Ganz ohne Bürokratie: Soforthilfe als „Kühlschrankfüller“

Stuttgart (sr) – Joe Bauer ist Journalist, Künstler und Veranstalter: Vor einem Jahr hat er eine Spendenaktion gegründet, die den coronabedingt Arbeitslosen der Veranstaltungsbranche hilft.

Alle Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen sind geschlossen: Für viele Mitarbeiter der Branche ist die persönliche finanzielle Lage prekär. Foto: Daniel Karmann/dpa

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Alle Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen sind geschlossen: Für viele Mitarbeiter der Branche ist die persönliche finanzielle Lage prekär. Foto: Daniel Karmann/dpa

Das Datum ist verblüffend: Schon am 20. März 2020, vier Tage nach Beginn des ersten Lockdowns, organisierte der Stuttgarter Journalist und Künstler Joe Bauer eine Notfallhilfe für Menschen in seiner Umgebung, die in der Veranstaltungsbranche plötzlich ohne Einnahmen dastanden: „Meine Aufführungstermine wurden gecancelt, und allen anderen ging es ja genauso. Also habe ich überlegt, eine Soforthilfe zu initiieren – bis die staatliche Unterstützung greift, so habe ich mir das zunächst gedacht.“ Seine Klientel sind von Anfang an alle Berufstätigen, die in der Kultur- und Veranstaltungsbranche ihre Brötchen verdienen. „Das schließt das Reinigungspersonal in einem Club genauso ein wie die Studierenden der Film- oder Musikhochschule oder der Akademie der Bildenden Künste, denen die Nebenjobs fehlen“, sagt Joe Bauer. Anfangs habe er seine spontane Hilfsidee „als Kühlschrankfüller“ gesehen.

Freunde arbeiten ehrenamtlich

Daraus ist mittlerweile eine landesweit beachtete Initiative entstanden, die jetzt nach gut einem Jahr mehr als eine Million Euro von rund 5.000 Spendern weitergeleitet hat an etwa 2.000 Menschen, deren Verdienstmöglichkeiten seit dem Auftrittsverbot in der Pandemie weggebrochen sind.

Joe Bauer und sein Freund Peter Jakobeit machen das quasi im Alleingang, es gibt keine Verwaltung, keine Bürokratie, „wir sind ja im Prinzip Rentner und haben Zeit dafür. Das geht natürlich alles ehrenamtlich, es ist auch gar nicht so furchtbar viel Arbeit,“ sagt der gelassene Organisator.

Täglich checkt er die Mails, mit denen sich Menschen aus der Veranstaltungsbranche an seine Initiative wenden, um Hilfe zu bekommen. Üblicherweise gibt es sofort einen Betrag in Höhe von 500 Euro, Studierende fangen bei 300 Euro an. Wiederholungsanträge sind möglich. „Wenn wir sehen, dass die 500 Euro nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind, geben wir auch mehr: Das läuft bei uns ganz unbürokratisch, eher aus dem Bauch heraus.“

Veranstalter großer Benefizgalas

Die Künstlersoforthilfe hat eine flotte Website im Internet und durch Joe Bauers Bekanntheitsgrad und seine jahrzehntelange Vernetzung innerhalb der Kulturszene auch jede Menge publizistische Unterstützung, bis hin zu Radiointerviews und SWR-Fernsehsendungen. Joe Bauer ist nicht nur in Stuttgart eine bekannte Persönlichkeit, aber mit dieser Stadt ist er untrennbar verbunden.

Mehr als 40 Jahre war er Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, daneben aber auch Veranstalter wichtiger Events. Seine Benefizgalas im Theaterhaus etablierten sich durch eine weite künstlerische Bandbreite, denn hier wirkten von Stars der Stuttgarter Staatsoper über Rock- und Jazzgrößen bis zum syrischen Chor alle mit. Jetzt, im künstlerischen Unruhestand, wäre der Kolumnist eigentlich mit „Joe Bauers Flaneursalon“ auf großen Bühnen unterwegs. In seinem Salon bietet er professionellen Musikern, Literaten und Kabarettisten eine Bühne und dem Publikum eine Mixedshow, die auch für sein eigenes Selbstverständnis steht: „Kultur ist eine Lebensweise“ sagt er, „diese Lebensweise muss man verteidigen“.

Das Geld für seine Aktion kommt aus den verschiedensten Bereichen, von einzelnen Kulturfans über Stiftungen bis zu Firmen. „Da überweist einer auch mal 50.000 Euro“, berichtet Bauer im BT-Gespräch, „und das ganz ohne Kommentar, einfach so.“ Von Anfang an habe er gewusst, dass man „einen kleinen, begüterten Kreis“ ansprechen müsse, um für diese schnelle und unbürokratische Hilfe gerüstet zu sein. Anfangs ging er von wenigen Wochen aus, in denen diese Hilfe nötig sein würde. Dann wurde es Sommer und die Auftrittsmöglichkeiten blieben weiterhin aus. „Schließlich haben wir Weihnachten anvisiert, da kamen besonders viele Spenden, und jetzt schauen wir mal, was dieser Sommer bringt“, sagt Joe Bauer zu seinen Zukunftsplänen.

Ein exaktes Konzept hat er nicht – „davon halte ich gar nichts“. Solche Krisen müsse man aus der Situation heraus bekämpfen, diese Erfahrung hat er gemacht und er will weitermachen, so lange er gebraucht wird. „Das ist eine Arbeit in Etappen.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
27. April 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

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