Wie wir unsere Corona-Lethargie ablegen

Baden-Baden (BT) – In der Pandemie ist allen vieles egal geworden. Gerade jetzt müsste man seiner Karriere arbeiten. Die Psychologin Madeleine Leitner erläutert, was gegen das Mattheitsgefühl hilft.

Während der Corona-Pandemie fällt es vielen schwer, beruflichen Ehrgeiz aufzubringen. Foto: Franziska Gabbert/dpa

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Während der Corona-Pandemie fällt es vielen schwer, beruflichen Ehrgeiz aufzubringen. Foto: Franziska Gabbert/dpa

BT: Frau Leitner, warum fällt es uns in der Pandemie so schwer, motiviert zu bleiben?
Madeleine Leitner: Die Corona-Pandemie zieht sich ja nun schon wirklich lange hin. Psychologisch gesehen wäre es einfacher, wenn das Ende einer Krise abzusehen wäre. Dann könnte man sagen, bis zu diesem Zeitpunkt hält man die Sache noch aus. Aber dass es in den vergangenen Monaten so wenig Planbarkeit gegeben hat und auch immer noch nicht wirklich absehbar ist, wie es weitergeht, macht die Leute wirklich mürbe. Jegliche Planung ist obsolet. Wer da jetzt noch aufsteht und jubiliert, der muss schon eine Frohnatur sein.

BT: Aber was ist mit dem Gedanken: Eigentlich müsste ich in meiner Karriere jetzt doch vorankommen?
Leitner: Ganz generell steckt hinter solchen Ansprüchen ein traditionelles Modell von Karrieren, ja nahezu ein Weltbild, bei dem es immer bergauf gehen muss. Das war vor allem bis vor 20 oder 30 Jahren sehr verbreitet. Den Gedanken, man könne Karriere auf diese Art und Weise planen, den kann man sich allerdings an die Backe schmieren. Für mich ist das ein Mythos. Wenn ich zurückschaue auf meine Beratertätigkeit, gab es da immer wieder Ereignisse und Krisen, die jegliche Planung durchkreuzt haben. Das war um die Jahrtausendwende die Start-up- und New Economy-Bubble, die geplatzt ist. Dann kam die Finanzkrise nach der Lehman-Pleite, später die Euro-Krise. Das heißt, wir haben in den letzten 20 Jahren immer wieder Ereignisse gehabt, die verschiedenen Berufsgruppen das Weiterkommen für eine Zeit lang verbaut haben.

BT: Also müssen sich junge Menschen einfach erst mal daran gewöhnen, dass sie ihre beruflichen Ziele nicht immer sofort erreichen.
Leitner: Allein dieses Thema Ziele! Das war eine Zeit lang in der Psychologie sehr en vogue. Das ist aber nur eine Ideologie, eine Denkrichtung. Sich Ziele zu setzen, kann nur ein Baustein von vielen sein. Ich glaube, das macht ganz viele einfach verrückt, dieses Durchplanen bis zum Lebensende. Man kann ruhig versuchen, eine Richtung reinzubringen, aber es ist ein großer Luxus, wenn das wirklich klappt. Gleichzeitig sollte ich aber mindestens einen Plan B in der Tasche haben, und eine Variante vordenken, die mir auch in Krisenzeiten beruflich weiterhelfen kann.

BT: Was hilft gegen dieses Mattheitsgefühl?
Leitner: Was ganz gut ist für die Phasen, in denen nichts geht, etwa weil man gerade keinen Job hat, nicht an ein Praktikum kommt oder anderweitig feststeckt: Eine Weiterbildung machen, eine Promotion dranhängen, ich kenne auch Frauen, die haben erst mal ein Kind bekommen. Man kann sich auch sagen: Es geht jetzt nicht weiter, dann parke ich hier, und mache mir erst mal grundsätzlich Gedanken über meine Lebensplanung. Natürlich kommt es auch sehr auf die Branche an, in der man tätig ist. Es gibt immer noch bestimmte Branchen, die haben ein sehr traditionelles Karrierebild. Wenn Sie da auch nur kurz arbeitslos sind, müssen Sie sich schon rechtfertigen. Ich kenne etwa Ingenieure, für die war das, was sie in einer Krisenphase aus Verlegenheit gemacht haben, aus Karrieresicht fast nicht mehr rückgängig zu machen. In konservativen Branchen sollte man also aufpassen, dass man nicht zu flexibel ist mit dem Zwischenprogramm. Aber eigentlich habe ich gemerkt, selbst die Ingenieure sind flexibler geworden. Statt Aufstieg geht es verstärkt um Projekte, und auch Pausen sind mal drin. Das ist ja schon alles sehr viel besser geworden. Was ich an der Wechselfront über die Jahre beobachtet habe: Wenn Krise ist, bleiben alle Mäuschen unter Deck. Sobald die Wirtschaft anzieht, kommen die alle aus ihren Löchern, und wollen unbedingt einen besseren Job. Wenn es tatsächlich so ist, dass die Wirtschaft bald wieder brummt, dann wird sich da viel bewegen.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Erstellt:
23. Mai 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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