Gebürtiger Bühler ist Grammy-Kandidat

Bühl (rud) – Thomm Jutz aus Bühl ist in der Kategorie „Bestes Bluegrass-Album des Jahres“ für den Grammy nominiert. Seit 2003 lebt Jutz in Nashville. BT-Mitarbeiter Georg Rudiger hat ihn interviewt.

Ist als Musiker in Nashville seit Jahren sehr erfolgreich: Thomm Jutz stammt aus Bühl. Foto: Jefferson Ross/Audrey Fletcher/pr

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Ist als Musiker in Nashville seit Jahren sehr erfolgreich: Thomm Jutz stammt aus Bühl. Foto: Jefferson Ross/Audrey Fletcher/pr

BT: Herr Jutz, wie haben Sie von der Grammy-Nominierung erfahren?

Thomm Jutz: Am Morgen nach der Veröffentlichung hat mich mein Freund Peter Cooper, mit dem ich viel zusammenarbeite, angerufen und mir davon erzählt. Dass mein Label das Album vor ein paar Monaten bei der Jury eingereicht hatte, wusste ich. Aber ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, weil es sehr unwahrscheinlich ist, unter die letzten Fünf zu kommen.

BT: Sie hatten schon mehrere Nummer-1-Hits in den Billboard-Charts und erhielten bereits zwei SESAC-Awards. Der Grammy ist der weltweit wichtigste Musikpreis. Was bedeutet die Nominierung für Sie?

Jutz: Das ist ein Meilenstein. Die Nominierung beeinflusst vor allem die Art und Weise, wie man von anderen wahrgenommen wird. Das haben mir schon die vielen Anrufe gezeigt, die ich danach bekam.

BT: Was muss man für eine Nominierung tun? Reicht es, eine Aufnahme zu schicken?

Jutz: Es ist hilfreich, wenn man in der Szene gut vernetzt ist. Aber die Recording Academy, die den Grammy verleiht, ist sehr streng. Da ist keine Einflussnahme möglich. Im Augenblick überlegen wir uns eine Strategie, wie wir das Album promoten und zu wem wir Kontakt aufnehmen. Es ist sicherlich von Vorteil, wenn das Album im Gespräch ist.

BT: Nominiert wurde Ihr Album „To Live in Two Worlds“, „Vol.1“, das Solostücke und Songs mit Band enthält. Eigentlich wollten Sie ein Solo- und ein Bandalbum machen. Warum jetzt die Mischung?

Jutz: Wir wollten nicht, dass das Soloalbum nach der Veröffentlichung des Bandalbums untergeht. Es gibt auch Stücke, die thematisch korrespondieren. Dass ich zwei gemischte Alben im gleichen Jahr herausgebracht habe, ist sicherlich für den Hörer spannender. Es zeigt auch besser meine verschiedenen Vorlieben. Das ist ja nicht nur Bluegrass.

BT: Gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen Vol.1 und Vol.2?

Jutz: Vol.1 bezieht sich eher auf Anlässe, die mich in der Musikgeschichte Amerikas interessieren. Vol.2 hat mehr spirituelle Untertöne. Das zweite Album ist auch etwas dunkler.

Ein Leben in zwei Welten

BT: Was meinen Sie mit den beiden Welten, von denen der Titel spricht?

Jutz: Die Zeilen sind ein Zitat aus dem Song „Calling Me Home“ vom ersten Album. Ich bin in Europa geboren, lebe aber seit fast 20 Jahren in Amerika. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, spiele aber seit 30 Jahren fast ausschließlich amerikanische Roots-Musik. Ich interessiere mich mehr für die Literatur und die Musik vor 100 Jahren als für die von heute. Das verstehe ich unter den zwei verschiedenen Welten. Ich würde auch lieber im Jahr 1920 leben als 2020 – allerdings gerne mit Penicillin.

BT: In Ihren Songs geht es oft um den Blick zurück. Sie singen über Country-Musiker wie Skip James, Jimmie Rodgers oder Alfred Reed. Auch der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 wird in Songs wie „Wilmer Mc Lean“ und „Shelton Laurel Valley“ thematisiert. Geht es im Bluegrass immer um die Vergangenheit?

