Gegen „tödliche Viren Rassismus und Extremismus“

Von Markus Koch

Rastatt (mak) – Der Rastatter Verein „Die Brücke“ setzt sich mehr denn je für den interreligiösen Dialog ein. Nach den weltweiten Terroranschlägen suchen sie das Gespräch in den Kirchengemeinden.

Gegen „tödliche Viren Rassismus und Extremismus“

Hatice Özütürk (links) und Fatma Demir mit Pfarrerin Marlene Bender in der evangelischen Stadtkirche in Baden-Baden. Foto: Gemeinde

Die islamistisch motivierten Terroranschläge in Paris, Nizza und Wien haben auch die Menschen in Deutschland erschüttert. Mitglieder des Rastatter Vereins „Die Brücke für den Dialog“ drückten am 31. Oktober nach der Ermordung von drei Menschen in der Kirche Notre-Dame-de-l’Assomption in Nizza ihr Mitgefühl bei einer Aktion vor St. Alexander aus. Nun waren rund 20 Mitglieder an den vergangenen beiden Sonntagen in Gottesdiensten in der Region unterwegs, um mit der Übergabe eines Blumenstraußes die Anteilnahme von muslimischer Seite auszudrücken.

„Die Pfarrer waren angenehm überrascht, als ich sie angeschrieben habe, ob Vertreter unseres Vereins im Gottesdienst Blumen überreichen dürfen“, berichtet Vorsitzende Hatice Özütürk auf Anfrage des Badischen Tagblatts. Nach den Attentaten in Paris, Nizza und Wien wollte der Verein ein Zeichen der Verbundenheit setzen. Ausgewählt wurden neun Kirchengemeinden, die von den Brücke-Mitgliedern, die nicht nur in Rastatt wohnen, vorgeschlagen wurden. Und so wurden Sträuße auch in Baden-Baden, Durmersheim, Ettlingen und Karlsruhe überreicht. Pfarrer Wenz Wacker war so angetan von der Aktion, dass er Hatice Özütürk zu einer Abendveranstaltung im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade einlud, wo sie ein Psalmgebet und ein Friedensgebet sprach. An diesem Sonntag ist eine Kirche in Rheinstetten-Mörsch an der Reihe.

In der evangelischen Stadtkirche Baden-Baden habe Pfarrerin Marlene Bender am vergangenen Sonntag um eine Ansprache an die Gemeinde gebeten, berichtet Hatice Özütürk. Sie sagte: „Wir verurteilen alle Taten, die gegen die Menschlichkeit ausgerichtet sind, aufs Schärfste. Wir distanzieren uns von jeder Art von Terror und möchten hiermit zeigen, dass wir fest an der Seite des Friedens stehen. Solche Gräueltaten, die im Namen des Propheten begangen werden, sind deutlicher Ausdruck davon, dass die Täter die Botschaft des Propheten nicht verstanden haben. Im Gegenteil: Solch eine Tat ist eine ungeheuerliche Respektlosigkeit gegenüber dem Propheten“, verurteilte die gläubige Muslimin die Terroranschläge.

Aufgabe der ganzen Gesellschaft

Diese Anschläge machten deutlich, wie wichtig die interkulturelle und interreligiöse Vereinsarbeit der Brücke in Rastatt sei. Bald werde es einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben: „Wir können wieder zusammenkommen und ohne Ängste uns begegnen. Der Impfstoff gegen die tödlichen Viren Rassismus und Extremismus ist dieses Zusammenkommen. Lassen Sie uns, liebe Gemeindemitglieder und Freunde, gemeinsam gegen diese Viren vorgehen und diese schwierige Zeit gemeinsam in Freundschaft, Einheit und Geschwisterlichkeit überstehen“, lautete ihr Appell.

Im Gespräch mit dem Badischen Tagblatt unterstreicht die Vorsitzende der Brücke, dass Gewaltexzesse im Namen der Religion zeigten, wie wichtig der Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen sei: „Die interreligiösen Gespräche haben eine Brückenfunktion – statt übereinander sollte miteinander geredet werden“, fordert Özütürk. Ziel dieses Dialogs sollte dabei nicht sein, alle Unterschiede und Widersprüche zwischen den Religionen aufzulösen oder sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Im Hinblick auf die weitere Gestaltung des interreligiösen Miteinanders in Rastatt formuliert sie folgende Anregungen:

Es sollte nicht nur Aufgabe einer interkulturellen Gruppe sein, den Dialog zu fördern, sondern der ganzen Gesellschaft.

Seit über zehn Jahren motiviere der Verein die muslimischen Mitbürger, an Weihnachten ihren christlichen Nachbarn, Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen Weihnachtskarten zu schreiben oder sie zu beschenken. Sie würden sich sicherlich freuen, von christlichen Freunden zum Ramadan oder Annäherungsfest eine Grußkarte zu erhalten.

Seit mehr als zehn Jahren bringe die Brücke Christen und Muslime zum Fastenbrechen zusammen. Dasselbe Konzept könnte auf Weihnachten übertragen werden. Interessierte laden Muslime zu sich ein, die dann einen Einblick in eine einheimische Familie und Weihnachtsfeier bekommen. Dieser kann kurz nach Weihnachten oder auch im neuen Jahr stattfinden. Bislang haben nur wenige Familien Bereitschaft signalisiert.

Der Verein wünscht sich einen Kooperationspartner/Kirchenvertreter, um dieses Projekt zu erweitern.