Gasversorgung: Frieren für die Industrie?

Karlsruhe (ebe) – Arbeitgeber befürchten eine Massenarbeitslosigkeit, sollte das Gas in der Industrie knapp werden. So auch Michael Kristeller, Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Südwestmetall:

Experten befürchten ohne Gasversorgung einen Stillstand des Wirtschaftslebens in Deutschland.Foto: Bernd Weißbrod/dpa

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Experten befürchten ohne Gasversorgung einen Stillstand des Wirtschaftslebens in Deutschland.Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Was tun, wenn das Gas im Falle eines russischen Lieferstopps knapp wird? Die Prioritäten sind klar geregelt: Zuerst wird bei der Industrie gekürzt, Privathaushalte und Einrichtungen wie Krankenhäuser werden weiter versorgt. Dagegen regt sich jetzt Widerstand in der Industrie. Unsere Mitarbeiterin Erika Becker sprach mit dem Vorsitzenden des Arbeitgeberverbands Südwestmetall in der Region, Michael Kristeller. Er ist Geschäftsführer des Feuerwehrgeräte-Herstellers Rosenbauer in Karlsruhe.

BT: Herr Kristeller, im Notfallplan Gas ist geregelt, dass Privathaushalte vorrangig versorgt werden. Sie wollen Haushalte aber mit der Industrie gleichstellen. Sollen wir für die Industrie frieren?
Michael Kristeller: Wir leiden immer noch unter den Folgen der Pandemie, erst der Produktionsstopp, dann Lieferengpässe und Chipmangel. Wenn da jetzt noch etwas obendrauf käme, würde das für viele Betriebe den Knock-out bedeuten. Wir bei Rosenbauer sind selbst in einer krisenfesten Industrie. Feuerwehrfahrzeuge werden immer gebraucht, unsere Auftragsbücher sind voll, aber wir kriegen die Fahrzeuge nicht gebaut und müssen deshalb schon Personal anpassen. Also Überstunden ab- und Flexi-Konten aufbauen, zusätzliche freie Tage – all das haben wir jetzt schon, und der nächste Schlag würde dann aktive Personalanpassungen selbst bei uns bedeuten, wenn unsere Zulieferer nicht mehr produzieren können. Wir selbst brauchen gar kein Gas, aber unsere Zulieferer leben davon, sei es die chemische Industrie etwa für die Schläuche, die wir brauchen, oder ad blue, das in den Tank muss – wenn es das alles nicht mehr gibt, hört bei uns auch irgendwann die Produktion auf. Diese Folgeketten, das kann niemand jetzt so richtig beurteilen. Das Fehlen eines kleinsten Teils kann dazu führen, dass ein Großteil unserer Industrie steht. Das ist unsere große Befürchtung, wenn man den Gashahn abdreht: Dann wird es zu einem Stillstand in Deutschland kommen.

BT: Eon-Aufsichtsratschef Kley hat sich gerade eine Abfuhr geholt bei seinem Vorstoß, die Industrie im Falle eines Gaslieferstopps vorrangig zu bedienen.
Kristeller: Unsere Sicht auf die Dinge ist eher eine partnerschaftliche. Die Industrie ist ja kein anonymer Block, der irgendwo am Rande der Gesellschaft steht. Wir sind in der Mitte der Gesellschaft, es sind auch unsere Arbeitnehmer, die dann in ihren Wohnungen frieren oder es kuschelig warm haben, aber dafür keine Arbeit. Wir sollten schauen, dass wir gemeinschaftlich durch die Krise kommen, und die Temperaturen sowohl in den Betrieben als auch zuhause zurückdrehen.

Lieber weniger heizen als ohne Job: Dafür plädiert Michael Kristeller von Südwestmetall.Foto: Südwestmetall

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Lieber weniger heizen als ohne Job: Dafür plädiert Michael Kristeller von Südwestmetall.Foto: Südwestmetall

BT: Mit dem Mittel der Kurzarbeit sind wir bislang gut durch die Pandemie gekommen – haben Sie da jetzt kein Vertrauen?
Kristeller: Kurzarbeit ist ein tolles Instrument. Aber wenn man sieht, wie viel Geld da fließt, und das hochrechnet, dann ist der Staat in der Gaskrise innerhalb kürzester Zeit zahlungsunfähig. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Scheele, hat kürzlich gesagt, dass das Problem eines Gaslieferstopps von der Dimension zu groß sei, um es mit Kurzarbeit zu lösen. Das wird zu echter Arbeitslosigkeit führen. Und dann wird es international zu Ausweichbewegungen kommen, wenn unsere Industrie stillsteht, dann sind wir weg vom Fenster. Die Dimension ist jetzt eine andere als in der Pandemie mit nur wochenweisen Schließungen, wir werden dann das Thema Massenarbeitslosigkeit haben.

BT: Wo kann die Industrie denn beim Thema Energie noch ansetzen?
Kristeller: Alternativlos ist, dass wir jetzt konsequent auf die Sonnenenergie setzen, wenn man sich anschaut, wie viele Flächen auf Industriedächern und Supermärkten brachliegen. Es gibt unheimliche Schwierigkeiten bei der Einspeisung: Es braucht extra Zähler, die verursachen hohe Extrakosten, das kann nicht sein, dass es so kompliziert ist. So, wie Habeck das jetzt mit den LNG-Terminals sehr stramm durchzieht und hoffentlich auch erfolgreich ist, so sollten wir das doch auch bei der Solarenergie machen – überall, wo es gewerbliche Dachflächen gibt, die bebaubar sind, Solarzellen setzen und die Einspeisung einfach umsetzen.

Bundesnetzagentur schlägt für den Ernstfall Gaszuteilung über Auktionen vor

BT: Können wir uns denn jetzt den Atomausstieg leisten?
Kristeller: Wenn wir da jetzt das Ruder herumreißen, um im alten Trott weiterzumachen, kommen wir nicht von der Stelle. Solche kurzfristigen Politikwechsel sind für die Industrie störend, das sollte man nicht machen, höchstens als Übergangslösung. Stattdessen sollten wir auf intelligente Lösungen setzen, beispielsweise Solarzellen als Baustoff für die Dächer der Zukunft. So lösen wir drei bis vier Probleme auf einmal, das wäre kluges, zukunftsgerichtetes Handeln.

BT: Die Bundesnetzagentur hat vorgeschlagen, bei der Gaszuteilung im Ernstfall über Auktionen zu gehen, was halten Sie davon?
Kristeller: Davon halte ich gar nichts. Bei Auktionen sichert sich einer mit einer gewissen Marktmacht das Gas, aber der kleine, der sich das nicht leisten konnte, legt uns lahm, weil ein Teil fehlt. Nein, das Problem mit dem Gasmangel kann eher gelöst werden, wenn es auf mehr Schultern verteilt wird. Anreize funktionieren auch im Privatbereich, vielleicht sogar noch besser. Wenn man einen Bonus erhält beim Gassparen – sei es vom Staat oder vom Gasversorger – dann nimmt man die Menschen und die Industrie besser mit als über Restriktionen.

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Ihr Autor

unserer Mitarbeiterin Erika Becker

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Erstellt:
6. Mai 2022, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

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