Gaststättensterben im Stadtteil Ottenau

Gaggenau (wess) – Im Gaggenauer Stadtteil Ottenau gab es einst fünf Gasthäuser. Mittlerweile sind sie Geschichte. Jetzt werden einige in Wohnungen umgewandelt.

Auf einer seltenen Postkarte aus dem Jahr 1896 ist der Biergarten der Gaststätte „Zum Goldenen Sternen“ ebenso zu sehen wie die davor abgestellten Kutschen. Geschickt wurde die Karte mit einem Gruß von Max an das „hochwohlgeborene Fräulein Frida Kölblin“ in Baden-Baden. Foto: Sammlung Michael Wessel

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Auf einer seltenen Postkarte aus dem Jahr 1896 ist der Biergarten der Gaststätte „Zum Goldenen Sternen“ ebenso zu sehen wie die davor abgestellten Kutschen. Geschickt wurde die Karte mit einem Gruß von Max an das „hochwohlgeborene Fräulein Frida Kölblin“ in Baden-Baden. Foto: Sammlung Michael Wessel

Wenn ein Fremder durch den Ortskern von Ottenau geht und verschiedene Gaststätten-Schilder sieht, freut er sich auch ohne Lockdown vergebens auf einen abendlichen Wirtshausbesuch. Am Haus Hauptstraße 257 in Ottenau lädt noch ein Schild mit der Aufschrift „Ristorante Fratelli“ zum Besuch der Gaststätte mit deutscher und italienischer Küche ein. Doch das Restaurant ist seit einem Jahr geschlossen. Inzwischen werden die Räume in Wohnungen umgebaut.

Das Schild „Ristorante Fratelli“ am ehemaligen „Adler“. Foto: Michael Wessel

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Das Schild „Ristorante Fratelli“ am ehemaligen „Adler“. Foto: Michael Wessel

Nur wenige Hundert Meter weiter sind auf der anderen Seite der Murg Handwerker dabei, die „Linde“ in Wohnungen umzuwandeln. Und von dort sind es nur rund 100 Meter zum „Strauß“, der seit längerer Zeit leer steht. Auch hier ist die Rede davon, dass er das gleiche Schicksal erleidet wie die beiden vorgenannten Gaststätten. Bezieht man die Traditionsgaststätten „Zum Löwen“ und „Zum Goldenen Sternen“ mit ein, die bereits seit längerer Zeit geschlossen sind, dann hat Ottenau in den zurückliegenden 60 Jahren alle fünf traditionsreichen Gasthäuser verloren.

Im Heimatbuch von Ottenau, das 1935 vor der Eingemeindung zu Gaggenau herausgegeben wurde, schreibt Heinrich Langenbach: „Am frühesten wird ein Wirtshaus zum ,Straußen‘ genannt. Hannes Weißer, Bürger und Seyler zu Ottenauwe, in der Grafschaft Eberstein gelegen, ist Gastwirt und will einen eigenen Schild erwerben – anno 1710 zu Martini. In diesem Schrieb erfahren wir, dass zu jener Zeit zu Ottenau zwei Wirte waren: der Oberwirt und der Unterwirt. Ersterer war der Weißer, der dann Straußwirt wurde, weil er als Gassenwirt eine Strauß- oder Besenwirtschaft bereits unter ebersteinischer Erlaubnis besessen. Der Unterwirt oder der ‚untere Wirt‘ war ein Ruckenbrodt. Er erhielt um das Jahr 1710 ebenfalls die Schildgerechtigkeit zugeteilt – er wurde Sternenwirt.“

Gasthaus „Zum Löwen“ erstmals 1786 erwähnt

Weiter ist im Heimatbuch zu lesen, dass im Jahr 1786 das Gasthaus „Zum Löwen“ erstmals erwähnt wird und dass der Wirt Anton Krieg das Braurecht besaß. Noch aus eigenem Erleben berichten die älteren Ottenauer gerne vom Schnurren und von den Preismaskenbällen im alten „Löwen“. Von den fünf Ottenauer Traditionsgaststätten erwischte es den „Löwen“ zuerst. Er musste 1961 Platz machen für eine direkte Straßenführung von der erweiterten Lindenbrücke in Richtung Bahn und in das damalige Neubaugebiet Rain.

Die Rede ist auch davon, dass um das Jahr 1900 die Kurgäste mit Kutschen von Baden-Baden über den heute wiederbelebten Chaisenweg ins Murgtal kamen und im „Goldenen Sternen“ abstiegen, dessen Küche einen hervorragenden Ruf hatte. Bis zum Hördener Bahnhof sollen die Gespanne gestanden haben. Und es wird auch erzählt, dass der Sternenwirt 1905 ein Gespräch seiner Gäste im Nebenzimmer belauschte und so mitbekommen hatte, dass die neu gegründete Süddeutsche Automobilfabrik aus Platzgründen in die Rheinebene verlagert werden sollte. Daraufhin habe er den Ottenauer Bürgermeister Peter Steimer alarmiert, der sofort die Gemeinderäte in den „Sternen“ einlud, um den Vorschlag zu erarbeiten, Ottenauer Gelände für die Neubauten der Automobilfabrik anzubieten.

Schweren Herzens den „Goldenen Sternen“ geschlossen

Letzte Wirtin im „Goldenen Sternen“ war Theresia Kraft. Sie hatte ihn 38 Jahre geführt, bevor sie 2009 schweren Herzens die Wirtschaft schließen musste. Gerne erinnert sie sich heute an die vielen Feiern in ihrer Gaststätte. Anfangs habe sie ihre treue Stammkundschaft sehr vermisst. Und auch den Erfahrungsaustausch – von Tratsch solle nicht die Rede sein – am immer gut besuchten Stammtisch. Sie hat auch einen triftigen Grund, weshalb das Wirtshausschild immer noch an der Wand ist: „Wenn ich es abmache, habe ich lauter Löcher an der Wand!“

1864 wurde der „Adler“ eröffnet. Zuvor war es eine Schmiede. Dort wechselten die Wirte häufig. Jetzt schließt auch dieses Kapitel. Zu den Ottenauer Traditionsgasthäusern zählt auch die „Linde“. Hier sind allerdings die Fakten zu ihrer Entstehungsgeschichte nicht überliefert.

Die Ottenauer Traditionsgaststätten waren natürlich die Treffpunkte für das rege Vereinsleben im Ort. So hatten die beiden Männergesangvereine in den 1930er Jahren jeweils etwa 100 aktive Sänger, die sich dort zur Probe trafen und danach meist nicht sofort nach Hause gingen.

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Erstellt:
7. Januar 2021, 06:00 Uhr
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