Gaggenauerin: „Ich war wie hypnotisiert“

Gaggenau (stj) – Vor dem Landgericht Baden-Baden wurde am Dienstag ein Fall wegen Betrugs durch falsche Polizisten verhandelt: Geschädigte war eine 71-Jährige aus Gaggenau.

Mit der Betrugsmasche „falsche Polizisten“ befasst sich das Landgericht Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

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Mit der Betrugsmasche „falsche Polizisten“ befasst sich das Landgericht Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa

Wie es professionelle Betrüger mit ihren Maschen immer wieder schaffen, insbesondere ältere Bürger um ihre Ersparnisse zu bringen, zeigt das Beispiel einer inzwischen 71-Jährigen aus Gaggenau. Sie war im Mai vergangenen Jahres um 9.000 Euro Bargeld und drei insgesamt 1,3 Kilogramm schwere Goldbarren gebracht worden. Die Täter: Sogenannte „falsche Polizisten“. Am Dienstag wurde einer der Bande vom Landgericht Baden-Baden verurteilt.

Bei ihm handelt es sich aber nur um einen kleinen Fisch, einen drogenabhängigen 25-Jährigen, der für die aus einem Callcenter in der Türkei agierende Betrügerbande als „Läufer“ fungierte. Um seine Sucht zu finanzieren, ließ sich der Stuttgarter auf die Sache ein. „Mir wurde nur gesagt, dass ich was abholen und wohin bringen soll“, erklärte der junge Mann, der die Drahtzieher nie kennengelernt habe. Die Kommunikation sei über eine App gelaufen, die Nachrichten verschlüsselt. Am 14. Mai 2020 sei er darüber zusammen mit einem Komplizen nach Gaggenau beordert worden, wo er an der Tür einer Rentnerin eine Tüte abholte, in der sich das Geld und das Gold befanden. Die Beute verteilten die Beiden umgehend an weitere Beteiligte. Zunächst fuhren sie nach München, ehe sie auf der A99 in Richtung Stuttgart geschnappt werden konnten. Vorausgegangen waren Ermittlungen der Kriminalpolizei, die den beiden „Läufern“ über die Auswertung von Telefonverbindungsdaten auf die Schliche gekommen waren. Die Hintermänner, die sogenannten „Keiler“, die am Telefon sitzen, bleiben allerdings bis heute im Dunkeln.

Maulwürfe, ein mobiles Labor und Schwarzgeld

„Ich war wie Wachs in den Händen dieser Leute.“ Die Geschädigte aus Gaggenau schilderte vor dem Landgericht eindrucksvoll, wie clever die Betrüger vorgehen. An jenem Abend klingelte ihr Festnetztelefon um 21.38 Uhr, die angezeigte Nummer hatte eine Stuttgarter Vorwahl und endete mit 110. Es meldete sich ein vermeintlicher Beamter des Landeskriminalamts und berichtete von einer Diebesbande aus Rumänien, die geschnappt worden sei. Bei ihnen habe man eine Liste gefunden mit potenziellen weiteren Einbruchsopfern, auf der auch der Name der Gaggenauerin stehe. Sogleich verband der falsche LKA-Mann die Dame mit einer angeblich höhergestellten Kollegin; im Hintergrund ertönten Funkgeräusche und Anweisungen, die auf Polizeiarbeit hindeuteten.

Es entwickelte sich ein über dreistündiges Gespräch mit drei verschiedenen Personen (neben den zwei falschen Beamten war eine angebliche Psychologin am Apparat), in dessen Verlauf es um vermeintliches Schwarzgeld, Maulwürfe in einer Gaggenauer Bank, verdeckte Ermittler in der Nachbarschaft, ein mobiles Labor, um Falschgeldüberprüfungen durchführen zu können, und weitere teils hanebüchene Inhalte ging.

Das räumte die Seniorin vor Gericht ein. Sie schäme sich dafür, auf die Masche reingefallen zu sein, zumal sie schon mehrfach darüber in der Zeitung gelesen habe. „Ich war wie hypnotisiert“, sagte die nach wie vor unter den Geschehnissen psychisch leidende Frau: „Die Angst hat mich vollkommen gelähmt.“ So lange, bis sie schließlich tat, was die Betrüger wollten. Danach herrschte eine Weile Stille am Telefon, ehe sie dann doch gegen 1.30 Uhr die örtliche Polizei verständigte.

Hintermänner bleiben im Dunkeln

Der Angeklagte entschuldigte sich bei der Gaggenauerin. Sein Verteidiger ergänzte, dass Scham fehl am Platz sei, weil es sich bei den Betrügern um geschulte Leute handele, die perfekt organisiert seien und akzentfrei Deutsch sprechen. Leider seien es „immer nur die Läufer, die geschnappt werden“. Und die sind innerhalb der Tätergruppe selbst in einer eher untergeordneten Position.

Das sah auch Wolfgang Fischer so. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Baden-Baden verurteilte den 25-Jährigen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren, in die ein weiteres Urteil vom Amtsgericht Heidelberg einfloss. Auch dort war der junge Mann in drei Fällen als „Läufer“ verurteilt worden. Ins Gefängnis muss er aber vorerst nicht mehr, weil er nach einer Zeit in Untersuchungshaft mittlerweile in einer Entzugsanstalt in Rostock eine Therapie absolviert.

Der Fall seines Komplizen, der auch am Betrug der Gaggenauerin beteiligt war, wurde vom Verfahren abgetrennt und wird bald vor dem Landgericht Baden-Baden nachgeholt.


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