Der Geist der Freiheit ist unter Druck

Lyon (kli) – Seit Jahren beschäftigt der Islamismus Frankreich. Das Thema zieht eine Blutspur von Bataclan bis Nizza. Zwei, die sich dem interreligiösen Dialog verschreiben, geben dennoch nicht auf.

Passanten gehen an Blumen vorbei, die anlässlich des 5. Jahrestages der Anschläge vom 13. November 2015 vor der Pariser Konzerthalle Bataclan abgelegt wurde. Foto: Francois Mori/AP/dpa

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Passanten gehen an Blumen vorbei, die anlässlich des 5. Jahrestages der Anschläge vom 13. November 2015 vor der Pariser Konzerthalle Bataclan abgelegt wurde. Foto: Francois Mori/AP/dpa

Die islamistischen Anschläge haben Frankreich geschockt. Die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty, der tödliche Angriff in einer Kirche in Nizza, der Angriff auf einen Priester in Lyon zeigen: Der islamistische Terror ist zurück. Seit den Massakern im Konzertsaal Bataclan in Paris vor fünf Jahren zieht sich eine Blutspur des islamistischen Terrors bis heute. Zwei, die seit Jahrzehnten für ein Miteinander der Religionen in Frankreich kämpfen, lassen sich von solchen schrecklichen Taten nicht entmutigen.

„Der Kampf um Geschwisterlichkeit ist nie gewonnen“, sagt der katholische Priester Christian Delorme. „Ich könnte jeden Tag weinen. Aber das führt zu nichts“, sagt Azouz Begag, Soziologe und ehemaliger Minister für Chancengleichheit.

Begag und Delorme leben beide in Lyon. Sie haben in den 80er Jahren zusammen ein Buch geschrieben: „Quartier sensibles“, in dem sie für die Integration der jungen Muslime in den französischen Vorstädten werben: für eine Integration, die beiden Seiten etwas abverlangt. Darüber hielten sie zahlreiche Vorträge in Schulen, an ihrer Lebenseinstellung halten die beiden bis heute fest – auch wenn der islamistische Terror das Land überrollt.

„Die Leute stürzen sich nicht in Panik“

Der Priester Christian Delorme. Foto:privat

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Der Priester Christian Delorme. Foto:privat

„Die allermeisten Franzosen können gut zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. Die Leute stürzen sich nicht in Panik“, sagt Delorme anerkennend. Dennoch müsse man sehr wachsam sein, denn das Ziel der Terroristen sei es, Angst zu erzeugen. Bisher ließen sich die allermeisten Franzosen aber nicht auseinanderdividieren und das sei gut so, befindet Delorme. Jede Begegnung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen trage zum besseren gegenseitigen Verständnis bei.

Woher kommt der Hass, der sich in tödlichen Anschlägen ergießt? Die Politik, lautet Delormes Analyse, habe in den vergangenen 40 Jahren Fehler gemacht. „Die Politiker dachten, wenn sie den Islamismus anprangern, würden sie alle Muslime stigmatisieren. Sie hatten Probleme damit, das Böse zu benennen.“ Das sei falsch gewesen, und damit mache die Regierung von Präsident Emmanuel Macron nun Schluss. Macron benenne den Islamismus als Gefahr für die Französische Republik. „Ich denke, das ist notwendig“, meint der Priester. „Muslime müssen lernen, dass ihre Religion krank machen kann, dass sie vom politischen Islam als Geisel genommen wurde.“ Bisher hätten viele Muslime gesagt: Der Terror, das sei nicht der Islam. Man müsse aber verstehen: „Alle Religionen sind anfällig dafür, missbraucht zu werden.“ Das Christentum über Jahrhunderte hinweg natürlich auch.

Um einen zentralen Begriff kreisen beide Dialogiker: den Begriff der Meinungsfreiheit. Für Begag ist das ein Grundproblem: „Die fast zwei Milliarden Muslime auf der Welt verstehen den Begriff Meinungsfreiheit nicht, sofern er ihre Religion betrifft.“

Immer wieder erklären

Karikaturen gehörten nun mal zur Meinungsfreiheit, man müsse aber vorsichtig mit ihnen umgehen, so Delorme. „Sie gehören zu unserer Geschichte und Demokratie, aber man muss das erklären.“ Man müsse nicht unbedingt mit Karikaturen andere schockieren. Delorme fordert ein sensibles Herangehen. Und immer wieder den Geist der Republik zu erklären.

Der Soziologe Azouz Begag. Foto: Astrid di Crollalanza/privat

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Der Soziologe Azouz Begag. Foto: Astrid di Crollalanza/privat

Dem pflichtet auch Begag bei. Karikaturen über den Propheten würden von vielen Muslimen wie ein Streichholz im Ölfass wahrgenommen. Begag spricht von „Gott-Verrückten“ („fous de Dieu“). Diese würden ihre ganze Identität über ihren Glauben definieren. Viele von ihnen seien bereit, Beleidigungen des Propheten zu rächen.

Genauso erklärungsbedürftig sei der zweite zentrale Begriff, jener der Laizität, der strikten Trennung von Staat und Kirche, die in Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt wurde. „Das ist ein juristischer und philosophischer Rahmen, der das Zusammenleben erleichtert“, so Delorme. Man habe aber seit 40 Jahren versäumt, die Laizität zu erklären. Dabei sei die Republik den Religionen gegenüber nicht feindlich eingestellt. Aber man trenne eben strikt beide Bereiche. Auch Begag hält dieses Prinzip hoch. Religion ist für ihn Privatsache. „Wenn ich in Schulen referiere, dann stelle ich mich als Schriftsteller vor, nicht als Muslim.“

Trostlos in den Vorstädten

Womit der Terrorismus zusammenhängt, wissen Fachleute seit Langem: Die trostlose Situation in den französischen Vorstädten fördert Gewalt, ohne dass sie solche Verbrechen rechtfertigen würde. Dort hätten zehn Prozent der Leute keine Jobs, keine Bildung. Sie leben von Staatshilfen. „Keine Regierung hat es bisher geschafft, das zu verbessern, egal ob sie rechts oder links geführt war“, meint Delorme. Keine Regierung habe die Dringlichkeit des Problems erkannt.

