Gedanken zur „Zauberflöte“: Liebe integriert

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal widmet er sich der „Zauberflöte“ als Oper der Überwindung von Gegensätzen.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Die „Zauberflöte“ ist in ihrer Einfachheit und Schlichtheit ein hoch komplexes Gebilde. Sie zeigt uns eine andere Welt, eine, in der alles möglich scheint. Die Oper ist ein Traum, der seiner eigenen Logik folgt.

„Die Zauberflöte“ wurde von Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadeus Mozart getextet beziehungsweise komponiert. Die Uraufführung fand am 30. September 1791 im Freihaustheater in Wien statt. Die Handlung der Oper setzt mit dem Auftritt des Prinzen Tamino, einem jungen Mann, der von einer Schlange verfolgt wird. Doch davor war einiges geschehen, von dem der Zuschauer erst im Laufe der Handlung erfährt. Der Vater Paminas starb und übergab seine Macht in Form des siebenfachen Sonnenkreises an Sarastro und seine Priester. Gleichzeitig unterstellte er auch seine Frau, die Königin der Nacht, sowie seine Tochter Pamina der Führung Sarastros. Die Königin der Nacht verweigert sich jedoch. Das zuvor geeinte Reich musste geteilt werden: Auf der einen Seite die Königin der Nacht auf der anderen Sarastro und seine Priester. Sarastro entführt nun Pamina, was die Königin der Nacht verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen lässt, ihre Tochter zurückzugewinnen. Parallel zur Entführung gelangt der Prinz Tamino in ihr Reich, und eine groß angelegte Rückholaktion beginnt, die einen eigenartigen Verlauf nimmt.

Wie gesagt, folgt die Oper einer Traumlogik, der ein Mythos zugrunde liegt, der mit den Begriffen Erneuerung, Regeneration und Suche nach Unsterblichkeit identifiziert werden kann. Dies wird besonders in der Einweihungsszene am Ende der Oper deutlich, wenn Pamina und Tamino die Feuer- und Wasserprobe bestehen müssen, um ein gemeinsames Leben anzutreten und beide Reiche zu vereinen. Das Feuer symbolisiert dabei die Instinkte, die eine Reinigung durch das Feuer erfahren, was als Bewusstwerdung und Beherrschung der eigenen Emotionen gedeutet werden kann. Die Wasserprobe zeigt das Abgründige, die Tiefe der Seele, das Verborgene in uns und fordert dessen Bewusstwerdung.

Weiterentwicklung der Taufe

Die Elemente Feuer („Geist“) und Wasser finden sich auch im Neuen Testament, wo Nikodemus Jesus nach der Erneuerung oder Wiedergeburt fragt: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3). Ewiges Leben und göttliche Inspiration treffen in der Prüfung am Ende der „Zauberflöte“ zusammen, wobei dies eine Weiterentwicklung der Taufe darstellt.

„Die Zauberflöte“ ist ein Symbol, das verschiedene Deutungen nebeneinander beherbergen kann. Ein abschließendes, endgültiges Urteil über die Oper kann nicht gegeben werden. Dennoch steht sie für den Mythos, für ein irrationales Denken und Handeln in einer Traumwelt, die Gesetze kennt, die dem Rationalen und Vernünftigen befremdlich vorkommen. Knaben, die durch die Luft schweben, das Symbol des Sonnenkreises, das als Herrschaftslegitimation dient, eine Priesterschaft, die Einweihungen durchführt sind keine rational nachvollziehbaren Handlungsstränge. Die Oper, erfunden in einer Zeit der Aufklärung, unterläuft damit dessen Programm und gibt sich dennoch aufklärerisch.

Mythos wird als vernünftiges Ziel annehmbar

Die Botschaft der „Zauberflöte“ bleibt aber zeitlos. Sie lautet, dass Trennung und Tod überwunden werden können. Nichts anderes ist mit der Handlung gemeint, die Gegensätze vereint, indem sie integriert werden. Das beste Integrationsmittel ist jene alles vereinende Liebe. Sie vereint Pamina und Tamino, Mann und Frau, Sonne und Mond, Oben und Unten. Der Mythos schlägt zwar nicht in Aufklärung um, wird aber als vernünftiges, erstrebenswertes Ziel annehmbar. Oder, wie der Chor singt: „Wenn Tugend und Gerechtigkeit / Den großen Pfad mit Ruhm bestreut; / Dann ist die Erd’ ein Himmelreich, / Und Sterbliche den Göttern gleich.“

Literaturempfehlung: Wolfram Frietsch: Die Traumfahrt der Zauberflöte. Gaggenau 2017.

Vor zwei Wochen beschäftigte sich Wolfram Frietsch in seiner Kolumne mit individuellen Komfortzonen.

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Erstellt:
22. Mai 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 58sec

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