Gaggenau: Meisen-Küken im Mülleimer

Gaggenau (ama) – Im Kurpark von Bad Rotenfels wachsen mehrere Kohlmeisen-Küken im Zigarettenbehälter eines Mülleimers heran. Die Stadt hat den Bereich abgesperrt.

Hilflose Jungtiere: Die Meisen-Küken im Gaggenauer Kurpark sind auf Futter und Schutz ihrer Eltern angewiesen. Nach Einschätzung des Gernsbacher Vogelexperten Stefan Eisenbarth schlüpften die Jungen vor rund einer Woche. Foto: Adrian Mahler

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Hilflose Jungtiere: Die Meisen-Küken im Gaggenauer Kurpark sind auf Futter und Schutz ihrer Eltern angewiesen. Nach Einschätzung des Gernsbacher Vogelexperten Stefan Eisenbarth schlüpften die Jungen vor rund einer Woche. Foto: Adrian Mahler

Zuvor hatte ein Unbekannter die Tiere in Lebensgefahr gebracht. Einen Nistplatz der etwas anderen Art haben sich Vögel im Gaggenauer Kurpark ausgesucht. Dort liegen in einem Mülleimer mehrere winzige Küken. Besser gesagt: in dem angebauten Kasten, der für Zigarettenabfälle vorgesehen ist.

Eine Passantin hat das Nest am Donnerstag entdeckt, nachdem sie das Piepen der Vögelchen gehört hatte. Danach weist sie in einer Gaggenauer Facebook-Gruppe darauf hin, Rücksicht auf die Tiere zu nehmen und keine Zigaretten darin zu entsorgen. Ihr Beitrag löst eine große Anteilnahme aus: Ein Nutzer bastelt ein Schild mit der Aufschrift „Achtung! Nistende Vögel. Bitte nichts einwerfen“. Er klebt es an den Mülleimer und veröffentlicht davon ein Bild auf der sozialen Plattform.

Als ein Reporter dieser Redaktion wenige Stunden später vor Ort ist, findet er aber Chaos vor. Jemand hat das Plastikschild abgerissen und in den Zigarettenkasten gestopft – direkt über das Nest. Als der Fremdkörper entfernt ist, folgt die Erleichterung: Die Jungtiere leben. Doch aus Sicht von Judith Feuerer, Pressesprecherin der Stadt Gaggenau, hätte es auch anders ausgehen können. Denn die Küken seien darauf angewiesen, dass die Elterntiere das Nest erreichen und ihren Nachwuchs füttern können.

Schockiert über die Rücksichtslosigkeit

Auch der Vogelexperte Stefan Eisenbarth aus Gernsbach zeigt sich schockiert über die Rücksichtslosigkeit, den Zugang zum Nest mit einem Schild zu blockieren. Inzwischen hat die Stadt auf den Vorfall reagiert. Aber nicht damit, das Nest an einen anderen Ort zu bringen. Das ist laut Bundesnaturschutzgesetz verboten, weil die Elterntiere ihre Küken dann mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr finden. Stattdessen hat der Bauhof den Bereich um den Mülleimer am Freitag mit einem Zaun abgesperrt. „Das ist nicht das erste Mal“, berichtet Feuerer. Schon 2021 hätten Vögel im Kurpark gebrütet – ebenfalls in einem Mülleimer. Damals habe die Stadt auch ein Hinweisschild aufgestellt. Mit schlimmen Folgen.

„Das Schild hat die Leute erst recht angelockt“, berichtet Feuerer. „Die Elterntiere wurden dadurch ständig gestört und irgendwann verscheucht.“ In der Folge starben alle Küken. Vor diesem Hintergrund sagt Feuerer: „Wir haben in diesem Jahr bewusst auf Hinweisschilder verzichtet.“

Sie appelliert an die Bevölkerung: „Die Vögel dürfen jetzt nicht dauernd aus der Ruhe gebracht werden. Man sollte sich einfach von dem Nest fernhalten.“ Dass sich dieses in einem vom Menschen gebauten Behälter befindet, sei gar nicht so ungewöhnlich, erklärt Eisenbarth. Er und die Stadtverwaltung gehen davon aus, dass es sich im Kurpark um nistende Kohlmeisen handelt. Und die zählen zu den sogenannten Höhlenbrütern.

„Sie fühlen sich in abgedunkelten Bereichen wohl – auch in Metallkästen im Park“, weiß Eisenbarth. „Manche Meisen wählen sogar Zeitungsrohre als Brutplatz aus.“ Für den Nestbau verwendeten sie meist Moose und teilweise auch Schaf- oder Hundehaare. In ein Nest legen die Eltern laut Eisenbarth bis zu zehn Eier.

Wenn die Küken geschlüpft sind, schmiegten sie sich eng aneinander. „So halten sie sich warm, während die Elterntiere Insekten und Maden zum Füttern holen.“ Dass die Küken dicht nebeneinander liegen, erschwere es aber, die Anzahl der Meisen im Kurpark zu bestimmen. Doch Eisenbarth schätzt, dass es sich um vier oder fünf Jungtiere im Alter von etwa einer Woche handelt. „In knapp zwei Wochen könnten sie flügge sein und erstmals das Nest verlassen“, sagt er: „Wenn bis dahin alles gut geht.“

Ihr Autor

Adrian Mahler

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Erstellt:
2. Mai 2022, 11:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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