Jutz: Nicht unbedingt. Das ist eher mein persönlicher Blickwinkel. Für mich ist es reizvoll, mich mit diesen frühen Blues- oder Countrymusikern zu beschäftigen. Sie hatten nichts, an dem sie sich orientieren konnten. Das Radio war auf dem Land im amerikanischen Süden zu dieser Zeit wenig verbreitet. Diese Musiker mussten kreativ sein. Man hat damals viel weniger zitiert, als man es heute tut. Ihren Stil haben sie manches Mal aus einer Not heraus erfunden, weil sie zum Beispiel schlechte Instrumente hatten. Die Musik war viel weniger homogenisiert. Heute kann man zwar jede Art von Musik mit einem Mausklick hören, aber es ist schwieriger geworden, wirklich kreativ zu sein.

Auch Rassismus ist ein Song-Thema

BT: Politische Gegenwartsbezüge gibt es auf dem Album wenige. Im Blues „I Long to Hear them Testify“ sprechen Sie von seltsamen Zeiten und meinen damit das Jahr 2019, im Song „Shelton Laurel Valley“, der an eine Exekution im amerikanischen Bürgerkrieg erinnert, warnen Sie vor dem Umschlagen von Wut in Gewalt. Welche Rolle spielt die Gegenwart für Ihre Songs?

Jutz: Diese Gedanken beziehen sich schon auch auf die fragile gegenwärtige Situation in Amerika. Ich bin aber kein politischer Songwriter, sondern schreibe über das, was Leute empfinden. Das große Problem in den USA derzeit ist, dass in der Gesellschaft die Kommunikation aufgehört hat zwischen Demokraten und Republikanern. Diese Tendenz wurde sicherlich verstärkt durch Donald Trump, der Öl in jedes Feuer gegossen hat, um aus dieser Eskalation persönlichen Nutzen zu ziehen.

BT: Unter Trump hat sich der Rassismus in den USA verschärft. Wäre das auch ein Thema für einen Song?

Jutz: Auf jeden Fall. Mein Song „Throw the Stone“ und der „Emancipation Blues“ aus dem Vol.2-Album sprechen direkt darüber. Man kann im Bluegrass über alles einen Song schreiben. Der Stil wird nicht durch die Texte definiert, sondern mehr durch die Instrumentierung mit Banjo, Fiddle, Mandoline, Gitarre und Kontrabass und bestimmten Grooves.

Neue Einflüsse in der bisher weißen Szene

BT: Gibt es auch Schwarze oder Latinos in der Bluegrass-Szene?

Jutz: Die Szene ist überwiegend weiß, was auch historisch bedingt ist. Die Instrumentalmusik, die sogenannten Fiddle Tunes, kann man direkt nachverfolgen nach England, Schottland und Irland. Interessanterweise ist das Banjo, das für viele das prägende Instrument des Bluegrass darstellt, von afrikanischen Sklaven entwickelt worden. Es gibt auch Bewegung in der Szene. Die schwarze Sängerin Rhiannon Giddens zum Beispiel hat großen Erfolg mit ihrer Musik. Die Grenzen sind fließend. Mike Compton, der auf meinen Alben Mandoline spielt, hat sich von schwarzen Musikern aus seiner Heimat Mississippi ähnlich stark beeinflussen lassen wie von weißen. Und Bill Monroe, der Vater des Bluegrass, war am stärksten geprägt von dem schwarzen Gitarristen Arnold Shultz.

BT: Was fasziniert Sie musikalisch am Bluegrass?

Jutz: Die Virtuosität. Ich bin fasziniert von der Authentizität und Transparenz dieser Musik. Sounddesign spielt gar keine Rolle.

BT: Was werden Sie tun, wenn Sie am 31. Januar 2021 in Los Angeles den Grammy gewinnen?

Jutz: Das ist sehr unwahrscheinlich, weil drei der fünf Nominierten wesentlich bekannter sind als ich. Aber man weiß nie. Unter normalen Umständen hätte ich zwei Flugtickets nach L.A. gekauft für meine Frau und mich, um bei der Verleihung dabei zu sein, aber wegen der Corona-Pandemie ist alles anders. Bereits die Nominierung war aber sicherlich der beste Tag meiner Karriere.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
2. Dezember 2020, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 15sec

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