Geht den Tätowierern die Farbe aus?

Gaggenau (BT) – Ein Verbot von Konservierungsstoffen und Bindemittel verunsichert die Branche auch im Murgtal.

Meist in Schwarzweiß: Arianit Ademi tätowiert in seinem Red&Black-Studio fast ausschließlich monochrome Werke. Foto: Arianit Ademi

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Meist in Schwarzweiß: Arianit Ademi tätowiert in seinem Red&Black-Studio fast ausschließlich monochrome Werke. Foto: Arianit Ademi

Ein Tattoo bleibt ein Leben lang. Mit etwa 120 Stichen pro Sekunde wird die Farbe beim Tätowieren in die Dermis, eine untere Hautschicht, befördert. Mit der Farbpracht unter der Haut könnte es aber bald vorbei sein. Die EU-Kommission verbietet zu Beginn des Jahres 2022 Konservierungsstoffe und Bindemittel, die in vielen Tattoofarben enthalten sind. Zudem werden ab 2023 die Farbpigmente „Blue 15:3“ und „Green 7“ verboten. Das stellt Tattoostudios vor große Herausforderungen.

Sascha de Jonge vom Akasha Tattoo Studio in Gaggenau muss im neuen Jahr auf viele seiner Farben verzichten: „Bis jetzt habe ich nur eine Flasche weiße Farbe, die ich im nächsten Jahr verwenden darf.“ Doch mit der Qualität der noch verbliebenen Farbe ist er nicht zufrieden. Mit dem Verbot der beiden Pigmente fielen de Jonge zufolge etwa 60 Prozent aller Buntfarben weg, doch die Verordnung insgesamt betreffe circa 95 Prozent aller Farben – auch schwarze und weiße Farbtöne.

Alternativen gebe es kaum. Daher gestalte sich auch der Materialeinkauf sehr schwierig: „Jetzt heißt es sitzen, warten und hoffen.“ Die Änderung der sogenannten Reach-Verordnung hat unter anderem das Ziel, die Farben besser zu regulieren und sicherer zu machen. Viele Chemikalien werden daher beschränkt und verboten. De Jonge hält das für „pure Politik“. Selbst Ärzte hätten bisher keine Belege für die Gefahr von Tattoofarben gefunden.

Hautärztin rät vom Tätowieren ab

Auch deshalb hat er wie viele weitere seiner Kollegen eine Petition mit dem Namen „save the pigments“ unterschrieben. Diese fordert den Erhalt der beiden Farbpigmente. Arianit Ademi hat auch unterzeichnet. Er tätowiert bei Red & Black Tattoo Ink in Gaggenau. Dort ist man allerdings schon etwas besser gewappnet.

„Glücklicherweise hat mein Zulieferer schon vorher auf andere Farben umgestellt“, erzählt Ademi. Daher sind seine Farben bereits mit der Verordnung vereinbar. Er tätowiert hauptsächlich in Schwarz und Weiß. Für diese Farbtöne gibt es bereits einige Anbieter, die die Farben Reach-konform auf den Markt bringen. Dennoch versteht er die Probleme seiner Kollegen. Auch er kann die Verbote nicht nachvollziehen. „Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die Risiken beweist“, sagt er. Wie de Jonge habe auch Ademi in all den Jahren nie von größeren gesundheitlichen Problemen durch die Tattoofarben gehört.

Tatsächlich ist das Gebiet der Tattoofarben ziemlich unerforscht. Wo genau die Tattoofarbe im Körper hingelangt, ist nicht klar, sagt Angela Teichler, Fachärztin in der „Hautpraxis Gaggenau“. Aber: „Die Farbe wird in den Lymphbahnen abtransportiert und man findet Farbpartikel im Lymphsystem.“ Außerdem behandelt Teichler immer wieder gesundheitliche Folgen von Tattoos. Tätowieren stelle eine unnötige Verletzung der Haut dar, selbst das Schwitzen könne gestört werden. Zudem entstünden beim Entfernen der Tattoos mit einem Laser weitere Gefahren. „Die Pigmente werden versprengt“ und gelangten so in tiefere Hautschichten. Und es komme bei dem Prozess zur Narbenbildung. Weitere Gefahr: „Eventuell lassen sich durch Tattoos bösartige Hautveränderungen nicht diagnostizieren.“ Daher empfiehlt sie: „Lassen Sie sich nicht tätowieren.“

Bei Ademi von Red & Black Tattoo gibt es trotzdem viele Anfragen, auch für farbige Tattoos. Diese Kunden muss er erst einmal vertrösten. De Jonge vom Akasha Tattoo Studio geht zwar davon aus, dass die angekündigten Reach-konformen Farben einigermaßen pünktlich auf den Markt kommen. Dennoch sei das eine starke Änderung mit komplett neuen Farben. „Wahrscheinlich hat es am Ende weniger Auswirkungen auf die Tätowierer, sondern eher auf die Kunden“, vermutet er. Diese müssten dann eventuell mit schneller verblassenden Tattoos auskommen.

Reach-Verordnung gilt seit 2007

Das englische Reach steht für Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe. Es gibt die Verordnung seit Juni 2007. Sie gilt in allen EU-Mitgliedsstaaten und soll das Chemikalienrecht vereinfachen und in den Mitgliedsstaaten angleichen.

Die Petition: Michael Dirks und Erich Mähnert reichten die Petition „save the pigments“ im März 2021 ein. Darin fordern sie den Erhalt der Farbpigmente „Blue 15:3“ und „Green 7“. 167.000 Menschen unterzeichneten die Petition bereits. Sie ist weiterhin offen für Unterstützer.

Ihr Autor

Silas Grittmann

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Erstellt:
29. Dezember 2021, 12:51 Uhr
Lesedauer:
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