Gaggtival erneut abgesagt

Gaggenau (tom) – Die beliebte Openair-Veranstaltung in der Gaggenauer City steht vor dem endgültigen Aus.

Die Gitarren-Gans stürzt ab: Das Logo hatte Stephan Ullrich entworfen, ursprünglich war das „Wappentier“ des Festivals im steilen Aufwärtsflug dargestellt. Foto: Archiv

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Die Gitarren-Gans stürzt ab: Das Logo hatte Stephan Ullrich entworfen, ursprünglich war das „Wappentier“ des Festivals im steilen Aufwärtsflug dargestellt. Foto: Archiv

Schon bei seiner Premiere im Sommer 2014 hatte sich das Gaggtival zu einer Vorzeigeveranstaltung für die Innenstadt etabliert. Doch das in diesem Jahr für den 30. Juli geplante siebte Gaggtival wird nicht stattfinden. Zwei Jahre lang machte Corona das Freiluft-Festival unmöglich. Nun, 2022, sind es nicht zuletzt die ökonomischen Nachwirkungen der Pandemie, die zur dritten Absage in Folge führten. Das beliebte Openair steht damit wohl vor dem endgültigen Aus.

Hartmut Stich von den Handballern des TB Gaggenau ist einer der maßgeblichen Macher des Festivals. Er hat um dessen Fortführung gekämpft. Doch nun bleibe nur die Absage, stellt er im BT-Gespräch fest. Im Wesentlichen drei Gründe nennt er hierfür. Die ersten beiden sind „die tendenziell unsichere Lage bezüglich möglicher Beschränkungen durch die Pandemie und die aktuell weiter negativen wirtschaftlichen Folgen daraus für die Sponsoren aus Einzelhandel und Gastronomie“. Hinzu komme „eine rückläufige Bereitschaft für die ehrenamtliche Arbeit.“

Ohne Sponsoren war und ist das Festivalkonzept mit freiem Eintritt nicht zu stemmen, bilanziert Stich. Einen Euro-Betrag im unteren fünfstelligen Bereich brauchte man in der Summe zum Beispiel für Bühnentechnik und auch Künstler-Gagen. Ein wirtschaftlicher Erlös für den TBG war nur durch den ehrenamtlichen Einsatz von Helfern zu generieren.

„Im Ehrenamt hat sich die Corona-Pandemie viel stärker niedergeschlagen als im Aktivensport“, weiß Stich nicht zuletzt aus seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Gaggenauer Sportausschusses. Bis zu einem Fünftel der Ehrenämtler sei im Zuge von Corona verloren gegangen. „Wer drei Jahre nichts mehr gemacht hat und älter geworden ist, der kommt nicht mehr zurück. Das geht querbeet durch alle Vereine,“ weiß Stich auch aus seiner Arbeit im Sportausschuss. Die Organisation plant für dieses Jahr einen Tagesworkshop, wie man neue Mitstreiter gewinnen kann. Doch fürs Gaggtival wird diese Initiative zu spät kommen. „Gut finden es alle, aber den Aufwand treiben wollen halt zu wenige“, meint Stich lakonisch.

Mit ihm und seinen TBG-Mitstreitern Jürgen Brüchert und Ernst Kraft waren es drei Mittsechziger im Orga-Team. Nachfolger fanden sich bislang keine. Auch der künstlerische Leiter und Nestor des Festivals, Reiner Margulies, hat die „60“ schon hinter sich. Eigentlich wollte er mit Ende des zehnten Gaggtivals die künstlerische Leitung in jüngere Hände legen. Dazu wird es nun wahrscheinlich nicht mehr kommen.

„Ohne Sponsoren funktioniert es nicht“

Schon vor dem zweiten Gaggtival 2015 appellierten die Organisatoren: „Weitere ehrenamtliche Helfer sind willkommen!“ Schließlich gab es bei Auf- und Abbau und natürlich am Festivaltag selbst viel zu tun. Naturgemäß blickten Stich und seine Mitstreiter auf die rund 1.400 Mitglieder ihres eigenen Vereins, des TB Gaggenau. Doch es zeichnete sich ab: Die Zahl der Helfer würde sich auch im laufenden Jahr 2022 unterhalb der Grenze des absolut Notwendigen bewegen: Mit Auf- und Abbau sowie Bewirtung brauche man insgesamt rund 60 Leute.

Von Anbeginn dabei war Michaela Scheffold. Die Inhaberin des „Ratsstübel“ und Michael Böhmer („Café Brezels“) zählten neben den TBG-Handballern zu den tragenden Säulen des Orga-Teams. Doch auch die Gastronomie habe derzeit mehr als genug damit zu kämpfen, trotz Pandemie und Personalnot den Betrieb am Laufen zu halten, gibt Scheffold zu bedenken. „Ohne Sponsoren funktioniert das Festival nicht.“

Diese waren in den ersten Jahren durchaus vorhanden. „Das Event ist ein Beitrag zur weiteren Attraktivitätssteigerung unserer Innenstadt“, freute sich zum Beispiel City-Manager Philipp Springer vor dem zweiten Gaggtival im Sommer 2015. Eine finanzielle Unterstützung von der Stadt habe das Festival aber nicht bekommen, erklärt Hartmut Stich. Immerhin wurde die kostenfreie Nutzung der Fläche vor dem Rathaus gewährt.

