Gemischte Gefühle in der neuen Freiheit

Rastatt/Ötigheim (as) – „Maike startet durch“: In Teil zwei der neuen BT-Serie über eine 25-Jährige mit kognitiver Entwicklungsstörung steht die Schlüsselübergabe für die Lebenshilfe-WG an.

Schlüsselübergabe: Maike Flackus und Jonas Koch. Foto: Anja Groß

© as

Schlüsselübergabe: Maike Flackus und Jonas Koch. Foto: Anja Groß

Der große Tag ist gekommen: Jonas Koch von der Wohnleitung händigt Maike Flackus im Appartementhaus der Lebenshilfe in Ötigheim den Schlüssel aus, der eigentlich ein Chip ist, und zeigt ihr und ihrer Familie das neue Gebäude, das erst seit Februar bezugsfertig ist. Maike ist sehr still an diesem Nachmittag. Erst als Mutter Andrea sagt: „Also, mir gefällt es gut. Maike, wie ist es, willst Du einziehen, sonst mache ich das?“, lässt sie sich ein „Gefällt mir gut“ entlocken.

Dennoch ist spürbar, dass die 25-Jährige auch mit sich ringt. Noch sind die Eltern und der einjährige Pflegebruder, an dem sie sehr hängt, greifbar. „Es ist ja noch ein Zimmer frei“, hat die junge Frau mit Handicap dann auch eine Idee für ihre Mutter, und meint ganz praktisch: „Dann kannst Du hier den Haushalt führen.“ Alle lachen, bis auf Maike, und es wirkt, als wäre ihr Einwurf nicht nur als spaßige Replik auf die Frage ihrer Mutter gemeint gewesen. Schließlich gibt sie mit dem Auszug zu Hause auch ein Stück weit den schützenden Rahmen der Familie auf. Ob sie wirklich abschätzen kann, dass das auch neue Freiheiten mit sich bringt, ist nicht ganz klar – auch wenn die Eltern das immer wieder ermutigend in den Vordergrund stellen. Denn bei allem elterlichen Beschützerinstinkt, der für Kinder mit Behinderung vielleicht sogar noch ausgeprägter ist als sonst, steht für sie der Gedanke im Vordergrund, dass auch Maike ein Recht auf ein eigenständiges Leben hat.

Eltern wollen keinen Druck machen

Das Gespräch darüber, die neue Heimat Ötigheim auszukundschaften, scheint die 25-Jährige eher zu verunsichern – wie die ganze Situation. So steht auch noch nicht fest, wann Maike das erste Mal in ihrer ersten eigenen Wohnung übernachten wird. Die Eltern wollen keinen Druck machen – „in den nächsten Tagen“, heißt es vage. Am folgenden Wochenende soll zunächst das Zimmer eingerichtet werden. Maike hat sich Kiefernholzmöbel gewünscht, die die Eltern kurzfristig gebraucht gekauft haben und am Wochenende abholen können.

So erfährt es auch Maikes künftige WG-Mitbewohnerin, die gerade noch wischt und die großzügige Erdgeschoss-Wohnung mit offenem Küchen- und Wohnbereich samt Terrasse aufräumt, damit alles picobello ist. Vorerst werden die beiden fast gleichaltrigen jungen Frauen zu zweit dort wohnen, das dritte WG-Zimmer ist noch nicht belegt.

Die künftige Mitbewohnerin ist im Gegensatz zur eher ruhigen Maike sehr gesprächig. Auch sonst könnten sie sich gut ergänzen, mutmaßt Mutter Andrea, als sie erfährt, dass die Mitbewohnerin manchmal vergisst, Dinge wieder in den Kühlschrank zu stellen. „Da ist Maike hinterher, sie ist sehr ordentlich“, sagt die 54-Jährige. Der Rest wird sich im Alltag zeigen müssen – wie in jeder Wohngemeinschaft. Für Maike, die mit vier Geschwistern aufgewachsen ist, sei das für den Anfang eine bessere Wohnform, als ganz allein in die Selbstständigkeit zu starten, meinen die Eltern.

Weitere Unterstützung in der WG

Im Gegensatz zu anderen WGs gibt es für die Bewohner mit Handicap in Ötigheim allerdings weitere Unterstützung – fest zugeteilte Bezugsbegleiter als Ansprechpartner und Hilfe bei der Bewältigung des Alltags. Den individuellen Unterstützungsbedarf werde ihre Begleiterin mit Maike besprechen, kündigt Koch an.

Sechs Bezugsbegleiter arbeiten im Appartementhaus. „Zudem gibt es immer auch eine Zweitbegleitung, denn es kann ja mal sein, dass die Chemie nicht stimmt“, sagt Koch. Außerdem seien alle ansprechbar, die im Haus arbeiten. „Von Montag bis Samstag ist immer jemand da“, berichtet er, denn dort befindet sich auch das Büro für das begleitete Wohnen Rastatt, zu dem das Appartementhaus Ötigheim organisatorisch gehört. Außerdem gibt es einen Gemeinschaftsraum samt Küche für regelmäßige Angebote, die derzeit coronabedingt nicht stattfinden.

Eine Sofaecke samt Fernseher, Esstisch mit Stühlen und Terrassenmöbel gehören ebenso zur Grundausstattung der Wohnungen wie Waschmaschine und Trockner im Gemeinschaftskeller. Wo in ihrem 15 Quadratmeter großen Zimmer welche Möbel stehen sollen, weiß Maike noch nicht so genau. Während die Familie auf dem Sofa Probe sitzt und beratschlagt, nutzt der kleine Pflegebruder die große, noch freie Fläche zum Krabbeln – die offene Terrassentür fest im Blick. Doch die große Schwester erkennt die Absicht und schreitet sofort ein: Tür zu. Ihre Mitbewohnerin muss lachen und wirft dem Einjährigen zu: „So, da hast Du‘s.“ Maike lächelt. Die erste Schüchternheit scheint überwunden.

Die jungen Frauen schauen sich Maikes Badezimmer an. Alles ist behindertengerecht und barrierefrei eingerichtet – auch wenn Maike, die eine kognitive Entwicklungsstörung hat, das nicht benötigt.

„Die anderen sind schon sehr neugierig auf Dich“, sagt Jonas Koch zu Maike. Wenn sie einzieht, werden noch drei der insgesamt 16 Wohnplätze im Haus frei sein. Bewerber seien da, „aber das ist ein längerer Prozess“, erklärt Koch. Den hat die 25-Jährige schon durchlaufen – und muss nun nur noch umziehen.

Lesen Sie auch:

„Nesthockerin“ mit Handicap wird flügge

Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

Zum Artikel

Erstellt:
27. April 2021, 12:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 30sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.