Geisterrennen als Lichtblick und Kostenfaktor

Iffezheim (fk) – Zwölf Rennen sind pro Tag am Samstag, 23. Mai, und Sonntag, 24. Mai, beim Frühjahrsmeeting in Iffezheim geplant – ohne Zuschauer. Wirtschaftlich wird das für Baden-Racing kein Erfolg werden, aber sportlich und aus zuchttechnischer Sicht sei das Meeting aber unabdingbar, sagt Geschäftsführerin Jutta Hofmeister (Foto: Krekel) im BT-Interview. Man würde tatsächlich besser damit fahren, das Frühjahrsmeeting abzusagen, „denn die momentane Planung geht davon aus, dass wir ein gehöriges Minus erwirtschaften“, so Hofmeister. Die Hoffnungen ruhen entsprechend auf Onlinewetteinsätze, Sponsoren sowie vor allem auf der Unterstützung der Gesellschafter sowie des Verbandes und der Besitzer. Für die Großen Woche hofft Hofmeister wieder auf mehr Normalität.

Vor gänzlich leeren Rängen werden die 24 Rennen an den zwei Tagen des Frühjahrsmeetings stattfinden. Foto: Krekel

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Vor gänzlich leeren Rängen werden die 24 Rennen an den zwei Tagen des Frühjahrsmeetings stattfinden. Foto: Krekel

Die Atmosphäre wird wahrscheinlich etwas Gespenstisches haben, wenn die Weltklassegalopper beim Frühjahrsmeeting in Iffezheim vor leeren Rängen über die Bahn donnern. Am Samstag, 23. Mai, und Sonntag, 24. Mai, sind jeweils zwölf Rennen geplant, darunter vier der züchterisch und sportlich besonders wertvollen Gruppe-Prüfungen. Mitgefiebert und gewettet werden kann aber nur vor den heimischen Bildschirmen. Was das wirtschaftlich für den Galoppveranstalter Baden-Racing bedeutet und weshalb die Rennen aus sportlicher Sicht trotzdem dringend nötig sind, darüber hat sich Baden-Racing-Geschäftsführerin Jutta Hofmeister mit BT-Redakteur Florian Krekel unterhalten.

BT: Frau Hofmeister, der ganze Sport war oder ist im Lockdown, nur das Vorzeige- und Milliardengeschäft Fußballbundesliga geht erstmal wieder an den Start. Warum gibt es dann bundesweit schon seit Tagen Pferderennen?

Jutta Hofmeister: Der Deutsche Galopprennsport darf seit letzter Woche unter strengen Auflagen wieder Rennen veranstalten – aber ohne Zuschauer. Wir sprechen von Leistungsprüfungen. Das ist auch der wesentliche Unterschied zum Fußball. Bei uns geht es nicht um das frühzeitige Vergnügen von Galoppsportfans an den Bildschirmen, sondern unsere Daseinsberechtigung basiert auf dem Tierzuchtgesetz. Heißt: Um das deutsche Vollblut zu züchten, müssen regelmäßig Leistungsprüfungen durchgeführt werden. Die Galopprennen sind also nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis, und deswegen sind wir froh, dass es dem deutschen Galoppverband gelungen ist, diese Notwendigkeit auch in der Politik zu adressieren. In einigen Bundesländern gibt es schon seit letzter Woche grünes Licht, vier Renntage mit Leistungsprüfungen ohne Zuschauer wurden veranstaltet. Wir erwarten für Baden-Württemberg bis spätestens 15. Mai auch die Erlaubnis zur Durchführung der Rennen.

BT: Das heißt, diese Erlaubnis gibt es noch gar nicht?

Hofmeister: Nein, in Baden-Württemberg noch nicht. Deshalb musste ein geplanter Renntag am Dienstag in Mannheim auch noch ausfallen. Wir haben sehr früh mit der Politik das Gespräch gesucht, angefangen bei der Gemeinde über Landtagsabgeordnete bis hin zur zuständigen Ministerin, Susanne Eisenmann. Daher sind wir zuversichtlich, dass wir die Erlaubnis bekommen werden, aber die Regelungen werden erst am morgigen 15. Mai verabschiedet. Die Vorbereitungen bei uns laufen aber schon auf Hochtouren.

BT: Das bringt uns zum nächsten Punkt. Die Arbeiten für das sportliche Event laufen wie eh und je, die Kosten also auch. Und Christi Himmelfahrt war traditionell einer der besucherstärksten Tage auf der Bahn. Durch die Geisterrennen bricht auf finanzieller Seite also einiges weg. Wie verkraftet Baden-Racing das wirtschaftlich?

Hofmeister: Wir veranstalten die beiden Tage nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wir würden tatsächlich besser damit fahren, wenn wir sie absagen würden, denn die momentane Planung geht davon aus, dass wir ein gehöriges Minus erwirtschaften. Es sei denn – das ist die kleine Hofffnung – wir werden überollt mit Wetteinsätzen von Außen, die online getätigt werden. Geht man von einem normalen Wetteinkommen aus, wird sich unsere finanzielle Misere durch die Renntage aber nicht verbessern – dennoch: Es ist eine Notwendigkeit. Alle Beteiligten müssen dafür Federn lassen. Auch die Preisgelder wurden halbiert. Für diejenigen, die von diesem Sport leben, bringen die Renntage wenigstens ein Stück Normalität und ein paar Einnahmen. Innerhalb der Galoppsportszene war deshalb früh klar, dass die großen Standorte einfach mitziehen müssen und Rennen veranstalten werden.

