Gelebte Inklusion zwischen Herd und Spüle

Rastatt/Baden-Baden (as) – „Maike startet durch“: In der BT-Serie über eine 26-Jährige mit kognitiver Entwicklungsstörung geht es diesmal um ihre Arbeit im Integrationsbetrieb „M10“ in Baden-Baden.

Alles muss picobello sein: Maike arbeitet als Küchenhilfe im Integrationsbetrieb „M10“. Foto: Dirk Flackus

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Alles muss picobello sein: Maike arbeitet als Küchenhilfe im Integrationsbetrieb „M10“. Foto: Dirk Flackus

Gewissenhaft richtet Maike Flackus die Salatteller: Rohkost und Blattsalate – das Arrangement ist vorgegeben. Die 26-Jährige strahlt voller Stolz. Man sieht ihr an, wie gut ihr die Arbeit als Küchenhilfe im „M10“ am Baden-Badener Marktplatz gefällt. Dort wird sie gebraucht und geschätzt – auch mit ihrer Entwicklungsverzögerung. Das bedeutet ihr viel.

Nicht einfach, einen Job zu finden


Dass sie den Job dort hat, ist für Maike ein Glücksfall. Denn „es gelingt nicht immer, Menschen mit Beeinträchtigungen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren“, weiß Gudrun Bihlmaier vom Fachbereich Pädagogik, Begleitung und Entwicklung der Werkstätten der Lebenshilfe Nordschwarzwald gGmbH (WDL). Das Café und Restaurant „M10“ ist ein Betrieb des Integrationsunternehmens Integra Mittelbaden gGmbH, einer Tochtergesellschaft der WDL. In Integrationsunternehmen werden zwischen 25 und 50 Prozent der Stellen von Menschen mit Behinderung besetzt. Solche Firmen bieten Möglichkeiten nach dem Sozialgesetzbuch IX, Menschen mit Behinderung dauerhaft beruflich zu integrieren.

Denn gerade für diese Gruppe ist es oft nicht einfach, einen Job zu finden, der fordert, aber nicht überfordert. „Dabei müssen sie genauso arbeiten wie alle anderen Mitarbeiter“, will Gudrun Bihlmaier keine Vorurteile aufkommen lassen. Das „M10“ ist ein Inklusionsbetrieb, in dem reguläre Mitarbeiter und solche mit Unterstützungsbedarf ein Team bilden. Es bietet vier „betrieblich integrierte Außenarbeitsplätze“, so lautet der Fachbegriff. Denn offiziell sind Maike und die drei anderen in der Werkstatt der Lebenshilfe angestellt.

„Sie macht ihren Job supergut“, weiß Bihlmaier von Maikes Kollegen, sei eine Bereicherung fürs Team und habe „meistens gute Laune“. Das bestätigt auch Maikes Chefin. Wenn das mal anders ist, erfahre man es auch sofort, erzählt sie. Im Unterschied zu den nicht behinderten Kollegen würden die „Handicapler“ direkt sagen, wenn sie schlecht gelaunt sind oder keine Lust haben. Unverblümt – „die verstellen sich nicht“, das habe sie anfangs erst lernen müssen.

Jobcoach begleitet die 26-Jährige

Maike arbeitet seit rund vier Jahren im „M10“. Spülen, den Salat anrichten, Rohkost schneiden oder dem Koch zuarbeiten – das alles macht sie genauso gern und gewissenhaft wie abends die Küche putzen. Zuvor hat sie wie alle anderen knapp zwei Jahre lang den Berufsbildungsbereich in der Werkstatt der Lebenshilfe in Rastatt absolviert. „Da wird geschaut, welche Talente die Einzelnen haben, wo man sie einsetzen könnte“, erzählt Bihlmaier.

Maike kam zunächst in die Werkstatt. Doch es war ihr zu eng und zu laut – „zu viele Menschen“, sagt sie. Bei einem Besuch im „M10“ entstand in der Familie die Idee, ob das etwas für die junge Frau sein könnte. Es folgte ein Praktikum, dann zunächst eine Beschäftigung an zwei Tagen pro Woche. Mittlerweile arbeitet die 26-Jährige im Schichtbetrieb 30 Stunden an fünf Tagen pro Woche. Die Anfahrt aus Ötigheim, wo sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit im Frühjahr in eine Dreier-WG im Appartementhaus der Lebenshilfe gezogen ist, meistert sie selbstständig mit S-Bahn und Bus. „Das klappt gut“, sagt sie selber.

Zur Begleitung im Inklusionsunternehmen gehört, dass Maike auch einen sogenannten Jobcoach hat. Der schaltet sich bei einem Motivationstief oder gravierenden Problemen ein, überprüft die immer auf zwei Jahre getroffenen Zielvereinbarungen für den Arbeitsplatz. Zudem muss alles dokumentiert werden – wie immer, wenn jemand staatliche Unterstützung erhält.

Gudrun Bihlmaier weiß, dass es „für viele Menschen mit Unterstützungsbedarf eine Bereicherung ist, integriert zu sein“. Deshalb hofft sie immer, dass sich Arbeitgeber bereiterklären, Menschen mit Handicap zu beschäftigen. Während der Pandemie seien viele solcher Beschäftigungsverhältnisse abgebrochen worden, erzählt Bihlmaier. Sie hofft, dass sich das nun langsam ändert und wieder mehr Außenarbeitsplätze angeboten werden.

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Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
27. Oktober 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 55sec

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