Geboren in Bühl: „Ein besonderes Geburtserlebnis“

Bühl (nad) – Mats Braun ist daheim in Altschweier zur Welt gekommen. Es war die erste und bisher einzige Hausgeburt in der Zwetschgenstadt in diesem Jahr.

Hebamme und zweifache Mutter: Carolin Braun hat ihren Sohn Mats zu Hause geboren. Foto: Christian Milles

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Hebamme und zweifache Mutter: Carolin Braun hat ihren Sohn Mats zu Hause geboren. Foto: Christian Milles

Ein Kind im eigenen Zuhause zur Welt zu bringen, das war schon bei ihrem ersten Sohn der Wunsch von Hebamme Carolin Braun aus Altschweier. Beim zweiten Kind, dem kleinen Mats, konnte sie sich diesen Wunsch im Mai erfüllen und hat bei der Hausgeburt offiziell das erste Bühler Kind dieses Jahres und das sechste seit Schließung des örtlichen Kreißsaals geboren.

„G 1/2021“ , so steht es schwarz auf weiß auf der Geburtsurkunde von Mats Braun, der am 20. Mai das Licht der Welt im Zuhause seiner Familie in Altschweier erblickte: Er gehört damit zu den wenigen Kindern, die seit der Schließung des Bühler Kreißsaals im August 2016 in der Zwetschgenstadt geboren worden sind. Sechs Hausgeburten gab es seither mit der von Mats eingerechnet, er war die erste und bisher einzige in diesem Jahr.

Die meisten werdenden Eltern aus Bühl und Umgebung wichen in den vergangenen fünf Jahren nämlich auf Kliniken im Umkreis, beispielsweise Achern oder Baden-Baden aus, oder entschieden sich für das Geburtshaus in Rastatt. Auch deutschlandweit ziehen die wenigsten eine Hausgeburt in Betracht, laut Statistik werden nur 1,8 Prozent aller Kinder außerklinisch geboren, eine gering steigende Tendenz kann in den letzten Jahren beobachtet werden. Damit haben sich Mats Eltern für die Ausnahme entschieden und sind eigener Aussage nach sehr glücklich über diese Entscheidung.

Die 29-jährige Mutter findet es schade, dass das Thema Hausgeburt wenig Anklang in der Gesellschaft findet und diese Option ihrer Meinung nach bei vielen Schwangeren einfach „untergeht“. Sie selbst habe im Vorfeld einige kritische Stimmen zu ihrem Wunsch gehört, auch in der Verwandtschaft gab es Sorge über ihr Vorhaben – und das, obwohl Braun gelernte und studierte Hebamme ist und damit selbst vom Fach ist. „Da musst du selbstbewusst bleiben, dahinter stehen und außer Acht lassen, was dein Umfeld dazu sagt“, betont die junge Mutter im BT-Gespräch.

Großer Geburtspool im Wohnzimmer aufgestellt

Für sie und ihren Mann Dominik Braun war quasi mit positivem Schwangerschaftstest klar, dass ihr Kind daheim, in vertrauter und intimer Umgebung, zur Welt kommen soll. Vor allem auch, weil die damalige Coronasituation sehr strenge Regeln für Geburten in Kliniken beziehungsweise dem Beisein der Väter vorsah. Umso erleichterter waren die Eltern, dass der Hausgeburt dieses Mal nichts im Wege stand. Schon bei ihrem ersten Sohn Noah war das der ursprüngliche Plan – damals haben sie sich aber gemeinsam mit ihrer Hebamme spontan für eine Geburt im Offenburger Ortenau Klinikum umentschieden, weil die Stellung von Noahs Köpfchen nicht optimal war.

