Genossenschaften kümmern sich um die Nahversorgung

Baden-Baden/Stuttgart (tas) – Verkauf von Lebensmitteln, Betreuung von Kindern und Senioren, Gesundheits- und Pflegedienstleistungen – Kooperativen erschließen sich neue Geschäftsfelder

So wie hier in Jagsthausen entstehen auch an anderer Stelle kleine genossenschaftliche Dorfläden.Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

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So wie hier in Jagsthausen entstehen auch an anderer Stelle kleine genossenschaftliche Dorfläden.Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Kreditwirtschaft, Energieversorgung, Handwerk oder Landwirtschaft – in diesen Bereichen sind Genossenschaften traditionell sehr aktiv. Doch mit den allgemeinen Strukturveränderungen ergeben sich für die Kooperativen völlig neue Betätigungsfelder, ist sich der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes (BWGV), Roman Glaser, sicher.

„Genossenschaftlich getragene Quartiersentwicklung und erweiterte Daseinsvorsorge rücken als Alternativen zu rein privatwirtschaftlichen Wohnprojekten sowie vorwiegend rein kommunal organisierter Versorgung immer mehr in den Fokus“, sagt Glaser. Dabei spielen die lokale Nahversorgung mit Lebensmitteln, die Betreuung von Kindern und Senioren, Gesundheits- und Pflegedienstleistungen oder auch Mobilität eine wichtige Rolle.

So beschäftigen sich von den im vergangenen Jahr neun neu gegründeten Genossenschaften im Südwesten drei mit dem Verkauf von Lebensmitteln vor Ort. Eine, die Mednos eG in Calw, betreibt Hausarztpraxen und schließt damit eine Lücke in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum, wo der oftmals drohende Ärztemangel ein großes Problem darstellt.

Glaser: „Die qualitativ hochwertige, flächendeckende und ortsnahe medizinische Versorgung ist ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Städte und Gemeinden. Hierbei können Genossenschaften eine wichtige Rolle spielen.“ Praxisgenossenschaften böten flexible Arbeitszeiten, Angestelltenverhältnisse und Möglichkeiten zur Teilzeit-Beschäftigung für Mediziner sowie geteilten Verwaltungsaufwand. Das sei für junge Medizinerinnen und Mediziner häufig attraktiver als die Selbstständigkeit.

Auch in Sachen Unternehmensnachfolge könnten Genossenschaften eine Lösung für ein anhaltendes Problem werden. „Im Handwerk existiert eine akute Nachfolgeproblematik“, sagt Glaser. Potenzial sieht er aber nicht nur in diesem Bereich, sondern auch bei landwirtschaftlichen Betrieben, freien Berufen oder im Handel. So gründeten beispielsweise im vergangenen Jahr die Mitarbeiter des Karlsruher Biomarktes Füllhorn eine Kooperative, um den altersbedingten Verkauf durch die Inhaber zu stemmen. Insgesamt 450 Mitglieder fanden sich zusammen, um das Projekt gemeinsam auf die Beine zu stellen.

„Bereits drei gute Mitarbeiter genügen, um eine Genossenschaft zu gründen und so den Betrieb gemeinsam fortzuführen“, wirbt Glaser für das Modell. Der bisherige Inhaber könne seinen Betrieb in vertraute Hände geben, zudem bestehe die Möglichkeit, dass er etwa für einige Jahre Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft wird und den Betrieb und die neue Geschäftsleitung so weiter begleiten kann.

„Mit Kreativität gegen die Folgen der Krise gestemmt“


Laut BWGV sind in diesem Jahr bereits sechs neue Genossenschaften in Baden-Württemberg gegründet worden, in den vergangenen zehn Jahren seien es rund 300 gewesen. Insgesamt zählt der Verband 781 Organisationen aus rund 50 Branchen mit 33.850 Beschäftigten. 3,92 Millionen Einzelmitglieder sind bei ihnen engagiert – das ist mehr als jeder dritte Einwohner im Land, in der Bundesrepublik ist der Südwesten damit führend.

Im vergangenen Jahr erzielten die 622 (2019: 630) Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften mit zusammen 9,12 Milliarden Euro 2,8 Prozent mehr Umsatz. „Unsere Mitgliedsunternehmen haben sich mit aller Kraft und viel Kreativität gegen die Folgen der Krise gestemmt“, sagt Glaser „Die Menschen haben gespürt, wie wichtig und wertvoll regional tätige Unternehmen sowie vor Ort erzeugte Produkte und Dienstleistungen sind – in der Landwirtschaft, aber auch in vielen anderen Bereichen.“

Das spiegelt sich besonders im landwirtschaftlichen Bereich wider. Die Einnahmen der 21 Obst-, Gemüse- und Gartenbau-Genossenschaften beziehungsweise -Vertriebsgesellschaften legten 2020 um 10,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 543 Millionen Euro zu. Molkereien und Milcherzeuger können ebenfalls auf ein solides Jahr zurückschauen: Die Umsätze der sechs genossenschaftlichen milchverarbeitenden Betriebe stiegen 2020 um insgesamt 7,4 Prozent auf 886 Millionen Euro.

Einen Umsatzrückgang um 4,6 Prozent auf 419 Millionen Euro hatte jedoch die Viehwirtschaft zu verzeichnen. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Strukturwandels verringerte sich die Zahl der Mitglieder bei landwirtschaftlichen Genossenschaften um 2.500 auf 95.200.

Ihr Autor

BT-Redakteur Tobias Symanski

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Erstellt:
3. Mai 2021, 06:30 Uhr
Lesedauer:
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