Geimpft, genesen, ausgeschlossen

Gaggenau (stj) – Eine Ottenauerin fällt bei der aktuellen Corona-Verordnung durchs Raster. Obwohl sie doppelt geimpft und genesen ist, verfügt sie über kein aktuell gültiges Zertifikat.

Zutritt nach 2G-Regel: So einfach ist es manchmal selbst für die nicht, die den Status erfüllen. Foto: Axel Heimken/dpa

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Zutritt nach 2G-Regel: So einfach ist es manchmal selbst für die nicht, die den Status erfüllen. Foto: Axel Heimken/dpa

Aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen gilt in Deutschland nach wie vor für viele öffentliche Bereiche die 2G-Regel. So benötigt man in Baden-Württemberg einen Impf- oder Genesenennachweis, also ein digitales Impfzertifikat, um zum Beispiel Essen gehen zu können. Doch so einfach ist das mitunter nicht. Im Zuge sich stetig ändernder Verordnungen hat sich ein Regel-Wirrwarr entwickelt, das oft schwer zu verstehen ist und das immer noch nicht jeden Einzelfall abdeckt. Das zeigt ein Beispiel aus Ottenau.

Reinhard Mörmann schildert dem BT den Fall seiner Ehefrau. Sie ist doppelt geimpft und genesen, trotzdem verfügt sie über kein aktuell gültiges Zertifikat, weil die jeweiligen Fristen überschritten sind. Sie wollte sich längst boostern lassen, hat bisher aber darauf verzichtet, weil Hausarzt und Impfzentrum zunächst davon abgeraten haben, weil nach wie vor genug Immunität vorhanden sei, erzählt Mörmann. Dies habe sich aus einem Antikörpertest ergeben.

Booster aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen

Wegen des unklaren Impfstatus hat sich das Ehepaar aus Ottenau an das Landesgesundheitsamt in Stuttgart gewendet. Antwort: Da könne man momentan nichts machen! Reinhard Mörmann kann mit seiner Frau also keine Gastronomie aufsuchen, obwohl sie nachweislich über genügend Antikörper verfügt und ihr ein Booster bislang aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen wurde. Man fühle sich „geimpft, genesen, ausgeschlossen“, fasst Mörmann zusammen. Das Landratsamt Rastatt bestätigt den Sachverhalt auf Anfrage dieser Zeitung: „Es gibt inzwischen so viele unterschiedliche Situationen, da ist nicht jeder Einzelfall abgedeckt“, erläutert die Pressestelle der Behörde. Ihr seien diesbezüglich die Hände gebunden: Bei der Corona-Verordnung handele es sich um rechtliche Vorgaben, da könne kein Gesundheitsamt eine Ausnahme machen.

Ob man beim Nachweis einer entsprechenden Immunität über einen Antikörpertest den Genesenen-Status in solchen Fällen verlängern kann oder ob es als Option nicht grundsätzlich sinnvoll wäre, den Status im Bedarfsfall durch Antikörpertests anpassen zu können, müsse auf politischer Ebene diskutiert werden. Eine eigene Einschätzung wollte das Rastatter Gesundheitsamt zu diesen Fragen nicht abgeben.

Immerhin dürfte sich das Problem des Ottenauer Ehepaars bald aus zweierlei Gründen erledigt haben: Zum einen wird aktuell in ganz Deutschland – auch in Baden-Württemberg – eifrig über weitere Corona-Lockerungen diskutiert; zum anderen hat Reinhard Mörmanns Ehefrau inzwischen doch einen Booster-Termin vereinbart.

Stichwort

In Baden-Württemberg gelten laut aktueller Verordnung der Landesregierung generell alle Menschen, die eine dritte Dosis nach einer vollständigen Immunisierung von Biontech, Moderna oder Astrazeneca erhalten haben, als geboostert. Unmittelbar nach der Booster-Impfung sind diese Personen von der Testpflicht bei 2G-Plus befreit. Von der zusätzlichen Testpflicht sind in Baden-Württemberg auch alle Personen ausgenommen, die „nur“ vollständig geimpft sind, wenn die letzte erforderliche Einzelimpfung mindestens 14 Tage und nicht mehr als drei Monate zurückliegt. Johnson & Johnson-Geimpfte brauchen eine zweite Impfung, idealerweise mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna), damit der vollständige Impfschutz vorliegt. Genesene gelten in Baden-Württemberg ohne Impfschutz als geboostert im Sinne der Testpflicht, wenn deren PCR-Test nicht älter als drei Monate ist. Oder, die Impfung liegt bei dem Genesenen nicht länger als drei Monate zurück. (BT)

Zum Thema

Empfehlenswert sei ein Antikörpertest vor allem bei Menschen, die eine Immunschwäche haben oder die Medikamente einnehmen, die die Funktion des Immunsystems mindern (Immunsuppressiva). „Das ist etwa bei Organtransplantierten der Fall, auch bei schweren Rheuma-Erkrankungen werden häufig stark wirkende Immunsuppressiva eingenommen. Auch für Menschen mit Erkrankungen wie HIV, die das Immunsystem einschränken, kann die Bestimmung des Antikörper-Titers sinnvoll sein“, sagt Dr. Matthias Orth, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Marienhospital Stuttgart. Denn wenn bei den Betroffenen der Antikörper-Titer sehr niedrig ist, können sie zur Sicherheit frühzeitig aktiv werden – etwa, indem sie sich eine Auffrischungsimpfung verabreichen lassen oder besonders vorsichtig sind. Der Titer ist ein Maß für die Anzahl bestimmter Antikörper im Blut. Wer nicht geimpft ist und meint, er habe eine Corona-Infektion durchgemacht, kann mit Hilfe des Antikörpertests erfahren, ob dem tatsächlich so war. Für alle anderen gelte: Den Antikörper-Titer zu kennen, kann informativ sein, es sollte aber keine Auswirkungen haben auf das Verhalten im Alltag – denn eine verbindliche Aussage über den Schutz vor einer Corona-Infektion lasse ein Antikörpertest nicht zu. Quelle: Apotheken-Umschau

Ihr Autor

BT-Redakteur Stephan Juch

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Erstellt:
9. Februar 2022, 20:30 Uhr
Lesedauer:
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