Geflochtene Stücke Rastatter Alltagsgeschichte

Rastatt (sl) – Korbmöbel und weitere Gegenstände fertigte der Kunsthandwerker Adolf Walther an und verkaufte sie auf dem Rastatter Wochenmarkt. Seine Tochter hat noch viele Stücke zu Hause.

Objekte aus Korb und zahlreiche Fotos erinnern an Adolf Walther, der „Geflechte aller Art“ in der Zeitung inserierte und auch auf Bestellung arbeitete. Foto: Sebastian Linkenheil

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Objekte aus Korb und zahlreiche Fotos erinnern an Adolf Walther, der „Geflechte aller Art“ in der Zeitung inserierte und auch auf Bestellung arbeitete. Foto: Sebastian Linkenheil

So mancher hat die langen Monate des Corona-Lockdowns genutzt, um zu Hause im Keller Ordnung zu schaffen. Was da nicht alles zum Vorschein kommen kann! Manchmal sogar ein Stück Familien- und Stadtgeschichte. So wie bei Lina und Hans Peter Faller. Der Rastatter Kinderbuchautor schreibt üblicherweise in seinen Ludwig-Büchern von früher, jetzt hat seine Frau dem BT die Geschichte ihres Vaters erzählt: Des kunsthandwerklichen Korbflechters Adolf Walther (1893-1968).

Handwerk zum Kunstgewerbe erhoben


Korbmacher gab es einst viele am Oberrhein. Mancherorts zeugen noch die Kopfweiden von dem Broterwerb, den einige Landwirte als Nebenverdienst betrieben. Ganz anders Adolf Walther, der dieses Handwerk zum Kunstgewerbe erhob. Schlichte Einkaufskörbe waren weniger sein Metier. Die Fallers sind stolze Besitzer einer ganzen Sammlung von Korbsesseln, Stühlen und nützlichen Gebrauchsgegenständen, die – obwohl sie gut und gerne 70 Jahre auf dem Buckel haben – immer noch zeitlos wirken und selbst eine Einrichtung im modernen Design bereichern könnten. Auch die solide Qualität spricht für sich beziehungsweise für das Können des Schöpfers dieser Objekte. Da schwankt und knirscht nichts beim Platznehmen in einem der geschwungenen Korbsessel. Lina Fallers Vater Adolf Walther betrieb früher einen Stand auf dem Rastatter Markt, wo er die kleineren Korbwaren anbot. Speziell die Ehefrauen französischer Besatzungsoffiziere bestellten aber Möbel, möglicherweise kannten sie ähnliche Einrichtungsgegenstände aus den Kolonien in Indochina, mutmaßt Hans Peter Faller. Seine Frau Lina erinnert sich gut, dass ihr Vater auch viele alteingesessene Geschäfte, Metzgereien und Bäckereien mit seinen Korbwaren versorgte. Die Weidenruten wurden aus Weingarten geliefert, man musste sie lange in Wasser einweichen und auf dem Rasen bleichen. Dann verarbeitete ihr Vater den Rohstoff auf einem speziellen Flechtbrett mit seinen riesigen Händen zu teils filigranen Objekten – sogar Eierbecher aus Korb gibt es, die einst in Sasbachwalden an ein Geschäft für Kunsthandwerk geliefert wurden. Außerdem Kinderstühlchen und Stubenwagen für die ganz Kleinen. Mit einem Schreiner fertigte Walther ferner Verschalungen für Heizkörper.

Während die anderen Kinder nach der Schule ihrem Freizeitvergnügen nachgingen, musste die kleine Lina oft die Weidenreste einsammeln, erinnert sie sich. Allerdings ohne Groll, denn ihr Vater sei ein fortschrittlich eingestellter Mann gewesen, moderner als viele andere Väter in dieser Zeit. Er war 1893 in Grauelsbaum geboren worden und damit mehr als eine Generation älter als die anderen Papas.

Trauriges Schicksal schweißt zusammen

Das hängt mit einem traurigen Schicksal zusammen. Denn die Weltkriege hatten Adolf Walther auf eine harte Probe gestellt. Im Ersten wurde er als Soldat schwer verwundet, im Zweiten verlor er dann seine gesamte erste Familie bei einem Bombenangriff auf Freiburg. Dort hatte man nach Jahren im Rastatter Zay eine neue Heimat gefunden und ein Geschäft für Korbwaren betrieben. Warum man damals von Rastatt nach Freiburg umzog, weiß Lina Faller nicht. Sie war noch nicht auf der Welt. Zum Glück, denn bei dem Fliegerangriff kamen alle Hausbewohner um, außer dem damals 51-jährigen Vater Adolf Walther, der gerade in der Bäckerei gegenüber das Abendbrot einkaufte, und einer 25 Jahre jüngeren Frau namens Margarete (genannt Mimi), die ebenfalls aus Rastatt stammte. Die beiden Überlebenden kamen sich offensichtlich näher, denn gemeinsam zogen sie zurück nach Rastatt, in die Siedlung, in Mimis Elternhaus. 1946 wurde geheiratet, und zwei Jahre später wurde Lina geboren.

„Vielleicht hat ja das Stadtmuseum Interesse“

Es hängen viele Erinnerungen an der Korbsammlung, und dennoch soll Platz im Keller geschaffen werden. „Vielleicht hat ja das Stadtmuseum Interesse“, überlegt Hans Peter Faller, handelt es sich doch um ein Stück Rastatter Alltagsgeschichte, untermauert durch private wie gewerbliche Dokumente und Aufzeichnungen sowie viele Fotos von den geflochtenen Objekten. Doch auch im Museum ist der Platz begrenzt, sind sich die Fallers im Klaren. Eventuell würden sie ihren Familienschatz auch in private „gute Hände“ abgeben. Nur eins ist klar, als Gartenmöbel bei Wind und Wetter ist das Kunsthandwerk aus Weidenruten zu schade.

Lina und Hans Peter Faller in Korbstühlen, die Adolf Walther von Hand gefertigt hat. Foto: Sebastian Linkenheil

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Lina und Hans Peter Faller in Korbstühlen, die Adolf Walther von Hand gefertigt hat. Foto: Sebastian Linkenheil

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
10. Mai 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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