Ganztagsbetreuung: 25,3 Prozent der Vorschulkinder

Baden-Baden/Rastatt (naf) – Baden-Württemberg weist bundesweit die schwächste Ganztagsbetreuungsquote von Kindern auf.

Unklar bleibt, wie viele Kinder, die ihn benötigt hätten, landesweit keinen Ganztagsplatz erhalten. Foto: Friso Gentsch/dpa

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Unklar bleibt, wie viele Kinder, die ihn benötigt hätten, landesweit keinen Ganztagsplatz erhalten. Foto: Friso Gentsch/dpa

Immer mehr Menschen wollen oder müssen auch mit Kind ganztags arbeiten. Besonders in Baden-Württemberg scheint das allerdings oftmals schwierig. Denn möglich ist die 40-Stunden-Woche nur, wenn die Kleinsten in den Jahren vor ihrem Schulbesuch auch den ganzen Tag lang betreut werden können. Die hiesige Ganztagsbetreuungsquote liegt allerdings deutlich unter der, der anderen Bundesländer.
In Baden-Württemberg werden also viel weniger Kinder ganztags betreut als im Rest von Deutschland. Genauer gesagt liegt die Quote bei den bis zu zwei Jahre alten Kindern 2020 bei 11,2 Prozent, wie das Statistische Landesamt jüngst meldete. Von den Drei- bis Fünfjährigen hat 25,3 Prozent einen Ganztagsplatz. Zum Vergleich: Thüringen hat mit 92,2 Prozent die höchste Quote, der bundesweite Durchschnitt betrug 47,9 Prozent. Warum können Eltern in Baden-Württemberg prozentual nur auf knapp halb so viele ganztägige Betreuungsplätze zurückgreifen?

Höhe der Nachfrage wird nicht erhoben


Das Kultusministerium führt die Quote unter anderem darauf zurück, dass einige Eltern ihr Kind in jungen Jahren lieber noch zu Hause behalten würden. „Nach wie vor gibt es Bedenken, Kinder unter drei Jahren in eine Krippe zu geben. So wird eine frühzeitige Inanspruchnahme einer Krippe als Unterbrechung der Mutter-Kind-Bindungssituation angesehen und die Betreuung zu Hause bevorzugt“, heißt es auf BT-Anfrage von Fabian Schmidt, Sprecher des Ministeriums. Dennoch scheint es die Nachfrage nach der ganztägigen Betreuung zumindest in anderen Bundesländern sehr wohl zu geben. Denn wie die höheren Quoten zeigen: Die Plätze werden genutzt.
Quelle: Statistisches Landesamt/pavkis_stock.adobe.com/Infografik: jv

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Wie viele Eltern aus dem Südwesten ihr Kind gerne in die Ganztagsbetreuung geben würden und einfach keinen Platz erhalten, „dazu gibt es keine Erhebung“, sagt Schmidt. Die Bedarfsplanung, auf deren Grundlage Kita-Plätze zu schaffen sind, obliege den einzelnen Kommunen.

Die Schaffung der erforderlichen Platzzahlen sei zudem auch mit Herausforderungen verbunden, zum Beispiel dass nicht nur die Zahlen der betreuten Kinder ansteigen, sondern dass auch die Betreuungsumfänge – also der zeitliche Umfang – „stetig gewachsen sind“, ergänzt Schmidt. Auch das trifft allerdings genau so auf die anderen 15 Bundesländer zu, von denen einige ihre Betreuungsquote in den vergangenen Jahren erheblich steigerten. So hat Niedersachsen 2010 noch gerade mal 14,5 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen ganztägig betreut, während die Quote 2020 bereits bei 37,6 Prozent lag. Baden-Württemberg schaffte den Sprung im gleichen Zeitraum nur von 13,1 auf 25,3 Prozent.

