Gegenwartsmusik von Frauen in Obertsrot

Gernsbach (eah) – Beim Kammermusik-Festival von Frauen wird mit Unterstützung der Baden-Württemberg-Stiftung im Kirchl Außergewöhnliches dargeboten.

Mit einem Experiment, bei dem Quarzsand rieselt, solange die Musik spielt, startet das dreiteilige Kammermusik-Festival im Obertsroter Kirchl. Foto: Eckehard Hilf

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Mit einem Experiment, bei dem Quarzsand rieselt, solange die Musik spielt, startet das dreiteilige Kammermusik-Festival im Obertsroter Kirchl. Foto: Eckehard Hilf

Warum findet Gegenwartsmusik immer nur wenige Liebhaber? Keine Antwort ist leichter und keiner würde mehrheitlich widersprochen: Die Wenigen sagen einfach: „Man ist sie nicht gewohnt.“ Die Mehrheit antwortet, es liege an der Musik, sie sei verkehrt, schräg, störend, zerrissen, gesundheitsschädlich und dergleichen mehr. Dennoch wird sie aufgeführt und hat seit mindestens hundert Jahren diesen Ruf. Denn Musik spielt immer in der Gegenwart, zitiert Vergangenes und lässt Zukünftiges erklingen. Bei Kultur im Kirchl Obertsrot war am ersten Abend im diesjährigen Kammermusik-Festival unter der musikalischen Leitung von Bettina Beigelbeck die Komponistin Kathrin A. Denner zu Gast. Mit dem aus Bulgarien stammenden, in Deutschland, zuletzt Karlsruhe ausgebildeten und international konzertierenden Oboisten Petar Hristov erlebte ein intimer Zuhörerkreis ein Feuerwerk hörbar gewordener Zeit.

In ein etwa zwei Meter hohes, angestrahltes Holzgerüst schüttete zu Anfang Hristov vier Eimer feinsten Sandes, der sich alsbald (wie sich am Ende herausstellte) zu einem die Konzertdauer haltenden, weißen Faden verdichtete und auf einer schwarzen Bodenplane einen vulkanartigen Kegel entstehen ließ, der ab und zu seine Sandmassen in vier Areale abrutschen ließ, um immer seine langsam anwachsende Gestalt einzuhalten.

Während der ersten Minuten hörte man ein Hintergrundgewusel, das sich nach und nach deutlicher als „gewollt“ herausstellte. Die Komponistin saß in unauffälligem Dunkel vor der Theke und bediente diese Klänge. Die Oboe hatte inzwischen ihr erstes Stück erklingen lassen, dessen Ende ebenso wenig voraussehbar war wie sein zufälliger Anfang. Es schien, als wolle Hristov erst mal sein Instrument ausprobieren. Nichts anderes vollbrachte er während des Abends in allen Lagen und „Registern“, was bei der Oboe Klappen sind, deren einige wieder feine Löcher aufweisen. Mit allen Effekten und Kunststücken trat dieses Musikwerkzeug in „Zwischenspiel“ genannten Passagen in Erscheinung und wurde während einer der immer eingesprochenen, als „engrave“ bezeichneten Texte beschrieben.

Wenn Zeit endet, gibt es auch keine Zugabe

Wer genau hin hörte, konnte dem dabei unterschwellig anwesenden Humor nicht entgehen: „Zu weiteren Auskünften wenden Sie sich an den Oboisten oder die Oboistin Ihres Vertrauens!“ Zur humoristischen Ausstattung gehörte freilich auch der Schluss. Eine Ansage ließ wissen, das Konzert sei nun zu Ende, aber man möge noch Geduld haben, bis der Sand durch die Uhr abgelaufen sei. Dann eine mamboartige Warteschleifenmusik, der die Oboe, auf dem Stuhl sitzend, ab und zu hinterher spielte.

Einige Male wurde die Geduld erschmeichelt, bis dann endlich der Zeitsandstrahl dünner, zittriger wurde und in einem breiten Bandstrahl versiegte. In den Beifall hinein erholte er sich noch einmal, was natürlich erfolglose „Zugabe“-Rufe hervorlockte. Will sagen: Wenn Zeit endet, gibt es auch keine Zugabe, natürlich auch keine Pausen.

Die Komponistin hatte im geöffnetem Flügel elektronische Hilfsmittel installiert, die es ihr ermöglichten, mit Klöppel angeriebene Saiten variant erklingen zu lassen. Ab und zu drückte sie auch eine Taste, deren Ton in derselben Weise traktiert wurde, während nebenan die Oboe weitere Kunststücke vollführte. Dieses „Insonia (2018/19)“ genannte vierte Zwischenspiel sollte eigentlich auf Drehleier aufgeführt werden, die zur Ansicht im Hintergrund ruhte und nach dem Konzert noch vorgeführt wurde. Sie war als Ersatz für das als nicht vorhanden gedachte Klavier vorgesehen.

Wieder einmal eine Sternstunde

Im davor liegenden dritten Zwischenspiel, „Lichtungen (2019), Blockflöten“ erklang eine von Denner komponierte Aufnahme mit Carolin Elena Fischer und Junge Philharmonie Karlsruhe (Leitung: Christoph Müller), bevor Hristov zwischen seine Oboenkunst auch seine Kopfstimme zu einem Text von Oskar Kokoschka einsetzte („Rot Fischlein, Fischlein Rot, 2020“).

Die weiteren textlichen Engramme enthielten mehr oder weniger deutliche Auseinandersetzungen mit den Aufgaben der Musik oder Kunst im Dienste der Gesellschaft, warum man komponiere, ja warum? „Ich liebe Klänge“, sagt sie uns deutlich, und „das Nachdenken, wie sie sich aufeinander beziehen.“ Musik ist – wie alle Kunst – Beziehung, aber in erster Hinsicht in dem angebotenen Format, auf der Leinwand, im Text, in der Struktur einer Komposition. Demgegenüber steht der Irrtum, dass Kunst mit Beziehung zu der sie „konsumierenden“ Menge zu tun habe. Hat sie nicht, ist aber eine Folge ihrer „Schönheit“, wenn man so will. Deshalb braucht sie mitunter erheblich lange, bis diese „Menge“ an ihr Gefallen findet. Opern wie „Carmen“, heute ein Mengenmagnet, blieb zu Lebzeiten ihres Schöpfers (Bizet) diese „Beziehung“ versagt. Für die neue Musik werden allein durch verbesserte Hygiene Voraussetzungen geschaffen, dass ihr Mengenerfolg noch von den sie Erschaffenden erlebt werden könnte. Allerdings könnten da schon 200 Jahre notwendig werden.

Von der Darbietung her war dieser Abend im Kirchl wieder einmal eine Sternstunde. Technisch und menschlich eine gelungene Veranstaltung. Die Atmosphäre in diesem Raum war vorzüglich. Dank der Beleuchtung war der Auftritt auch ein optisch ästhetischer Erfolg. Die Baden-Württemberg Stiftung machte es möglich.


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