„Geburtsfehler“ des Nationalparks beheben

Baden-Baden (vn) – Die Landesregierung will die zwei Teile des Großschutzgebiets vereinen und vergrößern, damit man noch mehr Natur Natur sein lassen kann. Aber wie kam es zu dieser Zweiteilung?

Lautstarker Widerstand gegen den Nationalpark – wie hier am Tag der Abstimmung im Landtag im November 2013 – ist heute unwahrscheinlich. Foto: Franziska Kraufmann/dpa/Archiv

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Lautstarker Widerstand gegen den Nationalpark – wie hier am Tag der Abstimmung im Landtag im November 2013 – ist heute unwahrscheinlich. Foto: Franziska Kraufmann/dpa/Archiv

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 28. November 2013, verabschiedete der Landtag in Stuttgart das Nationalparkgesetz mit grün-roter Mehrheit. CDU und FDP stimmten bis auf eine Ausnahme dagegen. Am 1. Januar 2014 wurde das Großschutzgebiet im Nordschwarzwald aus der Taufe gehoben. Doch ist der Nationalpark das überhaupt – ein Großschutzgebiet?

Am vergangenen Freitag hat Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) im Interview mit unserer Zeitung angekündigt, den Nationalpark „inhaltlich und räumlich weiterzuentwickeln“, wie es im Mai im Koalitionsvertrag zwischen Grünen und CDU vereinbart worden sei. Konkret wird es um einen Lückenschluss zwischen dem Nord- und Südteil gehen.

Warum kam es 2013 zu dieser Zweiteilung?
In den Jahren zuvor hatte es erhebliche Konflikte in der Region um die Ausweisung gegeben. Die Zweiteilung erfolgte aus der Not heraus: Um die von der Internationalen Union zum Schutz der Natur (IUCN) vorgeschriebene Mindestgröße von 10.000 Hektar zu erreichen, schlug der damalige Minister für den Ländlichen Raum, Alexander Bonde (Grüne), die beiden Teile mit 2.447 Hektar im Norden und 7.615 Hektar im Süden vor, die überwiegend aus Staatswald bestanden. 2.900 Hektar Privatwald dazwischen wurden ausgeklammert. Sie gehören der Murgschifferschaft, die das Schutzgebiet damals ablehnte.

Welche Nachteile haben diese kleinen Zonen?
Prozessschutz ist dort nur eingeschränkt möglich, also das Anliegen, die Natur sich selbst zu überlassen und nicht mehr einzugreifen. Wünschenswert ist ein zusammenhängendes Gebiet mit großen Kernzonen. Der Vorsitzende des Nationalparkbeirats, Gerhard Goll, bezeichnete die Zweiteilung 2018 als „Geburtsfehler“. Sie war „von Anfang an kleinkariert und ein Murks“, schrieb er in einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Keine Reibereien mit dem Forstministerium

Wie konkret sind die Erweiterungspläne schon?
Am Freitag wurde lediglich der Auftakt eines umfassenden Beteiligungsprozesses verkündet. Es gibt keine fertigen Gebietskulissen oder Vorfestlegungen.

Warum regelt das Land die Grundstücksfragen nicht vorab ?
Das würde der grünen „Politik des Gehörtwerdens“ widersprechen, die eine enge Einbindung der Region in allen Fragen des Nationalparks immer betont hat. Schon vor Gründung des Parks waren Instrumente der Bürgerbeteiligung ausprobiert worden, die durch koordinierte Kampagnen der Gegner torpediert wurden. Walker rechnet heute nicht mehr mit dieser Art von Widerstand. Das höchste Entscheidungsgremium, der Nationalparkrat, steht einstimmig hinter den Erweiterungsplänen. Dazu zählt auch der Ratsvorsitzende, Landrat Klaus Michael Rückert (CDU) aus Freudenstadt. 2018 hatte er das Thema noch als „kontraproduktiv“ bezeichnet, weil man gerade dabei sei, den Nationalpark zu konsolidieren. Nach Abschluss der Arbeiten am Nationalparkplan und der Fertigstellung des Nationalparkzentrums am Ruhestein sieht Rückert offenbar bessere Chancen.

Was sagt der Forstminister?
Es gibt keine Hinweise, dass sich ein Koalitionsstreit mit CDU-Minister Peter Hauk anbahnt. In einer Stellungnahme auf Anfrage dieser Zeitung betont das Ministerium die Vorteile einer „zusammenhängenden, möglichst kompakten Fläche“. Gleichwohl müssten bei der Flächensuche die positiven Effekte eines nachhaltig bewirtschafteten Waldes im Blick behalten werden, vor allem die Klimaschutzwirkung. Außerdem müsse vor Ort Akzeptanz geschaffen werden. Umweltministerin Walker hatte im Interview auf „ganz klare Vereinbarungen“ hingewiesen. Sie sehe mit dem Forstministerium „keine Reibereien an dieser Stelle“.

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
23. November 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 33sec

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