Für weitere Plätze unterstütze der Bund Bauvorhaben mit Investitionsprogrammen, sagt Schmidt. „Die Mittel werden in Baden-Württemberg sehr gut abgerufen.“

Auszubildende weiter fördern


Das Land habe zudem verschiedene Maßnahmen zur Personalgewinnung über den Pakt für „Gute Bildung und Betreuung“ sowie das „Gute-KiTa-Gesetz“ geschaffen. So erhalten die Träger Geldmittel des Landes, wenn sie zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen. Denn auch der Personalmangel spielt eine bedeutende Rolle, wenn es um die Schaffung von Betreuungsplätzen geht.

„Wir sind deutschlandweit Vorreiter bei der bezahlten praxisintegrierten Erzieherinnenausbildung“, berichtet Schmidt. „Und im Übrigen bietet Baden-Württemberg im Bundesvergleich eine sehr gute Qualität beim Personalschlüssel – eine Fachkraft betreut drei Krippenkinder.“ Das Land habe in den vergangenen 13 Jahren außerdem die Zahl der Schüler, die eine Erzieherausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik beginnen, fast verdoppelt – von 2.855 auf 5.425. „Ein weiterer Ausbau ist aber wünschenswert und auch das angestrebte Ziel der Landesregierung“, heißt es aus dem Ministerium weiter. All diese Maßnahmen, betont Schmidt, werden trotz Pandemie nicht eingeschränkt.

Ob jedoch der Plan „Jedes Kind ein Kita-Platz“ in der Praxis auch umsetzbar ist, das hat Verwaltungsprofessor Jörg Röber bereits im Frühjahr in einem BT-Interview infrage gestellt. Durch die Corona-Krise werde es vielleicht noch ein wenig länger dauern, bis man diese Ziele wirklich erreicht hat. „Ganz einfach, weil durch diese krisenhafte Situation Gelder knapper werden und daher unklar ist, ob die Personalzuwächse, die man sich mal vorgenommen hat, noch umzusetzen sind nach der Krise“, sagte Röder.

Zum Thema: Kindertagespflege in Mittelbaden

Die Betreuung von Vorschulkindern außerhalb der Familie erfolgt üblicherweise in Kindertagesstätten. Gibt es dort nicht genügend Plätze oder decken die Kita-Öffnungszeiten nicht alle Stunden ab, in denen ein Kind betreut werden muss, ist die Tagespflege eine Lösung. In Baden-Württemberg werden laut Statistischem Bundesamt 21,6 Prozent der Kinder in Kindertagespflege ganztags betreut. Der Stadtkreis Baden-Baden liegt mit 38,1 Prozent weit über diesem Durchschnitt, während im Landkreis Rastatt gerade mal 11,8 Prozent der Kinder in Tagespflege ganztags betreut werden.

„Der Bedarf liegt im Landkreis Rastatt aus unserer Sicht unter dem Landesschnitt, da die Nachfrage durch die Angebote in Kindertageseinrichtungen zumeist bedient wird“, erklärt Renate Fütterer, stellvertretende Jugendamtsleitung in Rastatt. Bisher könne der Bedarf gedeckt werden. „Allerdings gelingt es nicht immer, direkt am Wohnort eine Tagespflegeperson zu vermitteln, sodass Fahrtwege bis zu 30 Minuten (ÖPNV) in Kauf genommen werden müssen.“ Im Vergleich zu den Vorjahren verzeichne sie zudem einen Anstieg der Anträge auf Kindertagespflege.

Steffen Miller, stellvertretender Fachbereichsleiter Bildung und Soziales in Baden-Baden weist darauf hin, dass die Ganztagsquote speziell in allen Stadtkreisen des Landes recht hoch ist, Baden-Baden reiht sich da ein. In einer Stadt hätten mehr Menschen eine Vollzeitstelle, als im ländlichen Raum und bräuchten dementsprechend auch mehr Betreuungsplätze. Wie auch in anderen Städten sei Platzmangel dabei ein dauerhaftes Thema. Und das Personal „fällt uns nicht vom Himmel“, sagt Miller. Dadurch, dass man selbst ausbilde, und auch in diesem Jahr wieder einige Interessenten habe, könne man das jedoch recht gut abfangen.


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