BT: Ist das dann sportlich überhaupt von Wert?

Hofmeister: Ja. Sogar von gigantischem Wert. Wir haben an einem Wochenende vier Grupperennen. Das ist eine ungewöhnliche Häufung, die es nur bei uns gibt. Sportlich werden wir nächstes Wochenende hier die Creme de la Creme sehen. Deswegen hoffen wir auf die Wetter an den Livestreams, die auch wir kostenlos übertragen. Aber es bleibt trotzdem ein Stück weit traurig, ohne Zuschauer und damit ohne Flair auf der Rennbahn.

BT: Wie hoch ist denn der Verlust, den Baden-Racing auf finanzieller Seite erleidet?

Hofmeister: Ich sag mal so: Der prognostizierte Verlust bewegt sich in einem prominenten fünfstelligen Bereich, es sei denn die Wetter unterstützen uns intensiv.

BT: Wie gleichen Sie das aus?

Hofmeister: Wir hoffen wie gesagt auf die Wetteinsätze. Zum anderen mussten wir uns schon in den letzten Wochen einige Neuerungen einfallen lassen, um Geld zu generieren. Etwa die Rasenpatenschaft. Dort haben wir die 500 Quadratmetergrenze schon gepackt. Das ist Liquidität, die uns aktuell sehr weiterhilft. Das sind zwar kleine Bausteine, aber die brauchen wir auch. Und natürlich bedeutet die ganze Misere einen Kraftakt für unsere Gesellschafter, und wir können alle nur darauf hoffen, dass wir zur Großen Woche dann schon wieder mehr Normalität haben.

BT: Großveranstaltungen sind bis 31. August verboten. Also Große Woche um eine Woche nach hinten und alles gut?

Hofmeister: Die Große Woche wird sicher in den September verschoben – ob eine oder zwei Wochen ist noch offen. Da müssen wir auch auf den internationalen Rennkalender Rücksicht nehmen. Ob es eine Große Woche in voller Pracht geben wird, vermag ich noch nicht zu sagen. Wir müssen abwarten, wie sich die Corona-Pandemie und damit die Auflagen entwickeln. Wir gehen aber davon aus, dass es – vielleicht noch gedeckelt auf eine bestimmte Zuschauerobergrenze – möglich sein wird, die Große Woche mit Publikum zu veranstalten. Wenn das nicht machbar ist, werden wir die Anzahl Renntage sicher komprimieren müssen, so wie jetzt.

BT: Wenn das so klappt, wie Sie das jetzt skizziert haben, reicht das Baden-Racing zum Überleben?

Hofmeister: Wir haben nach wie vor unsere Gesellschafter, die sich unserer Rennbahn sehr verpflichtet und zugetan fühlen. Zudem bekommen wir in diesem Jahr auch Unterstützung seitens des Verbandes und seitens der Besitzervereinigung. Darüber hinaus sind wir intensiv im Dialog mit allen Sponsoren, die zum Teil selbst durch Corona in wirtschaftliche Probleme rutschen, und versuchen sie zu bewegen, uns erhalten zu bleiben. Das ist im Moment meine Hauptarbeit. Sie sehen, es braucht Unterstützung von allen Seiten, und es wird auch noch lange Aktionen und Themen wie die Rasenpatenschaften geben müssen, um vielen Menschen die Möglichkeit zu bieten, uns auch im kleinen unter die Arme zu greifen. Entscheidend ist es auch, die Region an uns zu binden und den Menschen klar zu machen, dass wir genauso wie Kultureinrichtungen jetzt mehr denn je ihre Unterstützung brauchen.

BT: Ist die jetzige Situation auch ein Zeichen an all die Sportpuristen, die seit Jahren den Eventcharakter bemängeln und am liebsten nur Sport hätten? Zeigt die Situation jetzt, dass Sport ohne Event nicht funktioniert, dass das eine das andere erst möglich macht?

Hofmeister: Beim Fußball beispielsweise ist man durch das Spielgeschehen zwei mal 45 Minuten gefesselt, mit einer kurzen Pause dazwischen. Im Galopprennsport ist das nicht möglich. Zwischen den Rennen ist eine halbe Stunde Freiraum, den wir für die Abläufe im Hintergrund brauchen. Absatteln der Pferde, Zurückwiegen der Jockeys, Vorstellung der Pferde im Führring, Aufgalopp zur Startmaschine und so weiter. Klar, gibt es die Puristen und Profiwetter, die in der Zeit die nächsten Wetten vorbereiten, aber für alle anderen müssen wir diese Lücke füllen. Das zeigt sich jetzt mehr denn je. Für die Rennen und den Livestream sammeln wir schon seit Tagen Bilder, Videoclips, Imagefilme, überlegen uns Interviewpartner und und und, um den Freiraum vor dem Bildschirm zu füllen – allgemein verständlich für Jedermann.

Das Gleiche machen wir mit dem Eventcharakter bei den normalen Galoppveranstaltungen auch. Wir bieten den Menschen, den Familien ein Pausenprogramm. Man muss hier das Gefühl der Kurzweil haben, auch zwischen den Rennen. Wir wollen und sind – das habe ich immer betont – keine Kirmes und sind auch kein zweiter Europa-Park, aber man kann eine Strecke von sechs, sieben Stunden an einem Renntag nicht nur mit Essen, Trinken und Galopprennen verbringen. Das ist heutzutage zu wenig, um möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Begeisterungsgraden an diesem Sport teilhaben zu lassen.

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Erstellt:
13. Mai 2020, 20:30 Uhr
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