Überrascht von der Absage zeigte sich im BT-Gespräch Melitta Strack: „Das ist sehr schade.“ Strack ist Mit-Vorsitzende der Werbegemeinschaft Gaggenau. Sie gibt zu bedenken, dass nach über zwei Jahren Corona die knappen Werbe-Etats vieler Betriebe keine zusätzlichen Ausgaben wie die Unterstützung eines Innenstadt-Festivals ermöglichten.

Auch bei Musikern nicht nur aus der Region ist das Festival beliebt: „Ich kann heute schon ein Programm fürs Gaggtival 2020 festzurren“, sagte Reiner Margulies im Sommer 2016 nach dem dritten Openair. Nun musste er den für 2020, 2021 und 2022 gebuchten Akteuren endgültig absagen. Aber die Idee eines kostenlosen Musikfestivals lässt den Sänger und Gitarristen nicht los. Es muss ja nicht unbedingt der Gaggenauer Rathausplatz sein und auch nicht in diesem großen Rahmen, sagt er sich.

Entstehung des Gaggtival

Reiner Margulies stand 2014 als Ideengeber hinter der Premiere eines neuen Musikfestivals am ersten Samstag der Sommerferien in der City. Die TBG-Handballer wollen dabei an die erfolgreiche Tradition ihrer Bewirtungen an Maimarkt und Herbstmesse anknüpfen. Hier hatten sie jahrelang bei Helmut Kratzmann gegenüber der Markuskirche ein beliebtes Domizil, wo zuletzt gastronomisches Angebot und musikalische Unterhaltung eine Symbiose bildeten.

Schon der erste BT-Artikel nach der Gaggtival-Premiere vom 2. August 2014 brachte auf den Punkt, was das Festival auch in den nächsten Jahren auszeichnen sollte: „(...) am Samstag wandelte sich der Marktplatz zum Open-Air-Festivalgelände. Gegen Abend wurden Decken vor der Bühne ausgebreitet. Kinder sprangen ausgelassen umher. Die aufgestellten Bierbänke waren voll besetzt. Bei den Bewirtungsständen bildeten sich lange Schlagen. Auch die Gastronomen um den Marktplatz hatten alle Hände voll zu tun. Und selbst ein kräftiger Schauer konnte die ausgelassene Stimmung nicht trüben.“

Welche Akteure wären aufgetreten am 30. Juli 2022?

Den Auftakt hätte gemacht die Musikschmiede Gaggenau von Argentina und Martin Schumacher. Gebucht waren weiterhin die Band, „Ü50“, die Gitarristin und Sängerin Tanja Steel, die Bands „The Blues Bunch“ und „Soulzentrale“ sowie „Willy and the poor Boys“ mit Klassikern der legendären amerikanischen Band Creedence Clearwater Revival (CCR).

Kommentar

Chancen nicht erkannt?

Sommer, Sonne, Gaggtival. Viel Musik und nette Leute im Herzen der City. Der perfekte Auftakt für die Sommerferien für Gaggenauer und Gäste von außerhalb. Wer einmal dabei war als Helfer oder Bühnenakteur, der hatte sich den ersten Samstag der Sommerferien schon Monate voraus erneut im Kalender notiert. Das darf man sicher auch für viele der Festivalbesucher attestieren.

Doch zu wenige aktive Unterstützer, zu wenige Helfer, zu wenig Geld: Daran droht ausgerechnet im Jubiläumsjahr, in dem Gaggenau 100 Jahre Stadtrechte mit durchaus bemerkenswertem Aufwand feiert, ein sympathisch-freundliches Openair zu scheitern. Ein Freiluft-Event, das sich darüber hinaus als super Image-Werbung für Gaggenau erwiesen hatte. Will man es wirklich sterben lassen?

Der Ruf nach „der Stadt“, also der Stadtverwaltung, erschallt sehr schnell in der Kernstadt von Gaggenau. Doch organisatorisch und finanziell ist das Gaggtival von Anfang an eine Herausforderung für die Festivalmacher gewesen.

Nicht zuletzt ist es in der Kernstadt, und dies hat mit der Bevölkerungsstruktur zu tun, generell schwieriger als in umliegenden Dörfern, ehrenamtliches Engagement zu wecken. Auch deshalb wäre eine stärkere, auch finanzielle, Unterstützung durchaus einer Überlegung wert.

Thomas Senger


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