Delorme befürchtet: „Es wird noch viele weitere Attentate geben. Das gehört zur Strategie eines Teils der Akteure in der islamischen Welt.“ Eines macht ihm allerdings Hoffnung: Die meisten der jüngsten Anschläge seien von Menschen verübt worden, die nicht in Frankreich aufgewachsen, sondern erst vor Kurzem in das Land gekommen sind. „Mit etwas Glück können wir den Islamismus in Frankreich austrocknen“, hofft er.

Delorme ist wichtig: Die Mehrzahl der Muslime sei „mehr Schutz als Gefahr für die Demokratie“. Sie seien genauso beunruhigt vom Terror, in großer Sorge um den Erhalt der Demokratie.

Integration läuft über die Schule

Was also hilft? Begag setzt auf Bildung. Er ist Anhänger des republikanischen Modells. Integration laufe über die Schule. „Ich fühle mich französisch. Ich liebe den kritischen Geist, das persönliche Denken, den Geist der Freiheit, auch der Meinungsfreiheit“, sagt Begag. Alles das werde an den Schulen gelehrt. „Wir müssen genau das fortsetzen, das ist eine grundlegende Arbeit. Es geht darum, andere Meinungen zu respektieren. Zu wissen: Man führt die Debatte mit Worten, nicht mit Messern.“

Begag nimmt aber auch die französische Politik und die Mehrheitsgesellschaft in die Pflicht. Man habe Muslime seit Jahrzehnten als Gefahr für die Franzosen dargestellt. Das habe dazu geführt, dass sich junge Muslime erst recht ihrer Religion zuwenden. Sie müssten Vertrauen in den Staat entwickeln. Wenn man ihnen sage, Rassismus werde bestraft, dann müsse das auch gelten. Leider hätten die Parteien den Diskurs der extremen Rechten übernommen. „Wenn Sie in Frankreich Wahlen gewinnen wollen, müssen Sie streng gegen den Islam argumentieren“, so Begag. Der Hass gegen den Islam sei eine Realität. „Die Leute sagen, sie seien gegen den Islamismus, aber sie lehnen den Islam ab. Ganz einfach, weil sie keine verschleierten Frauen wollen.“ Frankreich habe seit 1830, seit der Kolonialisierung Algeriens, ein Problem mit dem Islam.

Begag war von 2005 bis 2007 Minister für Chancengleichheit. Dabei sei es ihm wichtig gewesen, der Öffentlichkeit zu zeigen, was Muslime alles können. „Gibt es erfolgreiche Araber nur im Sport?“, fragt Begag zugespitzt. Fußballer wie Zinedine Zidane oder Mbappé? Nein, es müsse in Frankreich auch muslimische Minister, Premierminister und eines Tages auch Präsidenten geben. „Ich habe durch meine Ministertätigkeit den Medien jeden Tag gezeigt, dass das Land bunt ist.“ Offenbar nicht nachhaltig genug. Begag bedauert: Frankreich habe 200 Botschafter in der Welt. Nicht einer von ihnen sei Muslim.

Auch positive Erfahrungen

Beiden, Delorme und Begag, ist wichtig, auch positive Entwicklungen wahrzunehmen. In den Vorstädten passiere schon eine Menge Gutes, weiß Delorme. Und Begag sagt: „Dass eine Million junge Muslime das Abi schaffen, interessiert niemanden. Anders ist es, wenn ein Verrückter Menschen tötet.“ Beide sehen, dass noch viel zu tun ist. Sie lassen sich nicht entmutigen. Schon allein, weil sie wünschen, dass ihr Ansatz nicht vergeblich war. Es sei eben eine Daueraufgabe, den Dialog der Religionen zu fördern. Delorme und Begag leben es vor, stehen dafür ein. Sie wollen nicht, dass das, was sie seit 40 Jahren predigen und leben, umsonst gewesen ist. Die Anschläge sind schrecklich. Aber für Delorme und Begag sind es keine Rückschläge.

Zur Person

Christian Delorme (70) ist in Lyon geboren und seit 1978 katholischer Priester. Er setzt sich stark für den interreligiösen Dialog ein, speziell zwischen Christen und Muslimen. In den 70ern unterstützte er Prostituierte, die im Kampf um ihre Rechte eine Lyoner Kirche besetzt hielten. Seit den 60er Jahren engagiert er sich für Einwanderer aus Nordafrika. Als jugendliche Migranten 1981 aus ihren Wohnungen in den Lyoner Vorstädten vertrieben werden sollten, organisierte Delorme einen Hungerstreik. 1983 initiierte er den frankreichweiten Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus.

Azouz Begag (63) ist in Lyon geboren. Seine Eltern wanderten 1949 aus Algerien ein. Er ist Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller. 2005 bis 2007 war er Minister für Chancengleichheit und damit erster Franzose maghrebinischer Abstammung mit einem Regierungsamt. Er veröffentlichte mehr als 20 Bücher, einige von ihnen thematisieren die Diskriminierung der nicht-weißen Bevölkerung Frankreichs.

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Erstellt:
14. November 2020, 10:30 Uhr
Lesedauer:
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