„Gastarbeiter“-Geschichten im H10 Gernsbach

Gernsbach (BT) – Nachdem es im Treffpunkt Vielfalt lange ruhig war, konnte nun wieder eine kulturelle Veranstaltung realisiert werden. Anlass war eine interkulturelle Lesung samt Spendenübergabe.

Geschichten vom Ankommen: (von links) Gülen Ergün-Karagkiozidou, Basem Serghani, Lisa Knupfer, Marco Jelic und Deger Dereli. Foto: Jürgen Heursen (Stadt Gernsbach)

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Geschichten vom Ankommen: (von links) Gülen Ergün-Karagkiozidou, Basem Serghani, Lisa Knupfer, Marco Jelic und Deger Dereli. Foto: Jürgen Heursen (Stadt Gernsbach)

Die Veranstaltung wurde von der Integrationsbeauftragten der Stadt, Lisa Knupfer, gemeinsam mit den Autoren Gülen Ergün-Karagkiozidou, Deger Dereli und Marco Jelic auf den Weg gebracht. Die Autoren haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind im Murgtal aufgewachsen als Kinder von sogenannten türkischen und italienischen „Gastarbeitern“.

Im Rahmen des jährlich erscheinenden Heimatbuchs des Landkreises Rastatt schrieben die drei jeweils über ihre Familiengeschichte, über Migration, neue Heimat und vielfältige Identitäten. „Uns war allen schnell klar, dass wir das Honorar für die Essays im Heimatbuch gerne spenden würden“, erklärte die Initiatorin der Beiträge, die türkischstämmige Forbacherin Gülen Ergün-Karagkiozidou. Die Wahl der Spende fiel auf das H10 in Gernsbach als Ort des Miteinanders, der Menschen beim Ankommen in der Fremde unterstützt, beispielsweise durch Sprachkurse und Hausaufgabenhilfe für geflüchtete Kinder.

Vom Ankommen und Verlorengehen einer ganzen Generation

„Ich war sehr froh und dankbar, als wir das Angebot der Spende erhielten“, erklärte die Integrationsbeauftragte Knupfer: „Dann habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und vorgeschlagen, das nicht nur als formalen Akt zu sehen, sondern die Spende mit einer Lesung zu verbinden, bei der die drei Autoren ihre Texte vortragen können.“ Es sei wichtig, dass es solche Orte der Begegnung gibt, betonte auch Basem Serghani, der Leiter des H10.

Unter den rund 20 Gästen waren viele Familienangehörige der Autoren – also die Menschen, um die es in den vorgetragenen Geschichten ging, etwa der heute 101-Jährige Donato Pollice, Großvater von Marco Jelic. Sie alle lauschten gespannt den Erzählungen, die vom Ankommen und Verlorengehen einer ganzen Generation in einem fremden Land, der Zerrissenheit junger Heranwachsender, der noch immer zögerlichen Annäherung verschiedener Kulturen und nicht zuletzt von Heimat und Identität handelten.

Solidarität und Akzeptanz statt Diskriminierung

Im Anschluss entwickelte sich ein reger Austausch, in dem noch einmal deutlich geworden sei, dass es ein langer Weg war, bis man sich in Deutschland als Einwanderungsgesellschaft verstand. Heute sei durch Sprach- und Integrationskurse und Orte der Unterstützung wie das H10 einiges besser geworden. Es wurde aber auch betont, dass es immer noch rechtsextreme Kräfte gebe, die das demokratische und vielfältige Miteinander gefährdeten, heißt es im Bericht der städtischen Pressestelle. Daher gelte es, stets für Solidarität und Akzeptanz und gegen Diskriminierung einzustehen.

Die Spende in Höhe von 300 Euro soll in der Hausaufgabenhilfe eingesetzt werden. Die Aktion sei ein Zeichen des Dialogs, der Solidarität und des Zusammenhalts. Für Marco Jelic eine wichtige Signalwirkung: „Wir Kinder der Gastarbeiter unterstützen Menschen, die neu hier ankommen. Es gibt Unterschiede, aber auch viele Parallelen und gemeinsame Erfahrungswerte.“


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