Gebäudes ab Ende 2022.

Die Stadt hat auch den Einsatz mobiler Luftreinigungsgeräte geprüft und folgt hier den Empfehlungen des Städte- und Gemeindetags sowie des Landes, diese nur in schlecht zu lüftenden Räumen einzusetzen. Nur für diese gibt es primär eine Förderung nach dem neuen Landesprogramm, sodass die Stadt hier kaum Fördermittel erhalten wird. Zudem können mobile Luftreinigungsgeräte das regelmäßige Lüften nicht ersetzen. Eine Gefahr besteht darin, dass man sich hierbei in falscher Sicherheit wiegt und das Lüften nachlassend unterlässt. Mobile Luftfilter werden im Umluftbetrieb betrieben und haben somit keinen Einfluss auf den CO2-Gehalt. Die RLT-Anlagen (Raumlufttechnische Anlagen) garantieren, dass die Luftqualität gut ist und der CO2-Gehalt auf niedrigem Niveau bleibt. Als Sofortmaßnahme werden daher alle Schulen und Kindergärten mit CO2-Meldern ausgestattet, um das regelmäßige Lüften zu unterstützen.“

Ihr Autor

Veronika Gareus-Kugel und Thomas Senger

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Erstellt:
27. Juli 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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