Gaggenauer Altenhilfe zieht Bilanz

Gaggenau (tom) – Der Verein Gaggenauer Altenhilfe hat sich von der großen Politik oft verlassen gefühlt. Oberbürgermeister Christof Florus fordert eine Reform der Pflegebranche.

Pflegerinnen der Gaggenauer Altenhilfe machen auf ihrem Weg zur Mitgliederversammlung auf die Situation ihrer Branche aufmerksam. Von links Zorica Dalipovic, Jessica Glatt, Agnes Andres, Joanna Grazawski, Wioletta Baj, Agathe Lahm. Foto: Marco Glatt

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Pflegerinnen der Gaggenauer Altenhilfe machen auf ihrem Weg zur Mitgliederversammlung auf die Situation ihrer Branche aufmerksam. Von links Zorica Dalipovic, Jessica Glatt, Agnes Andres, Joanna Grazawski, Wioletta Baj, Agathe Lahm. Foto: Marco Glatt

Die Pflegebranche und damit auch die Gaggenauer Altenhilfe hat schwierige Jahre hinter sich – und große Herausforderungen vor sich. Dies betonte Vereinsvorsitzender Christof Florus bei der Mitgliederversammlung in der Jahnhalle.

Der Oberbürgermeister blickte auf die vergangenen zwei Jahre: „Die Zeit war geprägt, die uns anvertrauten Menschen vor dem Virus zu schützen und die pflegerische Versorgung und die Betreuung aufrecht zu erhalten.“ Dabei war man noch im Herbst 2019 mit dem Quartiersfest „Links der Murg“ gestartet und hatte die ersten Termine zur weiteren Öffnung des Helmut-Dahringer-Quartiershauses Anfang 2020 ausgerichtet, als am 13. März 2020 die Altenhilfe alle ihre Häuser schließen musste. „Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, aber wir sind überzeugt, nur durch unser konsequentes Handeln die erste Welle der Pandemie gut überstanden zu haben.“

„Klatschen von Balkonen“ reicht nicht

Nach dem Sommer der leichten Entspannung kamen die zweite und dritte Welle der Pandemie, die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen massiven Ausbruch im Oskar-Scherrer-Haus mit sich brachten. An die 50 Bewohner und rund 25 Mitarbeiter waren betroffen. Dabei sind zehn Bewohner an oder mit dem Corona-Virus verstorben.

Mit den Impfungen im Frühjahr und den aktuellen Auffrischungsimpfungen, die einen immensen organisatorischen Aufwand darstellten und neben der normalen Arbeit herlaufen mussten, habe man nun eine sehr hohe Impfquote unter Bewohnern und Mitarbeitenden erreicht.

Für Vorstand und Geschäftsleitung sei klar gewesen, „es nicht beim „Klatschen von Balkonen“ zu belassen, sondern den Mitarbeitern aller Bereiche 2020 eine volle Corona-Prämie auszuzahlen.

Florus fordert grundlegende Reform

Florus wörtlich: „Wir haben uns in den vergangenen eineinhalb Jahren oft von der großen Politik verlassen gefühlt und haben viele Dinge selbst in die Hand genommen. Schon vor der Pandemie war die Situation in der Pflege nicht einfach und wir haben als Verein Gaggenauer Altenhilfe auf den großen Reformbedarf hingewiesen.“

Das Thema Pflege habe im Wahlkampf und in den folgenden Sondierungsgesprächen keine Rolle gespielt, obwohl es aufgrund der demographischen Lage neben Klimawandel und Transformation der Wirtschaft das dritte große Zukunftsthema sei. „Was ist uns eine gute und menschenwürdige Pflege wert und auch: Was sind uns die Menschen wert, die diese Aufgabe für uns übernehmen?“ – Diesen Fragen müsse sich die Gesellschaft stellen. Dies werde viel Geld kosten „und wir erwarten von der großen Politik, dies auch offen anzusprechen“, sagte Florus. Er bekräftigte die Forderung nach einer grundlegenden Pflegereform, „die die finanzielle und personelle Ausstattung der Pflegeeinrichtungen deutlich verbessert und die Eigenanteile der Pflegebedürftigen deckelt.“

Im Folgenden ein Überblick über den Verein Gaggenauer Altenhilfe.

Helmut-Dahringer-Haus: Die Belegung wurde bis zum Stichtag 1. September 2019 von nur noch 65 auf die Zielgröße von 55 Plätzen zurückgeführt: in vier Wohnbereichen, ausschließlich mit Einzelzimmern – gemäß der Vorgaben der Landes-Heimbauverordnung. Im Durchschnitt waren 2019 rund 57 Plätze belegt. 2020 betrug die durchschnittliche Belegung pandemiebedingt 53,5 Plätze (97,25 Prozent).

Oskar-Scherrer-Haus: Im Pflegebereich waren 2019 durchschnittlich 89 Plätze belegt; pandemiebedingt waren es 2020 nur 87 Plätze, was einem Nutzungsgrad von 94,35 Prozent entspricht. Hier spiegele sich nicht nur der Corona-Ausbruch gegen Ende 2020 wider, sondern auch die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Nachbelegung von Doppelzimmerplätzen, von denen 18 in diesem Bereich vorgehalten werden. Der Demenzbereich war 2019 mit durchschnittlich 13,7 Plätzen belegt. 2020 waren es 14,6 (97,19 Prozent).

Gerhard-Eibler-Haus: Die 60 Plätze waren 2019 und 2020 zu 99 Prozent ausgelastet.

Tagespflege im Helmut-Dahringer-Haus: Im ersten und zweiten Lockdown war sie komplett geschlossen. Über den Sommer 2020 und bis heute hat die Tagespflege wegen Hygiene- und Abstandsregeln nur ein reduziertes Angebot. Die Nachfrage sei aber sehr groß.

Menü-Service: „Er erfreute sich besonders in der ersten Welle der Pandemie einer großen Nachfrage“, bilanziert OB Florus, „für viele alleinlebende ältere Menschen war es die einzige Möglichkeit, sicher an eine warme Mahlzeit zu kommen.“ Das Angebot sei gut ausgelastet. Wegen Personalkosten – bei den überwiegend geringfügigen Beschäftigten wirkte sich der gestiegene Mindestlohn aus –, und gestiegener Material- und Transportkosten habe man die Preise in den vergangenen Jahren deutlich erhöhen müssen. 2020 wurden an rund 100 Kunden etwa 40.000 Menüs ausgeliefert.

Ambulanter Dienst: Die hohe Nachfrage könne nicht gedeckt werden. Florus: „Es fehlt schlicht an qualifiziertem Pflegepersonal. Der Markt ist leergefegt.“ Wirtschaftlich sei der Dienst stabil.

Pflegesätze in den Heimen: Sie wurden turnusgemäß zum Januar 2021 in allen Einrichtungen um rund 3,9 Prozent erhöht. „Diese Erhöhung war aufgrund der gestiegenen Personal- und Sachkosten notwendig“, so Florus. Die Eigenanteile der Bewohner sind um bis zu 7,4 Prozent gestiegen.

Mitgliederzahl: Sie ging auch im zurückliegenden Jahr leicht zurück und liegt derzeit bei 1.470 Mitgliedern.

Ihr Autor

BT-Redakteur Thomas Senger

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Erstellt:
20. Oktober 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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