Für die Geburt von Mats wurde kurzerhand das kleine Wohn- und Esszimmer zum Entbindungszimmer umfunktioniert: Der Tisch wurde auf die Seite geschoben und ein großer Geburtspool aufgestellt. Wie ein Planschbecken kann man sich diesen vorstellen, nur größer, wesentlich dicker „gepolstert“ und dadurch auch bequemer für die Schwangere. Durch einen Schlauch wurde warmes Wasser aus dem Badezimmer in den Pool gepumpt, und Ehemann Dominik brachte zwischendurch immer wieder Nachschub mit Eimern.

In der Nacht zuvor hatte Braun ihren Blasensprung, gegen sechs Uhr morgens wurden die Wehen stärker und ihre Hebamme samt Assistentin trafen bei ihr Zuhause ein. Sohn Noah wurde in den Kindergarten und zur Oma gebracht, als er nach Hause kam, konnte er seinen kleinen Bruder schon begrüßen.

Eine besondere Geburtsurkunde: Mats Braun ist das erste Bühler Kind in diesem Jahr. Foto: Natalie Dresler

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Eine besondere Geburtsurkunde: Mats Braun ist das erste Bühler Kind in diesem Jahr. Foto: Natalie Dresler

Eine Doula, also eine nicht medizinische Helferin, die einer gebärenden Frau emotional zur Seite steht, hielt die intimen Momente der Hausgeburt auf Wunsch der Mutter mit ihrem Fotoapparat fest. Damit hat Familie Braun jetzt eine „einmalige Erinnerung“ an Mats Geburt, die die junge Mutter auch mal zu Tränen rührt. Sie hätte sich ihre Hausgeburt nicht perfekter vorstellen können. Zuhause – ohne den Kreißsaal-Trubel, den sie selbst von Berufs wegen nur zu gut kennt – könne man sich als Frau und Mutter komplett auf sich fokussieren, ganz bei sich selbst und dem Kind sein und sich von nichts ablenken lassen. „Es ist ein besonderes Geburtserlebnis, das dir niemand nehmen kann“, schwärmt sie und ist stolz darauf, dass sie ihren kleinen Sohn daheim gebären konnte und es ohne Einsatz von Schmerzmitteln geschafft hat.

„Das war schon krass“, erinnert sie sich an ihre Schmerzen und glaubt, dass unter anderem aus diesem Grund viele Frauen vor einer Hausgeburt zurückschrecken. Doch vor allem dem Mangel an Hebammen, die Hausgeburten anbieten, sei dies zu schulden, denn dadurch haben nur wenige Frauen überhaupt die Chance, sich mit dieser Option auseinanderzusetzen und eine Hausgeburt in Erwägung zu ziehen, erklärt Braun.

Eigene Praxis wäre „ein Träumchen“

Mittlerweile war sie bei 197 Geburten dabei. Nach ihrer Ausbildung an der Hebammenschule in Karlsruhe hat sie ein halbes Jahr in einem Geburtshaus in Tansania gearbeitet und Berufserfahrung im Kreißsaal des Diakonissenkrankenhauses in Rüppurr gesammelt. An der Hochschule Köln konnte sie während ihrer ersten Schwangerschaft berufsbegleitend studieren und so ihren Bachelor of Science in Hebammenkunde machen, 2018 ist sie nach der Geburt von Sohn Noah dann den Schritt in die komplette Freiberuflichkeit gegangen. Seither ist sie zwar nicht mehr bei Geburten dabei, schätzt dafür aber den intensiven persönlichen Kontakt mit den Frauen während der Schwangerschaft und im Wochenbett.

Für die Zeit nach ihrem Mutterschutz kann sich die leidenschaftliche Hebamme neben dem Einstieg in ihre bisherige Tätigkeit weitere Szenarien vorstellen: Dozentin im Hebammenwesen käme da zum Beispiel in Frage, aber auch eine eigene Praxis wäre „ein Träumchen“. Nach Räumlichkeiten im Bühler Raum suche sie jedenfalls schon.

Ihr Autor

BT-Volontärin Natalie Dresler

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Erstellt:
8. September 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 50sec

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